Zuversicht

[Rheinprovinz, Anfang 1920]

Im Februar 1920 rückten französischen Besatzungstruppen in Bonn ein und besetzen zugleich Oberkassel, Oberpleis, Römlinghoven, Vinxel, Stieldorf, Rauschendorf und Uthweiler. Königswinter, Bad Honnef und Linz lagen in der neutralen Zone. Auch hier waren Soldaten eines französischen Kolonialregiments stationiert – eine schwierige Situation für beide Seiten.

Weinbauer diesseits und jenseits des Atlantiks

Nach dem ersten Treffen in Bonn verschwand die Befangenheit zwischen Chiara und John und den Bergmanns schnell. Man telefonierte, Chiara schickte Fotos von ihren Kindern, von ihrer Mutter Amber und allen drüben in Amerika. Lottie und Matthias teilten ihre Sorgen. In den USA galt die Prohibition seit 1919 landesweit, vergeblich hatte Präsident Wilson sein Veto eingelegt. Nun waren alle Getränke mit mehr als 0,5% Alkohol-Gehalt verboten, also auch Wein und Bier. Für die Weinbauern war das existenzbedrohend, und auch das Weingut der amerikanischen Bergmanns, der „Mountain Men“ im Shennandoah Valley in Virginia musste um sein Weiterbestehen kämpfen. Wie die meisten Winzer stiegen sie auf Traubensaft um und bauten nur im Rahmen der gesetzlichen Ausnahmereglungen weiter Wein an. Auch Bergmanns am Rhein, die das Weingut in Virginia lieben gelernt hatten, ging das sehr nah.

Eine Hochzeit im Februar 1920

Der Februar des Jahres 1920 war warm, schon Ende des Monats blühten die ersten Krokusse. Jedes Jahr wieder freute sich Kathi über diese kleine Blümchen, die mit ihren prächtigen Farben auch an rauen Tagen Optimismus ausstrahlten. Kathi und Max wussten wohl, dass ihnen raue Jahre bevorstanden, aber sie liebten sich, gaben sich Kraft, und wollten die Dinge zum Guten wenden.

Zu ihrer Hochzeit waren Familie und Freunde auf dem Weingut Bergmann zusammengekommen. Auch Chiara und John hatten für diesen Tag Urlaub bekommen. Kathi und Susan zeigten ihnen ihr „Stübchen“. Chiara hatte unbedingt sehen wollen, wo ihr geliebter Großvater Lorenz als Kind so oft gewesen war. Nun betrieben Kathi und Susan hier eine Armenküche, einen günstigen Laden und lieferten sogar aus. Im Nebenzimmer verbrachte Helene aus Stoffresten wahre Wunder. Chiara war tief bewegt. „Opa Lorenz wäre so stolz auf Euch“, sagte sie immer wieder.

„Das ist sicher nicht einfach für Dich“, meinte Kathi, „John und Du seid hier, Eure Kinder zuhause, Ihr müsst sie sehr vermissen.“ Chiara lächelte wehmütig. „Oh ja“, antwortete sie, „auch wenn ich weiß, dass sie bei ihren Großeltern bestens aufgehoben sind. Doch beide Kinder wären sehr enttäuscht von mir gewesen, wenn ich dem Ruf nicht gefolgt und ihren Papa hier alleine hätte arbeiten lassen. Es ist ja nicht für lange Zeit, John ist für knapp zwei Jahre in Koblenz stationiert. In den Sommerferien kommen die beiden her, sie möchten auf unserer kleinen Armee Farm mithelfen, dann werden wir uns ganz bestimmt wiedersehen. Wir alle wollen unseren Teil dazu beitragen, unsere Welt neu aufzubauen. Aber nun lass‘ uns erst einmal Deine Hochzeit feiern.“

Sophies Schleier aus Brüsseler Spitze

Nur Kathis Eltern waren etwas traurig. Ihnen selbst war ein schöne Hochzeit und ein Jahr in den USA vergönnt gewesen, damals herrschte tiefer Frieden und das Kaiserreich blühte. Nun heirateten Kathi und Max zu einer Zeit, als von all dem nichts mehr geblieben war. Man musste ja schon für das ungewöhnlich milde Klima dankbar sein, denn die Kohlen hätten nicht gereicht, um alle Räume zu heizen.

Doch eine Überraschung hatte Lottie noch für ihre Tochter: einen herrlichen Schleier aus Brüsseler Spitze, der schon viele Jahre in ihrer Familie war. „Der ist noch von meiner Mutter, Deiner Großmutter Sophie“, sagte sie, „als sie damals direkt nach dem Deutschen Krieg in aller Eile Papa heiratete, hatte sie auch nur diesen Spitzenschleier.“

Kathi war tief gerührt. Mit ihrem schlichten Kleid und Sophies Spitzenschleier war sie eine wunderschöne Braut. Und als ihr Vater Matthias sie zum improvisierten Altar führte und verlegen das Bein ein wenig hinterher zog, da meinte sie: „Papa, Du hast Dein Bein behalten können, wir sind alle heute hier zusammen – wir sind reich beschenkt.“

Joscha und Marie

Auch Joscha und Marie waren zu Kathis Hochzeit gekommen – sehr zur Freude ihrer Familien und Freunde. Während der turbulenten Monaten der ungarischen Räterepublik und des ungarisch-rumänischen Kriegs waren sie sehr in Sorge gewesen. Doch Joscha war zuversichtlich, dass seine ungarische Verwandten und Freunde klarkommen würden und hatte die Leitung des Landguts einem Cousin übertragen.

Spät am Abend, als die Familie noch beisammen saß, holte er tief Luft und sagte dann: „Österreich und Belgien wollen ein Abkommen zur Regelung der österreichischen Schulden an belgische Staatsangehörige aushandeln, da kann ich vielleicht helfen. Marie und ich werden nach Brüssel gehen.“ Als er Lotties erschrockenes Gesicht sah, fügte er hinzu: „Ich weiß, einfach wird es nicht. Sie haben allen Grund, uns zu hassen. Ich möchte es tun, auch für unsere Mama. Ich möchte schauen, ob unsere Brüsseler Bekannten noch leben, ob es irgendeine Möglichkeit gibt, alte Beziehungen wieder neu zu knüpfen. Für niemanden ist es einfach in diesen Tagen, nicht für Euch im besetzten Rheinland und auch nicht für Chiaras Familie.“ Chiara lächelte ihn dankbar an. „Nein, das ist es sicher nicht. Ich denke da genauso wie Du, wir müssen unser Bestes tun, damit unsere Welt wieder ins Gleichgewicht kommt. Und Ihr beiden wäret auch bei uns willkommen!“

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