Volldampf voraus

Neues Palais, Park Sanssouci, Potsdam
Neues Palais, Park Sanssouci, Potsdam

[Deutsches Reich, um 1890]

Kaiser Friedrich III. war nach nur 99 Tagen  auf dem Thron im Neuen Palais in Potsdam verstorben. Im „Dreikaiserjahr“ 1888 folgte de facto der Enkel Wilhelm II. dem Großvater Wilhelm I.

Mit der Thronbesteigung Wilhelms II. entspannte sich das durch den Kulturkampf angespannte Verhältnis zwischen Rheinländern und Altpreußen. Der Kaiser, der Student in Bonn gewesen war, genoss durchaus Sympathien. Viele junge Mädchen, „Backfische“, schwärmten gar für den jungen, modernen, schneidig auftretenden Kaiser. Obwohl als Hohenzoller Protestant, pflegte er keine Antipathien gegen die katholische Kirche.

Der moderne Industriestaat

Wilhelm sah sich selbst als Vertreter einer neuen Generation, als modernen und fortschrittlichen Herrscher, der gerne in dieser Zeit eines gewaltigen technischen Fortschritts lebte, an der Schwelle zu einem neuen Jahrhundert, in dem es immer weiter aufwärts gehen würde – „herrliche Zeiten“ eben, und die er ganz bewusst mitgestalten wollte.

Das wilhelminische Deutschland war ein moderner Industriestaat; nach Jahrzehnten der Stagnation ging es in den 1890er Jahren endlich rapide aufwärts und wurde schließlich zur zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt nach den USA. Da auch die Reallöhne stiegen, verbesserten sich allmählich auch die Lebensverhältnisse vieler Menschen, sogar die Auswandererzahlen gingen zurück.

Firmen wie Krupp und auch die Zukunftsindustrien Optik, Pharmazie und Elektrik trugen zum Wirtschaftsboom bei; der Kaiser suchte den Kontakt zu führenden Industriellen wie den Krupps. In Berlin und anderen Großstädten sah man Automobile, Straßenbahnen und elektrisches Licht. Die Hauptstadt war zu einer gewaltigen Monopole geworden, die man ab und zu „Spree-Chicago“ nannte. Berlin war prachtvolle Kaiserstadt, Industriestadt, Kulturstadt, hatte verschiedene Parks und seit 1893 endlich eine fertige Kanalisation. Seit 1894 tagte der Reichstag in einem pompösen neuen Gebäude, das aber nicht höher werden gedurft hatte als der von Kaiser Wilhelm II. erbaute Berliner Dom. Die ersten Schutzmänner versuchten, den hektischen Verkehr halbwegs zu regeln, man baute Stadtbahnen, U-Bahnen und Vorortstrecken der Eisenbahn.

An den Standorten der Fabriken wuchsen neue oder größere städtische Ballungsräume. Damit entstanden besondere Gesundheitsprobleme, aber auch neue Ansätze zu ihrer Lösung. Medizin und Hygiene machten Fortschritte, die Säuglingssterblichkeit ging zurück, die Lebenserwartung stieg. In der Industrie rationalisierte man Herstellungsprozesse durch Arbeitsteilung, die Arbeit wurde eintöniger, aber nicht weniger anstrengend.

Es war eine Zeit großen Fortschritts: 1895 entdeckte Röntgen die Gammastrahlen, 1898 das Ehepaar Marie und Pierre Curie die Radioaktivität. Es folgten die Quantentheorie (1900) von Max Planck und Albert Einsteins Relativitätstheorie (1905). 1911 leitete Ernest Rutherford aus Streuversuchen das Rutherford’sche Atommodell ab. Bereits zwei Jahre später, gestützt auf Rutherfords Erkenntnisse, stellte Niels Bohr sein Atommodell auf. Robert Koch entdeckte den Tuberkulose- und Cholera-Erreger. Sigmund Freud begründete 1890 die Psychoanalyse.

Bismarcks Entlassung

Trotz all seiner Verdienste war Bismarcks Zeit nun vorbei. Des jungen Kaisers neue Welt mit ihrem technischen Fortschritt, den Überseehäfen, Automobilen und ihrem Radau blieb ihm fremd. Sein Lebenswerk, die Reichsgründung, war getan, doch sein Kaiser und die vielen jüngeren Menschen im Reich wollten nicht nur das Erreichte bewahren und sichern. Deutschland war schon die „verspätete Nation“, nun sollte das Deutsche Reich, das herausragende wirtschaftliche und militärische Erfolge vorweisen konnte und bis auf die USA jeden überflügelte, auch einen angemessenen Platz unter den Weltmächten einnehmen. Den meisten gefiel das selbstbewusste, forsche Auftreten ihres Kaisers. Doch bald wurde der Nationalismus zum Chauvinismus, der andere Nationen und Menschen abwertete.

Wilhelm II. wollte allen Untertanen ein guter Kaiser sein, auch und gerade den Armen. Er empfing eine Arbeiterdelegation, anstatt den Aufstand niederschlagen zu lassen. Als Bismarck ein neues, noch schärferes Gesetz gegen die Sozialdemokratie einbringen wollte, lehnte Wilhelm ab; er wollte die Gegensätze durch eine noch bessere Sozialpolitik mildern und die Arbeiterschaft mit dem Staat aussöhnen. Politisch teilhaben lassen wollte er sie nicht.

Vor allem wollte der junge Kaiser nicht im Schatten des übermächtigen Kanzlers stehen, sondern „sein eigener Kanzler sein“, und griff immer mehr in die Regierungsgeschäfte ein. Bismarck wiederum, der fast dreißig Jahre lang der zweitmächtigste, wenn nicht gar der mächtigste Mann im Reich gewesen war, sah sich degradiert. Es kam zum Bruch, und am 20. März 1890 wurde Bismarck entlassen. Seine letzten Lebensjahre verbrachte er auf seinem Gut Friedrichsruh bei Hamburg, mit seiner Familie und seinen geliebten Doggen. Am 30. Juli 1898 verstarb er.

Konservative Gesellschaft

Der wirtschaftliche Fortschritt ging nicht mit politischem einher, das wilhelminische Deutschland war ein konservativer Obrigkeitsstaat. In seinem Herrschaftsverständnis war Wilhelm II. überhaupt nicht modern, sondern griff auf das Gottesgnadentum zurück, wenn er sich als „Instrument des Himmels“ bezeichnete. Nach dem Kaiser standen der Adel, die Militärs und die Besitzbürger an der Spitze der Gesellschaft; sie waren in der Regel ergebene Untertanen seiner Majestät. Vor allem das Militär genoss hohes Ansehen; der Jahrestag der Schlacht von Sedan wurde groß gefeiert, der Kaiser selbst trug stets Uniform, und auch für eine zivile Karriere war der Militärdienst Voraussetzung, der Status eines Reserveoffiziers ein erstrebenswertes Ziel.

Das Parlament, der Reichstag hingegen genoss trotz des gewaltigen, pompösen neuen Reichstagsgebäudes genoss nur geringes Ansehen.

Obwohl die Arbeiter tagtäglich so viel leisteten und der wirtschaftliche Aufschwung ohne sie gar nicht möglich wäre, waren viele Arbeiterfamilien vom Elend bedroht, und politische Partizipation blieb ihnen versagt. Die Arbeiterschaft organisierte sich in Gewerkschaften und politischen Parteien. 1890 wurde die SPD stärkste Fraktion im Reichstag. Sozialisten aber standen ganz am unteren Ende der Gesellschaft.

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