Verständigungspolitik

Briand und Stresemann
Briand und Stresmann

[Deutschland, 1925]

Seit dem 5. Oktober 1925 verfolgte man gespannt die Nachrichten. Erstmals seit dem Ende des Krieges waren Staatsmänner aus sieben der wichtigsten europäischen Nationen zusammengekommen. Sie verhandelten über einen  multilateralen Sicherheitspakt.

Die Konferenz von Locarno (Oktober 1925)

Die neue internationale Konstellation, das gemeinsame Interesse der einstigen Kriegsgegner am Wiederaufbau, einer gesicherten Zahlung der Reparationen an die Alliierten einerseits und dem Schutz Deutschlands vor Sanktionen andererseits sowie die Rückkehr der USA nach Europa ließen hoffen. Die Bereitschaft, die Sorgen der Gegenseite ernst zu nehmen, führte im Oktober 1925 nach einem intensiven Notenwechsel zu einem Treffen der führenden Staatsmänner in Locarno. Auch die Amerikaner hatten das ihre getan: amerikanische Finanzkreise hatten gedroht, den Kreditstrom nach Europa zu stoppen, sollte dort keine stabile Ordnung geschaffen werden.

Erstmals nach dem schrecklichen Krieg gab es Anlass zur Hoffnung auf einen dauerhaften Frieden in Europa. Ein multilateraler Sicherheitspakt sollte verhandelt werden, im besten sogar eine Friedensordnung für Europa. England hatte Außenminister Stresemann Mut gemacht. Die Hoffnungen ruhten vor allem auf dem deutschen Außenminister Gustav Stresemann und seinem französischen Amtskollegen Aristide Briand, starke Persönlichkeiten, die den Willen zur Verständigung einbrachten.

Trotzdem waren es schwierige Verhandlungen, bis eine Dampferfahrt auf dem Lago Maggiore dem viel beschworene „Geist von Locarno“ zum Durchbruch verhalf. Nun bestimmten nicht mehr die Ankläger den Angeklagten die Bedingungen, nun entdeckten Staatsmänner, dass sie wie vernünftige Menschen zwanglos, gutwillig und mitteilsam miteinander reden konnten und der eine für die Schwierigkeiten des anderen Verständnis aufbringen konnte.

Auch die rheinischen Zeitungen verbreiteten verhaltenen Optimismus. Sicher wäre vermessen, eine 180-Grad- Wendung in der Politik Frankreichs zu erwarten, aber wenn es wenigstens Erleichterung für die besetzten Gebiete gäbe! Noch immer bestimmten die Besatzungstruppen das Leben, hatte die Rheinlandkommission das Recht, nach eigenem Ermessen Ordonnanzen zu verfügen, noch steckte vielen die Angst vor Annexion und der Schrecken der Separatistenzeit in den Gliedern.

Am 16. Oktober kam die Konferenz zu einem Ergebnis, dem sogenannte Rheinpakt: Frankreich und Belgien einerseits und Deutschland andererseits verzichteten auf eine gewaltsame Änderung ihrer gemeinsamen Grenzen. Das Reich erkannte noch einmal die Abtretung von Elsass-Lothringen und die Entmilitarisierung des Rheinlandes an, dafür garantierten Großbritannien und Italien der deutschen Westgrenzen. Eine erneute Besetzung des Ruhrgebiets, die 1923 das Reich in den Ruin getrieben hatte, war damit ausgeschlossen.

Kein „Ost-Locarno“

Die Polen und Tschechoslowaken hingegen sahen den Vertrag mit Sorge um Empörung. Sie erhielten keine Garantie ihrer Grenzen, und Deutschland war nur bereit, auf eine gewaltsame Revision der Grenzen zu verzichten, nicht aber auf eine friedlich. Zudem hatte man Deutschland weitgehend erlassen, Polen im Falle eines sowjetischen Angriffs Hilfe zu leisten.

Die Verträge von Locarno, insgesamt sieben, wurden am 1. Dezember 1925 in London unterzeichnet, nachdem die Parlamente zugestimmt hatten. Sie traten am 10. September 1926 mit der Aufnahme von Deutschland in den Völkerbund in Kraft.

Erleichterungen im besetzen Rheinland

Für die Menschen in den besetzten Gebieten entspannte sich der Alltag durchaus. Die fremden Truppen wurden reduziert, die Kreisdelegierten abgezogen, die kommunale Verwaltung kam wieder in die eigenen Hände, und besetzte Wohnungen wurden freigegeben. Die Franzosen würden Bonn räumen, und am 1. Dezember 1925 begann Großbritannien mit der Räumung der Kölner Zone. Kölns Oberbürgermeister Konrad Adenauer war sicher hoch erfreut, doch auf Stresemann war er nach wie vor nicht gut zu sprechen. Das „Unstete, das Schwankende“ in Stresemanns Politik behagte ihm gar nicht.

Berliner Vertrag

Am 24. April 1926 in Berlin schloss Stresemann mit der Sowjetunion einen deutsch-sowjetischen Freundschaftsvertrag. Der Handel sollte intensiviert werden, und auch – im Geheimen – die Zusammenarbeit zwischen Reichswehr und Roter Armee. Stresemann, Außenminister eines Landes in der Mitte Europas, wollte der Sowjetunion damit signalisieren, dass der Ausgleich von Locarno mit den westlichen Nachbarn keine Abwendung von der Sowjetunion war. Im Gegenteil, Deutschland sicherte der Sowjetunion zu, im Falle eines Krieges der Sowjetunion gegen einen Drittstaat neutral zu bleiben.

Dies ging gegen Polen, das nach dem Krieg aus deutschen und russischen Gebieten neu gegründet worden war und mit Frankreich durch ein Defensivbündnis geschlossen hatte. Bei einem polnisch-sowjetischen Krieg hätten Frankreich ihm nur schwer beistehen können, wenn es nicht durch Deutschland marschieren durfte. Auch Deutschland erhoffte mit dem Vertrag, den Druck auf Polen verstärken zu können, um Polen dazu zu bewegen, deutschen Forderungen nach einer Revision der im Versailler Vertrag festgelegten Grenzen entgegenzukommen. Diese Erwartungen sollten sich nicht erfüllen.

Aufnahme in den Völkerbund

Am 8. September 1926 wurde Deutschland in Genf in den Völkerbund aufgenommen. Am 10. Dezember bekamen Stresemann und Briand gemeinsam den Friedensnobelpreis.

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