Soll das Rheinland versacken?

Alte Bonner Rheinbrücke
Alte Bonner Rheinbrücke

[Rheinprovinz, Ende 1923]

Der passive Widerstand war zu Ende. Kathi war verzweifelt und wütend zugleich. Ihr war klar, dass Reichskanzler Stresemann angesichts der verheerenden Folgen keine Wahl geblieben war. Doch was sollte nun aus den besetzten Gebieten werden?

Monatelang hatten sie gekämpft, Entbehrungen ertragen und dem zermürbenden Druck standgehalten. Und nun sah es so aus, als wäre alles umsonst gewesen. Kein einziger ausländischer Soldat war abgezogen. Schon sprachen die Rechten, und nicht nur sie, von der „Kapitulation an der Ruhr“.

Verschärfung der Notlage

Der Abbruch verschärfte die Lage noch einmal. In den Betrieben standen alle Räder still, Rohstoffe waren längst weggebracht oder aufgebraucht, Absatzwege verlorengegangen. Andere Betriebe, die man während des passiven Widerstandes mit Reichskrediten über Wasser gehalten hatte, mussten nun schließen. Kaum jemand hatte Arbeit, und bei der verheerenden Inflation waren die Löhne am Abend des Zahltags bald nichts mehr wert. Die Unterstützung für Erwerbslose reichte kaum zum Leben – sofern die Händler und Bauern das fast wertlose Papiergeld überhaupt noch annahmen. Viele Menschen wussten nicht mehr, wie sie sich und ihre Familien über die Runden bringen sollten.

Währungsreform

Hilfe konnte nur eine neue, gesunde Währung bringen. Die Reichsregierung plante eine Währungsreform: Als Übergangswährung sollte zunächst die Rentenmark kommen, gedeckt durch eine Zwangshypothek auf allen produktiven Grundbesitz in Landwirtschaft, Industrie und Gewerbe. Später sollte wieder eine goldgedeckte Währung folgen. Aber würden die Alliierten einer Einführung in den besetzen Gebieten zustimmen? Würden sie die neue Rentenmark vielleicht sogar beschlagnahmen? Finanzminister Luther trieb die Sorge um den Geldwert um: damit die Rentenmark stabil blieb, musste sie knapp gehalten bleiben, und dafür musste man in letzter Konsequenz die gewaltigen Unterstützungsleistungen für die besetzten Gebiete zusammenstreichen oder gar ganz einstellen.

Überlegungen in Berlin

In dieser schlimmen Lage wurde in Berlin ernsthaft darüber nachgedacht, die Zahlungen einzustellen und das besetzte Gebiet seinem Schicksal zu überlassen, es „versacken“ zu lassen. Mit anderen Worten: zumindest für einige Zeit wäre das Rheinland vom übrigen Deutschland losgelöst. Später könnte man es sich dann wiederholen – mit Waffengewalt.

Die starre Haltung des französischen Ministerpräsidenten Poincaré gab den Verfechtern dieser „Versackungspolitik“ Auftrieb. Auch Reichskanzler Stresemann sah nun deutlich, dass Poincarés Interessen weit über die „Sicherung produktiver Pfänder“ hinausgingen: er wollte die Gebiete an Rhein und Ruhr vom Reich abtrennen und so Deutschland auf Dauer schwächen.

Demoralisierung

Wenn Kathi morgen in ihr Stübchen kam, wartete schon eine lange Schlange auf dem Bürgersteig. Man konnte kaum mehr etwas kaufen, und für das wenige was es gab reichte das Geld nicht mehr. Viele Familien mussten ohne ihre ausgewiesenen Männer klarkommen, so wie sie selbst. Die Menschen fühlten sich im Stich gelassen. Auf wen konnte man vertrauen? Auf die Reichsregierung, die selbst mit dem Rücken zur Wand stand und schon bald um ihr Überleben kämpfen musste?

Umsturzversuche und Kabinettskrise

In Sachsen und Thüringen wollte die KPD aus der Krise Profit schlagen. Ab September stellte sie mit Geld und Militärexperten aus Moskau „Proletarische Hundertschaften“ auf, insgesamt 50-60.000 Mann. Zudem trat die KPD in Dresden und in Weimar in die SPD-geführten Landesregierungen ein. Für Reichspräsident Ebert und Reichskanzler Stresemann war es untragbar, dass Kommunisten als geschworene Feinde der parlamentarischen Demokratie Staatsämter übernahmen. Daher verfügten sie die Reichsexekution gegen diese Länder, Ebert kommandierte Reichswehrtruppen nach Dresden und Weimar. Es kam zu schweren Kämpfen mit vielen Toten und Verletzten. Schließlich wurden die „Proletarischen Hundertschaften“ aufgelöst, die kommunistischen Minister wurden entlassen oder traten zurück. Zur selben Zeit wurde ein kommunistischer Aufstand in Hamburg von der Polizei niedergeschlagen.

In Bayern verweigerten die weit rechts stehende Landesregierung und die dort stationierte 7. Reichswehr-division der Reichsregierung die Anerkennung. Am 8./9. November putschten Hitler und Ludendorff.

Die SPD-Fraktion im Reichstag war empört, dass die Regierung Stresemann gegen linken Regierungen in Sachsen und Thüringen die Reichsexekution verfügt hatte, nicht aber gegen die Rechtsdiktatur in Bayern. Am 2. November 1923 traten die SPD-Minister aus dem Kabinett aus; von nun an war Stresemann Kanzler eines Minderheitenkabinetts auf Abruf.

Gespräche mit Frankreich

Aber ums Überleben ging es auch in den besetzen Gebieten. Am 9. November fasste das Kabinett drastische Beschlüsse: mit der Einführung der neuen Rentenmark am 15. November 1923 sollte die Unterstützung für die besetzten Gebiete gestoppt werden. Als einen Tag später Karl Jarres aus Duisburg Innenminister wurde, protestierte er sogleich. Mit Erfolg – zehn weitere Tage bis zum 25. November sollten Zahlungen geleistet werden.

Ließe man danach das Rheinland kollabieren? Aus Sicht des Kölner Oberbürgermeisters Konrad Adenauer musste man immer wieder versuchen, in Verhandlungen mit Frankreich eine Lösung zu finden, selbst wenn man dafür die Loslösung von Preußen oder gar dem Reich hinnehmen müsste. Die Reichsregierung erteilte ihm und den politischen Vertretern des Rheinlands die Ermächtigung zu direkten Verhandlungen. Wenn man seit Jahren eine alles überwältigende Krise erlebt, kein Licht am Ende des Tunnels mehr sieht, greift man nach jedem Strohhalm.

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