Biedermeier

[Rheinprovinz, um 1825]

Zermürbt von der ständigen Überwachung und Unterdrückung zogen sich viele Bürger resigniert zurück ins Private. Die Zeit des Biedermeier hat Carl Spitzweg in seinen Bildern festgehalten.

Man kultivierte das Privat- und Familienleben, suchte das häusliche Glück in den eigenen vier Wänden, die zum Rückzugsort wurden. Bürgerliche Tugenden wie Fleiß, Ehrlichkeit, Treue, Pflichtgefühl, Bescheidenheit wurden zu allgemeinen Prinzipien erhoben. Die Biedermeier-Wohnstube mit den schlicht-eleganten, zweckdienlichen Möbeln sollte vor allem behaglich und gemütlich sein.

Ein verdächtiger Lehrer

Auch Hubert fühlte sich auf Schritt und Tritt beobachtet. Längst sah man auch seine Unterlagen durch und teilte ihm überwiegend Rechenstunden, aber kaum noch Geographiestunden zu. Inzwischen hatte es sich herumgesprochen, dass Hubert seinen Schülern Zeichnungen seines Cousins Niklas aus Amerika zeigte und ihnen von den USA erzählte. Das hatte die Obrigkeit aufhorchen lassen, denn die USA waren eine Demokratie, und die europäischen Monarchen waren auf den US-Präsidenten James Monroe nicht gut zu sprechen. Während der Napoleonischen Kriege hatten die Ländern Lateinamerikas ihre Unabhängigkeit erkämpft. Die Heilige Allianz missbilligte dies und machte sogar Anstalten, Spanien bei der Wiederherstellung seiner Kolonialherrschaft zu unterstützen. Daraufhin hatte sich der US-Präsident in einer deutlich formulierten Erklärung gegen Übergriffe verwahrt („Monroe-Doktrin“).

Über Politik hatte Hubert mit den Kindern gar nicht gesprochen. Trotzdem war er den Behörden nun suspekt. Manchmal schlich sich sogar ein Spitzel in ihr „Stübchen“ ein, wenn er einigen Kindern über einer Tasse Schokolade Lesen und Schreiben übte. Oma Limbach und Anni hatten bald ein feines Gespür für diese ungebetenen Gäste entwickelt, und sobald sie einen nahen sahen, stieß Oma Limbach im anderen Raum „versehentlich“ eine Hutschachtel vom Regal, und Hubert wusste Bescheid.

Schutenhüte und Keulenärmel – Biedermeier-Mode

Eines Nachmittags bekam Oma Limbach Besuch von Madame Charlotte, die in der Nähe des Bonner Hofgartens ein Modehaus betrieb, das „Madame Charlotte“. Sie war sehr angetan von Oma Limbachs Kreationen und wollte sie für eine Zusammenarbeit gewinnen. Während sie im „Stübchen“ auf ihre Schokolade warteten, schaute Madame Charlotte sich um. „Ich mag diesen Raum sehr“, sagte sie. Die Biedermeier-Möbel mit ihren einfachen, schlichten Linien, mit Gebrauchsspuren aber liebevoll gepflegt, brachen die schönen Tischtücher und Servietten richtig zu Geltung. Oma Limbach war überrascht, denn Madame Charlottes Modehaus war sehr elegant und teuer. „Wissen Sie“, begann Madame Charlotte, „für mich sind Eleganz und Stil nicht eine Frage allein des Geldes und teurer Materialien. Wirkliche Eleganz entsteht, wenn die Kleidung das Einzigartige, den natürlichen Zauber der Trägerin hervorhebt. Jeder Ihrer Hüte, jeder Ihrer Schals tut das.“

Überrascht stellte Oma Limbach fest, dass ihre Besucherin elegant, aber relativ schlicht gekleidet war. Dabei war die Mode jener Jahre sehr aufwendig. Der Empire-Stil war vorbei, die Taille war wieder tiefer gerutscht und die Röcke waren weit ausgestellt. Auch die Ärmel wurden immer ausladender, so dass man schließlich von „Keulenärmeln“ sprach. Dazu trug man die Schute auf dem Kopf, über einer kunstvoll hochgesteckten Frisur, und einen Stockschirm in der Hand. Madame Charlotte lachte. „Im Vertrauen, ich vermute, dass einige meiner Kundinnen mit ihrer Kleidung auch gerne den Reichtum ihrer Männer zur Schau stellen möchten. Mit solchen Keulenärmel könnte ich nie arbeiten. Ich möchte auch Mode anbieten für arbeitende Frauen wir uns – schlicht und erschwinglich, aber schön. Ich bin der Meinung, weniger ist mehr, vor allem wenn das Wenige so zauberhaft ist wie bei Euch!“

Geschäftspartner: Oma Limbach und das Haus „Madame Charlotte“

Oma Limbach schlug ein. Madame Charlotte würde sie zu sich einladen und ihre neue schlichte Kleiderlinie vorstellen, und Oma Limbach würde mit Anni die Hüte und Schals herstellen. Inzwischen hatte sich Anni zu ihnen gesetzt. „Ihre Enkelin kann, wenn sie mag, in unserem Haus nicht nur ihre handwerklichen Fähigkeiten vervollkommnen, sondern auch alles rund ums Geschäft lernen“, bot Madame Charlotte an. Als Oma Limbach sie erstaunt ansah, ergänzte sie: „Mein Mädchenname ist Karla-Ottilie von Schmitz-Markgrafenstein. Ja, alter Adel vom Oberrhein. So hat meine Familie mich mit einem schwerreichen Mann verheiratet, und der hat mich nach Strich und Faden betrogen. Der Kinder wegen mussten wir zusammenbleiben, aber wir haben ihn dazu gebracht, eine große Geldsumme für mich anzulegen. Nun sind die Kinder erwachsen, er ist endgültig weg, und ich habe von dem Kapital mein Geschäft aufgemacht. Frauen wie wir müssen früh lernen, für uns und unsere Lieben zu sorgen.“

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