Lorenz muss fliehen

Mai 1849

[Rheinprovinz, Mai 1849]

Neue Kämpfe brachen aus, eine zweite Aufstandsbewegung vor allem in Sachsen, Baden, der Rheinprovinz und der Rheinpfalz wollte die Fürsten zur Annahme der Paulskirchenverfassung zwingen.

In Köln schien Widerstand wegen der hohen Militärpräsenz zum Scheitern verurteilt, doch in den Fabrikdistrikten auf dem rechten Rheinufer, in Iserlohn, Düsseldorf und Elberfeld, kam es zu offenem Widerstand. Doch nur eine große, landesweite Erhebung konnte das Blatt noch wenden. Als anerkannter demokratischer Führer in Bonn zögerte Kinkel keinen Augenblick: Zunächst würde man sich die Waffen der Landwehr aus dem Zeughaus in Siegburg holen, und dann mit den Aufständischen in Elberfeld kämpfen und den Aufstand nach allen Seiten ausbreiten. Die Zeit drängte, denn auf den 11. Mai war die Landwehr des Distrikts nach Siegburg berufen.

Der Sturm auf das Zeughaus in Siegburg

An diesem Tag, dem 10. Mai 1849, spürten Hans und Sophie, dass etwas nicht so war wie sonst. Tagesüber gab es angespannte Aufregung in Bonn. Lorenz war angespannt und wortkarg gewesen und hatte sie an diesem Tag nicht dabei haben wollen. Auch er war einberufen worden und sollte im Heer des Prinzen von Preußen helfen, die „Aufständischen“ in der Pfalz und in Baden zu bekämpfen. Das ging doch nicht! Diesen Menschen schlug sein Herz wärmstens entgegen; und würden die Preußen siegen, würden viele von ihren Kampf für ein freies Vaterland mit dem Leben bezahlen. So hatten Hans und Sophie ihn noch nie gesehen; sie spürten, dass er ihnen etwas verheimlichte. Dann war er auf einmal weg.

In dieser Nacht schien in Bonn etwas zu passieren. Sophie und Hans bestanden darauf, bei Emil in Dollendorf zu schlafen, da war man näher dran, und ihr Vater Jean willigte ein und begleitete sie; auch er hatte keine Ruhe. Als die Nacht anbrach, konnte keiner von ihnen schlafen. Zusammen kauerte sie vor dem Fenster. Dann sahen sie, wie mitten in der Nacht die Fähre von Beuel nach Bonn driftete, und kurz danach zurückkam. Jetzt wussten sie, dass etwas im Gange war. Mitten in der Nacht waren 120 Bonner Bürger und Studenten, unter ihnen Kinkel und Schurz, über den Rhein gesetzt und waren auf dem Weg nach Siegburg.

Jean postierte sich draußen vor der Haustür. Weit nach Mitternacht kam Lorenz angehetzt. Die Aktion war nicht geheim geblieben, schon bald war ein Trupp Dragoner hinter den Aufständischen her, und der Anführer Anneke hatte gleich gesehen, dass ohne Waffen Widerstand zwecklos war. Er hieß sie auseinandergehen und sich jeder für sich durchzuschlagen. Lorenz hastete mit einem Kommilitonen davon und war selbst schon in Deckung, doch der Kommilitone war nicht schnell genug. Schon hatte ihn ein preußischer Soldat gestellt. Ohne an die Konsequenzen zu denken, war Lorenz losgestürmt und hatte den Soldaten mit einem verzweifelten Faustschlag niedergeschlagen.

Lorenz‘ Flucht

„Du musst fort, sofort“ sagte Jean. Auch im Dunkeln sah er, wie Lorenz noch bleicher wurde. Schon standen Hans, Sophie und Emil um ihn herum und kauerten sich an ihn. Wenn ein preußischer Untertan loszieht, um mit dem Feind gemeinsame Sache zu machen, kommt das Desertation gleich, und darauf stand Zuchthaus, im schlimmsten Fall die Todesstrafe. Und auch erst, als die Worte im Raum standen, wurde Jean ihre volle Tragweite klar. Er umfing Lorenz und drückte ihn. „Es hilft nichts, mein Junge“, sagte er bedrückt, „wenn der Soldat Dich erkannt hat, bist Du verloren.“ Und dann sagte er zu Hans: „Bitte hol‘ Mama her, schnell. Sie möchte auch neue Sachen für Hans mitbringen, vor allem seinen Hut. Morgen fahrt ihr mit mir los.“

Als Jean am nächsten Morgen seinen Dampfer bestieg, begleitete ihn wie so oft seine Familie. Anni, Sophie und Hans standen an der Reling und winkten hinüber zum Ufer, wie immer. Nur, dass unter Hut und Mantel von Hans der Lorenz steckte.

Außer Landes

Erst als der Dampfer die Rheinprovinz verlassen hatte, traute sich Lorenz wieder an Deck. Erst einmal war er außer Landes, dem unmittelbaren Zugriff der preußischen Polizei entzogen. Auf französischer Seite im Elsass ging er von Bord. Anni und Jean konnten ihm gerade genug Geld mitgeben, damit er sich eine Unterkunft mieten konnte. Lorenz war klar, dass er nicht zurück konnte, und es war fraglich, ob er hier auf Dauer in Sicherheit war. „In Paris haben sie die Arbeiter zusammengeschossen“, sagte Jean düster, „es wird nicht lange dauern, dann wird die preußische Polizei über die Grenzen hinweg arbeiten. Warte hier ein paar Tage, ob sie Dich zur Fahndung ausschreiben oder nicht. Doch wenn, musst Du weiter weg.“

Eine Woche später, als Jeans Dampfer wieder im Elsass anlegte, sah Lorenz nur Jean von Bord gehen, und wusste sofort, dass er Abschied nehmen musste. „Sie suchen Dich steckbrieflich, Junge“, sagte Jean traurig. „Wir haben alle gesammelt, damit Du die Überfahrt nach Amerika zahlen kannst. Mein Schwager Matthieu, der Eisenbahner, kommt morgen her und bringt Dich mit der Bahn bis an die Küste. Seine Uniform wird Euch bei den Kontrollen helfen. Dein Vater wird Niklas und Heinrich schreiben, dass Du kommst. Es tut mir leid, ich konnte ihn nicht mitbringen, ohne ihn in Gefahr zu bringen, man beobachtet Euer Haus.“

Amerika .. als Junge hatte Lorenz davon geträumt, einmal Niklas und Heinrich in Amerika zu besuchen, und der Gedanke an Amerika schreckte ihn nicht. Wohl aber der Gedanke, dass es eine Flucht war, überstürzt, kaum vorbereitet, und wer weiß wann er sie alle und seine Heimat wieder sehen würde, ob überhaupt. Tapfer kämpfte gegen die Tränen, als er Jean zum Abschied umarmte. „Auf ewig werden sie die Freiheit nicht unterdrücken können“ sagte Jean, „Du wirst sehen, ein Abschied für immer ist das nicht.“

Schlimme Nachrichten aus Baden

Nach und nach kamen die Nachrichten nach Bonn. Schon im Juli wurde der Aufstand vor allem durch preußische Truppen unter Führung des Prinzen Wilhelm niedergeschlagen. Die letzte Bastion der Revolutionäre war Rastatt. Sie wurde über Tage belagert, und als keine Hoffnung mehr bestand und vielen Menschen nichts mehr zu Essen und zu Trinken hatten, ergaben sich die Revolutionäre am 23. Juli 1849. Vielen, vor allem den preußischen Staatsangehörigen, drohte die Todesstrafe. Wilhelm, der Prinz von Preußen, hatte sogleich 27 Todesurteile verfügt, noch immer waren viele Menschen in den Kasematten eingesperrt. Kinkel war während der Kämpfe verletzt worden und gefangen genommen worden. Carl Schurz hatte im letzten Moment durch einen Abwasserkanal fliehen können.

Dann, am 4. August 1849, wurde auch Gottfried Kinkel vor ein Kriegsgericht in Rastatt gestellt. Als preußischem Untertan drohte ihm die Todesstrafe. Nur, da dem preußischen Staat durch ihn kein nachweisbarer Schaden entstanden war, konnte statt der Todesstrafe eine lebenslängliche Festungsstrafe verfügt werden. Die Anklage hielt die Todesstrafe für gerechtfertigt, wies aber zugleich daraufhin, dass sie bislang noch bei keinem Gemeinen verfügt worden war, und dass mehr als tausend Bonner, unter ihnen die Limbachs und Bergmanns, ein Gnadengesuch eingereicht hatten. So stellten sie den Richtspruch dem König anheim. Mit Bescheid vom 13. September 1849 gab der König dem Gnadengesuch statt, verfügte aber zugleich, dass Kinkel seine Festungsstrafe in einer Zivilanstalt verbüßen müsste, und das hieß: Zuchthausstrafe, jetzt wurde Kinkel behandelt wie ein Schwerverbrecher.

Lorenz Bergmann war da schon auf hoher See, Richtung Amerika.

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