Kampagne gegen den Young-Plan

[Deutschland, Dezember 1929]

Der Börsencrash in New York, der Schwarze Freitag, weitete sich schnell zu einer Weltwirtschaftskrise aus, die auch Deutschland in den Abgrund zu reißen drohte.

Volksbegehren und Volksentscheid gegen den Young-Plan

Man konnte nur hoffen, dass der Young-Plan zur Neuregelung der Reparationszahlungen der Weimarer Republik etwas Stabilität geben würde. Die Staats- und Regierungschefs hatten auf ihrer Konferenz in Den Haag vom 6.-31. August 1929 den Young-Plan grundsätzlich verabschiedet. Doch wegen der langen Laufzeit war dieser Plan, der noch die Kinder und Enkel zur pünktlichen Schuldentilgung verpflichtete, für viele Menschen schwer zu ertragen, nicht nur für die Extremen.

Die Rechte, mit dabei die Nationalsozialisten, hatten eine bislang beispiellose Hetzkampagne dagegen entfesselt. Auf ihre Initiative lief seit Oktober ein Volksbegehren „gegen die Versklavung des Deutschen Volkes (Freiheitsgesetz)“. Es sollte nicht nur den Young-Plan zu Fall bringen, sondern den ganzen Versailler Vertrag revidieren. Manche unterstellten den Mitgliedern der Reichsregierung Landesverrat und wollten sie dafür ins Zuchthaus stecken. Das Volksbegehren hatte Erfolg – das Freiheitsgesetz kam in den Reichstag, doch dieser lehnte es mit der Mehrheit der Abgeordneten ab. Daraufhin beantragten die Initiatoren einen Volksentscheids: am 22. Dezember 1929 sollten die Bürger über das „Freiheitsgesetz“ abstimmen.

„Ich hatte drüben schon davon gehört“, sagte Joscha zu seinem Schwager Matthias, „doch es ist noch viel schlimmer als ich fürchtete“. „Ja, es ist mehr als schlimm“, bestätigte Matthias, „Hetze und Verleumdung überall. Es sind vor allem der Hugenberg-Konzern und die Nationalsozialisten. Die hassen unsere Republik, Hugenberg will die gesamte Rechte dagegen mobilisieren und druckt auch Hitlers Hetzreden in Massenauflage. Flugblätter, Plakate, seine ganze Presse, und wenn Du Radio und Kino hinzunimmst, erreichen sie Millionen. Höre selbst.“ Matthias ging zum Radio und stellte es an. Wieder lief eine Propaganda-Sendung: „Maschinerie des Hochkapitalismus zur Unterjochung Deutschlands“ (Hugenberg) – „Gustav Stresemann .. Ausbund aller gefährlichen Neigungen unserer Nation .. deren psychische Dekadenz sich eindeutig von seiner politischen Dekadenz herleitet“ (NSDAP). Das waren böswillige, ehrabschneidende Verleumdungen.

Dann die Regierung: „Umschwung .. sich die Stellung Deutschlands unter den Völkern wieder gefestigt hat .. Wiederaufbau zu Ende führen und unserem Lande die Zukunft zu sichern, auf die es ein Recht hat .. Versuch schlimmster Volksverhetzung .. das ‚Volksbegehren‘ würde diese hoffnungsvolle Entwicklung um Jahre zurückwerfen.“

Endlich hielt die Regierung dagegen, an vorderster Front Innenminister Severing. Er setzte insbesondere auf den Rundfunk. Die verschiedenen Sender waren verpflichtet, sogenannte Auflagevorträge unverändert zu senden. Die vereinigte Presseabteilung von Reichsregierung und Auswärtigem Amt, die Reichszentrale für den Heimatdienst (dies war ein Vorläufer der Bundeszentrale für politische Bildung) mit ihren Landesabteilungen schrieben und druckten gegen die Presse des Hugenberg-Konzerns an.

Auch Reichspräsident Paul von Hindenburg machte bei der Kampagne nicht mit, im Gegenteil: er lehnte jede Verbindung ab und verbat sich die Verwendung seiner Person in der Propaganda. Das sollte Folgen für ihn haben: Nun wurde auch er zum Ziel übler Attacken des Hugenberg-Konzerns.

Koblenz wird geräumt

Obwohl man auch in Frankreich die Entwicklung in Deutschland verfolgte und weitere Forderungen erhob, hielt man Wort. Vereinbarungsgemäß begannen die Franzosen mit der vorzeitigen Räumung des besetzten Rheinlands. Am Vormittag des 30. November 1929 wurde die Trikolore auf dem Ehrenbreitstein eingeholt.

Anfang Dezember fuhr Kathi mit Joscha nach Koblenz. Er war ewig nicht mehr auf der linken Rheinseite gewesen. Auch Kathi tat es gut. Für einen Moment vergaß sie ihre Sorgen. „Ich hatte so gehofft, dass wir das nicht noch einmal erleben“, sagte sie, „so viele Menschen, die Schlange stehen für eine warme Mahlzeit und nicht mehr ein noch aus wissen. Im Krieg hatten wir die Suppenküche, die ersten Jahre danach und 1923 während der Inflation. Dann hatten wir endlich ein paar gute Jahre, und nun .. weißt Du, ich glaube, es wird sehr schlimm werden. Aber ich will nicht jammern, drüben in Amerika ist doch auch die Hölle los. Ich denke so oft an Chiara und ihre Familie.“ Auch Joscha war ernst. „Ja, ich fürchte auch, dass es schlimm werden wird“, antwortete er, „Chiara und John sind durch seinen Arbeitsplatz beim Militär recht abgesichert, und Ambers Landgasthof wird auch über die Runden kommen. Für die Menschen auf dem Weingut der amerikanischen Bergmanns wird es noch schwerer. Das heißt, ein Weingut ist es ja seit Beginn der Prohibition nicht mehr. Sie sollten dieses verdammte Gesetz endlich aufheben, dann gäbe es vielleicht wieder ein bisschen mehr legale Arbeit. Du weist ja, drüben gibt es keine Sozialversicherungen wie hier.“ Eine Weile hingen beide ihre Gedanken nach, dann sagte Joscha. „Andererseits .. die USA sind eine stabile Demokratie, hier ist es anders. Bei dem Gedanken an die Rechten wird mir angst und bange.“

Der Volksentscheid scheitert

Gespannte Tage gingen ins Land. Dann endlich die gute Nachricht: der Volksentscheid war gescheitert. Für einen Erfolg wäre die Zustimmung von 50 Prozent aller Wahlberechtigten nötig gewesen, doch nur 13,5 Prozent waren zur Wahl gegangen.

Nun konnte es weitergehen. Im Januar 1930 würden sich die Staats- und Regierungschef noch einmal in Den Haag zusammenkommen und die letzten Regelungen treffen. Unter dem sozialdemokratischen Kanzler Hermann Müller, dessen Partei stets die Verständigungspolitik Stresemanns mitgetragen hatte, würde das Abkommen zustande kommen.

So konnte Joscha doch noch einigermaßen Weihnachten feiern. Nur Robert und Jonas, Kathis Kinder, schien das noch nicht so zu bedrücken. Immer wieder musste der Großonkel aus Amerika von den Zeppelinen berichten, die nun am Himmel flogen. Gerade erst im letzten Jahr war die Graf Zeppelin von Friedrichshafen über den Atlantik nach Amerika geflogen, und in Lakehurst gelandet. „Ja, das habe ich gesehen, Schatz“ meinte Joscha lächelnd zu Robert. „Stell Dir vor, im Moment fliegt sie um die ganze Welt“.

Eine „Republik ohne Republikaner“

Joschas Abreise stand bevor. An seinem letzten Abend am Rhein saß er mit Lottie und Matthias bei einer Flasche Wein. „Du fürchtest auch, dass es hier über kurz oder lang schlimm kommen wird, nicht?“ begann Matthias. „Ja“, antwortete Joscha, „nur wenige Zeitungen vertreten republikanische Positionen, die wenigsten Menschen sind überzeugte Republikaner.“ Matthias nickte. „Ja“, sagte er traurig, „die republikanischen Parteien der Mitte haben es immer schwerer, dafür gewinnen die Radikalen Boden. Der Hitler trifft sich auch hier mit Wirtschaftsführern, dann steigt er meistens drüben in Godesberg im Rheinhotel Dreesen ab. In Bonn und Koblenz sitzen Nationalsozialisten im Stadtrat. In Honnef haben sie zusammen mit dem Stahlhelm eine Großveranstaltung gegen den Young-Plan gemacht.

Reichspräsident Hindenburg ist ein überzeugter Monarchist. Viele haben gehofft, dass er Monarchie und Republik aussöhnen kann, aber wie soll das gehen, wo er doch Ehrenmitglied im Stahlhelm ist? Die haben nun über 500.000 Mitglieder.“ „Hier in Preußen ist der Stahlhelm verboten“, ergänzte Lottie, „aber wer weiß wie lange die Regierung Braun-Severing das durchhalten kann. Hindenburgs Wahl hat seinen Kreisen, dem Militär und der Großlandwirtschaft, einen direkten Zugang zur Staatsspitze eröffnet. Da ist eine Kamarilla um ihn herum, die alle Möglichkeiten der starken Stellung des Reichspräsidenten für ihre Ziele nützen will. Die wollen Revanche, der Versailler Vertrag mit den Entwaffnungs- und Reparationsvorschriften muss weg, ebenso die parlamentarische Demokratie.“

„Ich denke auch“, sagte Joscha schwer, „dass die meisten diesen Hitler unterschätzen. Wir haben den Hass und den Fanatismus gesehen, mit welchem diese Braunhemden gegen den Young-Plan und die Republik hetzen. Gnade uns allen, wenn sie an die Macht kommen.“ Dann steckte er Lottie und Matthias einen Umschlag zu. „Sprecht nicht darüber“, sagte er, „ich möchte, dass Ihr zu uns kommt, wenn es losgeht.“

In dem Umschlag waren Tickets nach New York.

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