Heinrich Heines Wintermärchen

[Rheinprovinz, um 1845]

Anni und Jean hatten einen Sohn, Hans, und ein Töchterchen, Sophie. Hans war wie sein Vater fasziniert von den Rheinbooten und wollte auch einmal Kapitän werden. Schon auf seine Schlafanzüge hatte Anni „PRDG“ gestickt. Wie ihre Mutter damals war auch Sophie ein modisches kleines Mädchen mit ihren liebevoll dekorierten Hütchen und Spitzenschals. Die Welt der Kinder in dem kleinen Haus war geprägt von dem Duft heißer Schokolade, den bunten Stoffen und Tüchern, vielen Büchern und Vater Jeans „Seemannsgarn“, wenn er von den Nixen, Drachen und anderen Wesen erzählte, die ihm auf seinen Fahrten rheinauf- und abwärts begegneten.

Zugleich bekamen sie von Kindesbeinen an mit, welch schweres Leben andere Familien hatten. Noch immer half ihr Opa Hubert vielen Kindern, die nicht regelmäßig in die Schule gehen konnten, beim Lernen. Dann fuhr er raus auf die Höfe, und jedes Mal nahm er einen großen Korb Vorräte mit. Zuvor standen sie mit ihrer Oma Henriette in der Küche, wickelten vorsichtig Butterbrote in Papier ein und legten sie in einen großen Korb. Dann halfen sie dem Opa, den Korb hinauszutragen und auf den Wagen zu heben. Auch diesmal winkten sie ihm noch lange nach. Kinder in ihrem Alter arbeiteten in der Heimindustrie, auf den Feldern oder gar in der Fabrik, hatte Opa Hubert ihnen berichtet. Kapitalkräftige Unternehmer stellten das Rohmaterial; in Heimarbeit wurden dann u.a. Nägel und Messer hergestellt, vor allem gesponnen und gewebt. Auch Kleinbauer-Familien, deren Böden nicht mehr alle ernährten, verdienten sich ihren Lebensunterhalt durch Heimarbeit. Nun kamen immer mehr billigere Industrieprodukte aus England auf den Markt, und bis auf wenige Spezialbetriebe konnte die Heimindustrie dieser Konkurrenz nicht standhalten.

Auch die Rheinprovinz war schon früh industrialisiert. In den neuen Fabriken schufteten Männer, Frauen und sogar kleine Kinder unter entsetzlichen Bedingungen für einen Hungerlohn. Zugleich zogen unzählige verarmte Bauern und arbeitslos gewordene Handwerker in die neu entstehenden Industriezentren in der Hoffnung, in den Fabriken Arbeit zu finden, was wiederum die Löhne drückte. Trotz anstrengendster Arbeit waren viele Menschen nicht mehr in der Lage, den Lebensunterhalt für sich und ihren Familien zu sichern. Immer mehr Menschen verelendeten. „Wenn man Tag für Tag einen solche Hoffnungslosigkeit erlebt“, hatte Opa Hubert ihnen gesagt, „dann denkt man schon an Auswanderung. Seit den 1820ern steigt die Zahl der Auswanderer immer stärker an, und in den 1830ern und noch in den 1840er haben Gemeinden in Südwestdeutschland ihre Armen sogar nach Amerika abgeschoben.“ „Da, wo Niklas und Heinrich jetzt sind?“ fragte Sophie. „Ja mein Schatz“, sagte er, „sie sind damals auch weggegangen, weil der Hof nicht mehr alle ernährte.“

Von ihrem Vater hatte Sophie die Liebe zu Büchern geerbt. Als sie selbst noch nicht lesen konnte, hatte der Vater ihr oft vorgelesen. Heinrich Heine, den Dichter aus Düsseldorf, mochte er sehr. Bald kannte auch Sophie die schöne Jungfrau Loreley, die oben auf dem Felsen saß und ihr goldenes Haar kämmte, und sie musste immer lachen, wenn der Vater Heines Gedicht „Die Nacht auf dem Drachenfels“ vorlas. Da hatte sich der große Dichter doch glatt einen Schnupfen geholt!

Eines Nachmittags, als sie Langeweile hatte und ihr Vater noch nicht da war, suchte sie neue Lektüre. Alles, was der Vater für sie bereitgelegt hatte, hatte sie schon durch. Sophie kannte ihren Vater zu gut – da musste doch noch mehr sein. Schließlich fand sie ganz hinten im Regal versteckt ein kleines Büchlein mit dem Titel „Deutschland. Ein Wintermärchen“. „Ein Märchen“, dachte sie, „wie schön!“ Als sie sich gerade zum Lesen hingesetzt hatte, kam ihr Vater herein. „Schatz“, sagte er besorgt, „das müssen wir gleich wieder gut verstecken, das ist verboten“. „Verboten?“ „Ja, Heines Werke wurde schon vor Jahren verboten, und inzwischen wurde gegen ihn sogar ein Haftbefehl erlassen.“

Nun war Sophie zutiefst erschrocken. „Schau“, sagte ihr Vater, „Du weißt ja schon von Opa Hubert, wie es bei vielen Familien aussieht. Ein mechanischer Webstuhl ersetzt 200 Arbeiter – für die Menschen ist das eine Katastrophe. Hungerlöhne, Frauen- und sogar Kinderarbeit ändern nichts daran. Die Not ist sehr groß, vor allem bei den vielen Familien, die zuhause weben.“ Dann suchte er nach einem anderen Blatt. „Schau hier, das Weberlied von Heinrich Heine. Er hat es geschrieben, als sich im Sommer 1844 in Peterswaldau und Langenbielau, das ist in Schlesien, die Weber erhoben. In den Aufstandsgebieten wurde es verteilt. Die preußische Regierung hatte die Weber zusammenschießen lassen.“ Beide schwiegen.

„Heine lebte lebt schon seit einigen Jahren in Paris, obwohl er seine rheinische Heimat sehr, sehr liebt. Doch als Jude hat er beruflich kein Bein auf die Erde bekommen. Dann zensiert die Obrigkeit alles, was geschrieben, gedruckt oder sonst wie verbreitet wird, auch Heines Gedichte. Du hast ja mitbekommen, dass sie Opa Hubert noch nicht einmal als Lehrer mehr wollten, weil er den Kindern von Amerika erzählt hat, vom Land der Freien. Für einen wachen, kritischen Geist wie Heine ist das zutiefst deprimierend, und er muss ja auch seinen Lebensunterhalt verdienen. So ist er nach Paris gegangen. 1844 ist er dann noch einmal nach Deutschland, nach Hamburg zu seiner Familie gereist, davon erzählt das „Wintermärchen“, es ist ein politisches Gedicht. Er schreibt, was hier alles nicht in Ordnung ist, und das will die Obrigkeit natürlich nicht verbreitet haben.“ Sophie schwieg bedrückt. Es musste schlimm sein, wenn man seine Heimat liebte, nur das Beste für die wollte und dann doch fortgehen musste. „Aber Du musst schweigen“, sagte Jean dann, „ich hab es nur noch, weil ich es Niklas schicken wollte. Gleich morgen nehme ich es mit nach Straßburg, und da gebe ich es in die Post nach Amerika.“

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*