Ein Jahrhundertjahrgang

[Rheinprovinz, 1921]

Das Jahr 1921 war ein bewegtes Jahr. Reichskanzler Wirth (Zentrum) sah keine andere Möglichkeit, als den Reparationsforderungen der Alliierten nachzugeben und auf Einsicht zu hoffen. Das machte ihn und seinen Außenminister Walther Rathenau den Rechten verhasst.

Rückzug der Amerikaner aus Europa

Die USA hatten den Vertrag von Versailles nicht ratifiziert, beteiligten sich nicht am Völkerbund. Im August 1921 schlossen sie in Berlin einen separaten Friedensvertrag mit Deutschland, in Wien mit Österreich. Nun wurde der größte Teil der Truppen am Rhein abgezogen, unter ihnen auch Chiara und John. In den Sommerferien kamen ihre Kinder wieder an den Rhein, danach würde die Familie zusammen zurückreisen.

Nicht mehr benötigte Ausrüstungsgegenstände wurden verkauft. Kathi war noch oft mit Susan und Helene bei Chiara in Koblenz gewesen und hatte viel erstanden. Bei ihrem letzten Besuch nahm Chiara sie mit auf die kleine Armee-Farm, wo ihre Kinder mithalfen. „Sie sind froh, dass sie etwas beitragen konnten“, sagte sie, „wir konnten unsere Krankenhäuser und die Kinder mit guter Milch und gutem Gemüse versorgen, und nicht nur sie, wir geben auch Milch an notleidende deutsche Kinder. Doch jetzt, wo wir hier weggehen, ist uns allen ein bisschen weh ums Herz.“

Der kleine Robert Schmieder

Kathi hatte ihre Ausbildung als Winzerin auf dem heimischen Weingut abgeschlossen. Sie liebte die Weinberge, den Duft der Erde, zuzusehen, wie die Reben wuchsen, die Trauben langsam ihre Farbe bekamen. Während Walter den technischen Teil übernahm, war Kathi ein Organisationstalent. Sie stand oft hinter der Ladentheke auf dem Weingut, bot mit ihrer Mutter Weinverkostungen und köstlichen Gerichten an, und sie ließ es sich nicht nehmen, auch weiterhin mit dem Auto durch die Dörfer zu brausen und ihre Kunden zu versorgen. Schließlich hatte nicht jeder hatte ein Automobil, und nicht jeder war gesund.

An einem besonders schönen Tag bestand Kathi darauf, dass Max mit ihr einen Spaziergang durch die Weinberge machte. „Weißt Du“, begann sie verschmitzt, „es macht mir soviel Hoffnung, dass auch unsere Kinder einmal durch die Weinberge streifen und dabei die eine oder andere Traube stibitzen werden, so wie ich damals“. Max blieb abrupt stehen. „Kathi, heißt das …?“

Ein heißer Sommer ließ prächtige Trauben reifen und ging in einen schönen Herbst über. Mitten während der Traubenlese 1921, wurde ihr kleiner Sohn Robert geboren. Und der 1921er wurde ein Jahrhundertjahrgang.

Verabschiedung in die USA

Die Taufe des kleinen Roberts war ein großes Fest. Auch Chiara, John und ihre Kinder hatten mit ihrer Abreise gewartet, um dabei zu sein. Wer wusste schon, wann man sich wiedersehen würde! Lottie hatte Chiara noch einmal beiseite genommen. „Wir würden Deiner Familie so gerne helfen, die Prohibitionszeit zu überstehen“, sagte sie, „Lass‘ Joscha wissen, was benötigt wird. Wir alle bestehen darauf, aus dem Csabany-Besitz zu helfen.“

Es war ein bewegender Abschied. „Wir verlassen Euch mit einem unguten Gefühl“, sagte Chiara, „auch General Allen ist über die harte Haltung Frankreichs besorgt. Auf die Dauer hilft nur eine Lösung, die beide Länder wieder auf die Beine bringt und ein einigermaßen friedliches Zusammenleben in Europa ermöglicht. Aber wie es scheint, sind wir davon noch weit entfernt. Doch gib‘ die Hoffnung nicht auf, ich bin zuversichtlich, dass wir uns wiedersehen.“ „Robert“, sagte sie dann, „das ist in allen Sprachen ein schöner Name, egal ob deutsch, englisch oder französisch.“ „Eben“, sagte Kathi, während sie die Tränen wegblinzelte.

Es war auch eine schöne Gelegenheit, Joscha und Marie zu verabschieden. Sein Traum wurde war, er würde als Diplomat nach Washington gehen. Der neue Gesandte sollte Ende des Jahres seine Arbeit aufnehmen, und er brauchte tüchtige Leute um sich, die mit ihm den schwierigen Neuanfang bewältigen konnten. Und doch war es ein großer Schritt, auch wenn die Dampfschiffe nun in vier bis fünf Tagen über den Atlantik fuhren. Er wollte unbedingt alle gut versorgt wissen.

Ganz besonders schwer fiel Joscha der Abschied von Jakob. Hochbetagt wie der alte Herr war, konnte er nicht sicher sein, dass er ihn gesund und munter wiedersehen würde. Und er kannte ihn zu gut. „Du bist wie Papa“, sagte er bedrückt, „der hat auch nie gesagt, wie es wirklich um ihn steht.“ Jakob lächelte schief. „Mach‘ Dir keine Sorgen um mich, junger Graf“, sagte er, „es ist alles in Ordnung. Ich bin dankbar für all die Jahre mit Euch, ich bin froh zu wissen, dass es so gut weitergeht, und sollte ich Dich in diesem Leben nicht wiedersehen ..“Joscha musste die Tränen wegblinzeln, als er sich mit einer festen Umarmung von Jakob verabschiedete.

Abschied von Jakob

Wenig später verstarb der alte Herr Jakob friedlich. Seine Freunde waren in seinen letzten Tagen um ihn. Sie begruben ihn bei der Familie, neben Lena und Emil Bergmann.

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