Drachenburg, Drachenfelsbahn

Schloss Drachenburg
Schloss Drachenburg

[Rheinprovinz, 1881-84]

Auf halber Höhe zwischen dem Städtchen Königswinter und dem Drachenfels  wurde gebaut. Als Sophie und ihre Kinder in den Ferien wieder am Rhein waren, staunten auch sie über die riesige Baustelle. Ganze Eselskarawanen beförderten das Baumaterial, das aus den Steinbrüchen des Siebengebirges, aber auch aus dem Spessart und aus der Eifel nach Königswinter geschafft wurde.

Baron von Sarter

Bauherr war Stephan von Sarter, seit kurzem als Baron von Sarter in den Adelsstand erhoben, dem Vernehmen nach ein vermögender Börsenfachmann aus Paris. Sophies Mutter Anni erinnerte sich an die Familie. Sarters Vater hatte in Bonn eine kleine Gaststätte betrieben, hatte sie jedoch aufgeben müssen. Die Familie war dann nach Köln gezogen, und die Mutter hatte den herzkranken Vater und die fünf Kinder mit der Herstellung von Knöpfen durchgebracht. Trotzdem konnte der Junge auf die Schule gehen und eine Banklehre machen. Dann war es ins renommierte Bankhaus Salomon Oppenheim jr. & Comp gewechselt.

Den Rest hatten die Zeitungen berichtet. Als Börsenanalyst für das Bankhaus hatte Sarter einige Jahre an den großen Finanzplätzen London und Paris verbracht. Er verstand sein Geschäft so gut, dass er sich bald hatte selbständig machen können. Er gab ein eigenes Börsenblatt für Anleger heraus, und da er mit seinen Analysen zumeist richtig lag, genoss er hohes Ansehen. 1858 hatte auch er in das Sueskanalprojekt von Ferdinand de Lesseps investiert und publizistisch für den Kauf der Aktien geworben. Das brachte ihm Reichtum, und bei der Eröffnung im November 1869 war er unter den geladenen europäischen Ehrengästen. Mit den Gewinnen der Sueskanalgesellschaft wuchs auch sein Vermögen.

Ein Traumschloss am Rhein

„Er lebt jetzt in Paris, das ist sein Lebensmittelpunkt, doch seine Wurzeln hat er nicht vergessen“, sagte Anni, „und er unterstützt Deutsche in Paris, denen es nicht so gut geht wie ihm. Übrigens hat er auch für ein Armenhaus in Meiningen gespendet, nachdem der Herzog von Sachsen-Meiningen- Hildburghausen ihn in den Freiherrenstand erhoben hat.“ Noch immer genoss der Adel das höchste Sozialprestige und dominierte die hohen Posten im Militär, in der Diplomatie und den höheren Verwaltungsdienst, daran hatte sich auch im „bürgerlichen“ 19. Jahrhundert nichts geändert. „Und so ein Weltmann baut sich sein Traumschloss in der alten Heimat am Rhein“, dachte Sophie, „irgendwie anrührend“. „Es heißt, dass er dort mit einer Jugendliebe residieren möchte“, sagte ihre Mutter noch.

1882 konnte Baron Sarter persönlich den Grundstein für sein „Schloss Drachenburg“ legen. Renommierte Architekten, Baumeister und Künstler aus Deutschland und Frankreich schufen ihm eine mittelalterlich anmutende Residenz mit vielen Erkern, Türmen und Zinnen, die im Inneren allen modernen Komfort bot, mit Gaslampen und zentraler Warmluftheizung. Die Bauweise entsprach dem neuesten Stand der Technik, nur drei Jahre würde man brauchen.

Zahnradbahn zum Drachenfels

Mit der Ruhe am Drachenfels war nun vorbei. Eine Zahnradbahn von Königswinter zur Ruine wurde gebaut und 1883 in Betrieb genommen, es war die erste Zahnradbahn in Deutschland überhaupt! Sich hinauffahren zu lassen machte den Drachenfels auch für Leute attraktiv, die nicht hinauf wandern wollten oder wegen ihres fortgeschrittenen Alters auch nicht mehr so einfach konnten.

Wie Anni und Jean, Sophies Eltern. Sie hatten die erste Fahrt mit der Zahnradbahn genauso wenig abwarten können wie Sophie, Lottie und Joscha. Als während der Ferien der große Tag gekommen war, standen sie mit Anni und Jean, Sophies Bruder Hans, Bergmanns und Jakob in der Talstation. Der kleine Joscha half galant den beiden älteren Herrschaften hinein, während Jakob die Tickets holte. Die ging die Fahrt los.

Die stämmige Dampflok kämpfte sich den steilen Weg hinauf: vorbei an den Weinbergen, wo Lottie und ihre Freundin Susan sich so gerne die Trauben schmecken ließen, vorbei an der Drachenburg, und dann war die Bergstation auf dem Drachenfels erreicht. Die älteren Herrschaften hatten etwas weiche Knie, doch sie waren rundum glücklich. Was für ein Ausblick hinab ins Rheintal! Auch die Drachenburg nahm Gestalt an; im nächsten Sommer, wenn Lottie und Joscha wiederkämen, würde sie bestimmt fertig sein.

Familienmitglied Jakob

Später an diesem Abend, als Lottie und Joscha schon schliefen, nahmen Anni und Jean ihre Kinder zur Seite. Sophie und Hans spürten gleich, dass ihren Eltern etwas auf der Seele lag. „Wenn wir einmal nicht mehr sind“, begann Anni zögernd, und brach gleich ab, als sie die erschrockenen Gesichter sah. „Nein, so weit ist es noch lange nicht“, sagte sie beruhigend, „aber ich möchte einige Dinge geregelt sehen. Vater und ich, wir wollen Euch das Haus mit dem ‚Stübchen“ zu gleichen Teilen vererben, und Jakob ein lebenslanges Wohnrecht und das Geschäft übertragen. Es ist Platz genug für alle, und er würde das ‚Stübchen‘ in unserem Sinne weiterführen.“ Dem stimmten sie nur zu gerne zu. Jakob, der ehemalige Diener der Csabanys, war längst zum Familienmitglied geworden.

Böse Gerüchte

Baron Sarters hart erarbeitetes Glück währte nicht. Seine Jugendliebe verstarb, bevor die Drachenburg fertiggestellt war, und der Baron zog nie dort ein. Dann gab es böse Gerüchte in der deutschen Presse und in der deutschen Gemeinde in Paris. Baron Sarter hätte sich verspekuliert, viel Geld verloren, wäre zahlungsunfähig. Tatsächlich hatte er beim großen Börsenkrach in Paris und Berlin viel von seinem Vermögen verloren, doch Schloss Drachenburg konnte er halten und arbeitete hart, sein Vermögen wieder aufzubauen. Doch die schlimmen Berichte trafen ihn sehr; er wurde französischer Staatsbürger.

1902 verstarb er in Paris, später ließ ihn sein Neffe nach Deutschland überführen und auf dem Königswinterer Friedhof am Palastweiher begraben.

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*