Die Bonner Demokraten

[Rheinprovinz, 1848]

Im März 1848 hatte die Revolution gesiegt. Die Demokraten im Bonner Raum sammelten sich um Professor Gottfried Kinkel aus Oberkassel und seinen jungen Studenten Carl Schurz.

Nach dem Skandal um seine Ehe mit der geschiedenen, ehemals katholischen Johanna hatte die man Kinkel der philosophischen Fakultät zugeordnet; ab 1846 wirkte er als außerordentlicher Professor für Kunst- und Literaturgeschichte. Hier hatte Schurz ihn kennengelernt, und war bald in den engeren Kreis um Gottfried und Johanna Kinkel aufgenommen worden.

Kandidat für die Nationalversammlungen in Frankfurt und Berlin

Kinkel kandidierte sowohl für die Deutsche Nationalversammlung als auch für die preußische Nationalversammlung. Auch die Demokraten wollten die Märzforderungen sichern und drängten auf eine Verfassung. Anders als bei vielen Liberalen sollte ihr Staat „auf breitester demokratischer Grundlage“ entstehen – nicht nur gebildete Bürger, auch Handwerker, Arbeiter und all die anderen bislang ausgeschlossenen Menschen sollten am politischen Geschehen mitwirken. Dabei war auch den Demokraten klar, dass man soziale Ungleichheit nicht völlig abschaffen konnte, doch sie setzten sich für eine gerechtere Steuerpolitik und einen besseren Zugang zur Bildung auch für Handwerker, Arbeiter und ihre Familien ein: die Schulpflicht sollte gesichert, das Schulgeld abgeschafft und Lehrer besser besoldet werden.

Und die Demokraten wollten ein geeintes Deutschland, in dem es voranging. Dazu gehörte auch, hinderliche Vorschriften abzubauen, eine einheitliche Reichsgewalt zu schaffen, Trennung von Kirche und Staat, Gesetzgebungskompetenzen des Gesamtstaats hinsichtlich des Privatrechts, des Strafrechts, des Handels und des Verkehrs sowie eine einheitliche Vertretung gegenüber dem Ausland. Der freie und geeinte Staat sollte den Arbeitern, welche durch Krankheit oder Alter arbeitsunfähig geworden sind, ihren Lebensunterhalt sichern.

Prof. Gottfried Kinkel in Bonn konnte sich jedoch nicht durchsetzen – zu sehr dominierten im Rheinland die gemäßigten, eher rechten Liberalen und die Konservativen, außerdem fehlte den Demokraten eine effektive Organisation. Da musste man jetzt ran. Am 27. Mai 1848 erschien in Bonn der Aufruf zur Gründung eines demokratischen Vereins. Kinkel und Schurz waren dabei, und natürlich hatte auch Hubert gleich unterschrieben. Binnen drei Monaten stieg die Zahl der Mitglieder auf einige Hundert.

Aufbau demokratischer Vereine

In dem Bestreben, eine landesweite Organisation aufbauen, trafen sich die Vertreter der demokratischen Vereine zu einem ersten Kongress am 17. Juni 1848 in Frankfurt am Main und verabschiedeten ein „Motiviertes Manifest“. Da war die Rede von einer demokratische Staatsform im Inneren, der Emanzipation und Selbstregierung aller Völker, ja sogar von einem souveränen Kongress freier Nationen, dessen Dekrete das Völkerrecht gestalteten. Deutschland sollte sich in Freiheit und Einigkeit einen, Vorbild sei die Verfassung der USA. Zunächst ruhten die Hoffnungen auf der Deutschen Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche, die allein das Mandat habe, die Verfassung des Gesamtstaates zu beschließen, sie sofort in Wirklichkeit zu setzen und die innere und äußere Politik des Gesamtstaates zu handhaben. Nicht die Fürsten unter einen Hut zu bringen sei die Aufgabe, die Aufgabe sei, das Volk zu vereinigen, ohne es zu unterjochen.*

Doch auch die Demokraten waren nicht in allem einig. So stand die demokratische „Bonner Zeitung“ auch in Konkurrenz zur „Neuen Rheinischen Zeitung“, deren Chefredakteur Karl Marx nun zunehmend klassenkämpferische Ideen vertrat. Gerade eben war sein „Kommunistisches Manifest“ erschienen. Die Bonner um Gottfried Kinkel setzten auf die „Verbreitung republikanischer Lebensformen durch alle Schichten der Gesellschaft auf friedlichen Wegen der Gedankenverbreitung“*. Als sich die Vertreter der rheinisch-westfälischen Parteiorganisationen in Köln trafen, fand man schon keinen Kompromiss mehr. Zum offenen Bruch kam es dann beim Berliner Demokratenkongress am 26. Oktober 1848. Kinkel verließ den Kongress vorzeitig wegen der „kommunistischen Forderungen“.

Zugang zu Bildung – eine Herzensangelegenheit

So oft sie Zeit fanden, kamen Kinkel und Schurz in die Dörfer rund um Bonn, um auch dort demokratische Vereine zu organisieren. Das endete oft in einem fröhlichen Fest, nächtlichen Ausflüge bei Fackelschein, wo man „am Lagerfeuer mit patriotischen Reden und Gesang sich bis zur Morgendämmerung vergnügte“*. Täglich erschien nun die „Bonner Zeitung“, deren Redaktion ab August Gottfried Kinkel, unterstützt von Carl Schurz. Tagtäglich lag sie druckfrisch im „Stübchen“ aus und wer nicht ausreichend lesen konnte, dem las Hubert gerne vor.

Er wäre glücklich, wenn neben den liberalen Bildungsbürgern und Besitzenden auch Handwerker, Händler oder Kleinbauern das Volk in den Parlamenten vertreten würde. Es betrübte ihn, wenn führende Liberale wie Ludolf Camphausen sich gegen das allgemeine und gleiche Wahlrecht aussprachen. Sie gingen nämlich davon aus, dass Bildung und Besitz natürliche Unterschiede ausmachten und als solche im politischen Leben berücksichtigt werden sollten. Hubert war anderer Meinung. Natürlich gingen soziale Unterschiede auch auf Talent und Leistung zurück, aber nicht nur; auch die Herkunft und der soziale Status prägten das Leben der Menschen. All die Jahre als Lehrer hatte er gesehen, wie schwierig es für viele Familien war, ihre Kinder überhaupt zur Schule zu schicken, und wie viele Kinder waren mit leerem Magen angekommen! Seine Frau Henriette hatte ihm immer wieder Essen für sie mitgegeben. Viele waren noch nicht in der Lage, komplexe politische Sachverhalte zu analysieren, einzuordnen und bewusst ihre Wahlentscheidung zu treffen, aber durfte man sie deshalb auf ewig ausschließen? Nein, diese Menschen verdienten ihre Chance!

Lorenz

Als Kinkel einen Handwerkerfortbildungsverein gründete, war es für Hubert eine Herzensangelegenheit, dabei zu helfen. An seiner Seite war sein Neffe Lorenz Bergmann, der gerade seinen Schulabschluss gemacht hatte. Auch Hans und Sophie und ihr Cousin Emil Bergmann aus Dollendorf wollten unbedingt helfen, dass sie noch Kinder waren, ließen sie nicht gelten. Sie konnten ja Handwerkerkindern bei den Schulaufgaben helfen. Anni und Henriette gaben ihnen immer kräftig Verpflegung mitzugeben. Wenn Kinkel und Schurz Dörfer in ihrer Umgebung besuchten, wurde daraus meistens eine richtige Feier, manchmal die ganze Nacht hindurch. Sie alle hielten sich in respektvoller Entfernung von den Ehrengästen und freuten sich, dass sie bis tief in die Nacht dabei sein durften, bevor Lorenz schließlich zum Aufbruch mahnte.

Lorenz Bergmann war für Hans, Sophie und Emil ihr Held. Er war fast erwachsen, er hatte schon eine tiefe Männerstimme und einen dünnen Schnurrbart. Und er wusste alles über die Onkel in Amerika, dem „Land der Freien“, in dem die Menschen ihren Präsidenten wählen konnten.

zitiert aus Carl Schurz‘ „Lebenserinnerungen“, Band 1

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