Der „Berg der feinen Leute“?

[Rheinprovinz, 1912]

Einige Jahre später waren die Steinbrüche am Petersberg Geschichte, nicht aber der Radau: auf dem Petersberg wurde ein neues, noch größeres Hotel gebaut. Joscha Csabany war wieder zu Besuch am Rhein. An diesem Tag machte er in Begleitung von Susans und Etiennes Tochter Marie einen Spaziergang zum Petersberg. Sie war nun eine junge Dame, ein „Backfisch“ wie man im Kaiserreich zu sagen pflegte. Sie ging auf die Höhere Handelsschule in Köln gehen – das freilich war ungewöhnlich für junge Damen aus gutem Haus.

Ein prächtiges Hotel entsteht

„Das wird ja ein prächtiges Hotel“, sagte Joscha staunend. „Ja“, bestätigte Marie, „es soll noch größer und luxuriöser werden als das alte Hotel Nelles. Den Bauherrn kennst Du bestimmt, es ist Ferdinand Mühlens, ihm gehört 4711.“ Natürlich kannte Joscha den Namen Mühlens, denn 4711 Eau de Cologne war längst eine Weltmarke. „Ferdinand Mühlens hat das Geschäft nun weitestgehend an seinen Sohn abgegeben“, sagte Marie weiter, „der Familie gehört seit langem der Wintermühlenhof am Fuße des Petersbergs, und hier ist nun sein Lebensmittelpunkt. Er engagiert sich sehr, lässt Straßen und Wege bauen, und vor einigen Jahren hat er die Drachenfelsbahn und die Petersbergbahn gekauft.“

„Und nun steigt er hier groß in den Hotelbetrieb ein“, sagte Joscha, „ich habe noch mitbekommen, dass das alte Hotel Nelles nicht wirklich gut lief und schließlich aufgeben musste. Und nun hat also Mühlens das Gelände erworben.“ „Er möchte vor allem die besseren Kreise in seinem Hotel beherbergen, nicht die typischen Ausflugsgäste, wie sie in Strömen auf den Drachenfels ziehen“, sagte Marie, „das hat natürlich etwas für sich, ein elegantes, schönes Ambiente ist für unsere ganze Region eine Aufwertung, aber einige Leute sind mir etwas zu prächtig, und die Hautevaulee möchte wohl gerne unter sich bleiben. Schau, da kommen so zwei.“

Snobs

Marie zeigte auf eine Dame mit einem riesigen, überladenen Hut, die am Arm eines jungen Mannes ihnen entgegenkam. „Oh je, auf diesem Hut könnte eine ganze Vogelfamilie bequem ihr Nest bauen“, bemerkte Joscha leise, „Mama sagt oft, dass manche Frauen den Reichtum ihres Mannes auf dem Kopf tragen wollen. Das macht sie sehr traurig.“

„Ich habe einmal während eines Festes mit diesem jungen Mann getanzt, man hatte uns an einen Tisch gesetzt“, sagte Marie leise, „er ist ein fürchterlicher Snob. Nichts im Kopf, und wenn es nach ihm ginge, hätten Frauen und Mädchen noch weniger drin. Er will Offizier werden, aber es heißt, dass er vor allem säuft und Schulden macht.“ „Du hast ihn doch nicht angehört“, stieß Joscha erschrocken hervor. Marie war eine gescheite, hübsche junge Frau, die ihr Herz auf dem rechten Fleck hatte. „Nein, natürlich nicht“, sagte Marie, „im Gegenteil. Er hat mich nur entschlossener gemacht, auf die Höhere Handelsschule in Köln zu gehen. Deine Mama war übrigens mit mir bei Madame Charlotte in Bonn und hat mich ausstaffiert. Sie sagte, ich sollte mein Geld für die Bücher sparen.“ Joscha strahlte, das war ganz seine geliebte Mama Sophie.

Wenig Rechte für Frauen

Dann wurde Marie wieder ernst. „Aber dennoch, selbst der dümmste Mann hat in der Familie das alleinige Entscheidungsrecht“, sagte sie traurig, „für uns Frauen ist das neue Bürgerliche Gesetzbuch von 1900 keine Verbesserung. Der Mann alleine darf über Frau und Kinder bestimmen. Das gesamte Vermögen einer Frau geht bei einer Heirat in den Besitz des Mannes über, bis auf ihre persönlichen Sachen. Wenn die Frau arbeiten möchte, muss er zustimmen. Als wenn es so viel Möglichkeiten für uns gäbe. Was für eine unfaire Welt! So viele arme Frauen müssen schon als halbe Kinder arbeiten und werden ausgenutzt, Bürgersfrauen sollen möglichst nicht arbeiten. Hoffentlich muss ich nie irgendeine Frau Obergedönsrat werden.“

K.u.k. – zweite Wahl?

Als die Dame mit ihrem jungen Begleiter an Joscha und Marie vorbeikamen, grüßten sie knapp und schienen ihre Nasen noch etwas höher zu tragen. „Endlich bekommen wir einmal ein Hotel, wo wir unter uns sind“, sagte die Dame, während sie Joscha taxierte, „ein Platz, wo sich auch die feine Gesellschaft wohlfühlen kann“. Dann gingen sie weiter.

„Wie sie Dich begutachtet hat“, sagte Marie, „das war mir sehr unangenehm“. „Als k.u.k Diplomat bin ich wohl auch nur zweite Wahl“, meinte Joscha trocken. In der Tat ließ Kaiser Wilhelm II. keinen Zweifel daran, dass er sein Deutsches Reich dem altehrwürdigen Habsburgerreich gegenüber für militärisch überlegen und überhaupt viel fortschrittlicher hielt. Für die komplexen Probleme, die Tag für Tag auf den Tisch des greisen Kaisers des Vielvölkerreichs Österreich-Ungarn kamen, hatte er wenig Verständnis. Wie so oft nahm er dabei kein Blatt vor dem Mund, sprach sogar von „landestypischen Schlamperei“. Da verwunderte es nicht, wenn des forschen Kaisers Untertanen es ihm gleich taten. Verglichen mit dem vor Kraft und Selbstvertrauen strotzenden Deutschen Reich schien das in allen Fugen ächzende und krachende Österreich-Ungarn ein Relikt der vergangenen Jahrhunderte – charmant zwar, aber überlebt und ein bisschen dekadent.

Auf der anderen Seiten sahen viele Österreicher den Aufstieg des Deutschen Reiches mit gemischten Gefühlen. Und da waren die Agitatoren des Alldeutschen Verbandes in Österreich; sie wollten die Auflösung der Monarchie und den Anschluss ihrer westlichen Teile an das Deutsche Reich und ihren „wahren“ Herrscher Wilhelm II. Joscha erinnerte sich noch mit Grauen an den Vorabend der Enthüllung eines Maria-Theresia-Denkmals im Mai 1888, als Kronprinz Rudolf in eine Demonstration radikal nationalistischer Deutschösterreicher geraten war: „Ohne Habsburg ohne Rom bauen wir den deutschen Dom“, hatten sie geschrien.

Und doch .. man war auf einander angewiesen. Frankreich, England, Russland – sie alle hatten sich gegen Deutschland gewandt. Italien schien ein unsicherer Kantonist. Da blieb nur der enge Schulterschluss mit Österreich-Ungarn. Immerhin verstand sich Wilhelm gut mit dem Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand, und war seiner Ehefrau Sophie Chotek gegenüber sehr zuvorkommend. Das war doch was.

„Ja, unsere Donau-Monarchie, die ächzt und kracht inmitten all dieser stolzen Nationalstaaten .. da gehst Du wohl gerade mit einem Anachronismus spazieren“, sagte Joscha mit einem schiefen Lächeln zu Marie.

Ein Windstoß ..

Plötzlich kam Windstoß. Es war nur einer leichter, doch den überladenen Hut der Dame fegte er von ihrem Kopf, einige Meter weiter, und fiel Joscha fast vor die Füße. Der lächelte vergnügt, am Petersberg war auf St. Petrus Verlass. Galant hob er den Hut auf und reichte ihn der Dame. Deren Blick blieb an seiner schlicht-eleganten Kleidung von guter Qualität hängen, und sie musste sich nun doch bedanken. „Ich danke Ihnen, Herr ..“ „Graf“, sagte Joscha höflich, doch mit unmissverständlicher Strenge in seiner Stimme, „Graf Joszef Csabany, Diplomat in Diensten seiner Seiner Kaiserlichen und Königlichen Apostolischen Majestät, Franz Joseph I., von Gottes Gnaden Kaiser von Österreich, König von Ungarn und Böhmen, von Dalmatien, Kroatien, Slawonien, Galizien, Lodomerien und Illyrien; König von Jerusalem etc.; Erzherzog von Österreich; Großherzog von Toskana und Krakau; Herzog von Lothringen, von Salzburg, Steyer, Kärnten, Krain und der Bukowina; Großfürst von Siebenbürgen, Markgraf von Mähren; Herzog von Ober- und Niederschlesien, von Modena, Parma, Piacenza und Guastalla, von Auschwitz und Zator, von Teschen, Friaul, Ragusa und Zara; Gefürsteter Graf von Habsburg und Tirol, von Kyburg, Görz und Gradisca; Fürst von Trient und Brixen; Markgraf von Ober- und Niederlausitz und in Istrien; Graf von Hohenems, Feldkirch, Bregenz, Sonnenberg etc.; Herr von Triest, von Cattaro und auf der Windischen Mark; Großwojwode der Woiwodschaft Serbien etc., etc.“

Mit Stolz und Eleganz zählte Joscha die ganzen Titel seines Kaisers auf. Dann reichte er Marie galant den Arm, sie drehten sich um und gingen weiter. Und aus den Augenwinkeln sah er, wie die hochnäsige Dame und mit ihren hochnäsigen Sohn ihnen hinterher schauten, sprachlos und mit offenem Mund.

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