August Mackes letztes Bild

Soldaten in Frankreichs, Mackes Bild "Abschied"
Soldaten in Frankreichs, Mackes Bild "Abschied"

[Rheinprovinz, Sommer 1914]

Einige Tage lagen hinter den tödlichen Schüssen von Sarajevo. Gräfin Sophie und Graf Andras Csabany waren tief betroffen und sehr besorgt. Nun waren sie am Rhein bei ihrer Tochter Lottie.

Bosnien und Serbien sind weit weg

Der Sommer 1914 war sehr heiß und die meisten Menschen genossen ihn. Die Zeitungen berichteten ausführlich über die Schüsse von Sarajevo, manche sprachen sogar von einem möglichen Krieg – doch Bosnien und Serbien waren weit weg im Osten, und wenn, dann rechnete man einem begrenzten Schlag Österreichs gegen Serbien.

Die Kinder freuten sich auf Hitzefrei und die Schulferien. In diesem Jahr würde Marie ihren Abschluss von der Höheren Handelsschule bekommen, und dann sollte es eine große Feier zu ihren Ehren geben, mit all ihren Angehörigen und Freunden. Auch Sophie, Andras und Joscha wollten unbedingt dabei sein.

Gerade hatte ihre Enkelin Kathi Sophie überredet, mit ihr zur Kirmes zu gehen. Während Kathi an einem Eiswagen anstand, hatte sich Sophie auf eine Bank gesetzt. Der fröhliche Kinderlärm und die Musik drangen zu ihr hinüber, doch in ihren Gedanken war sie weit weg. Als langjährige Diplomatenfrau wusste sie, dass es krisenhafte Wochen waren. Graf Hoyos, Kabinettschef im Wiener Auswärtigen Amt, war in Potsdam bei Kaiser Wilhelm II. gewesen. Sie ließ sich auch nicht täuschen davon, dass der Kaiser und alle maßgeblichen Herren im Urlaub waren. Man plante sicher längst den Aufmarsch.

Nun kam Kathi zu ihr und spürte gleich, dass etwas nicht stimmte. „Du bist traurig, Großmama, sicher denkst Du an die arme Sophie in Österreich. Sie muss eine nette Dame gewesen sein.“ „Ja, das war sie“ antwortete Sophie, „sie hätte es so verdient, dass Kaiser Franz Joseph sie in seiner Familie willkommen geheißen hätte, doch all die Jahre hat man ihr zu verstehen gegeben, dass sie keine passende Partie für den Thronfolger war. Nicht einmal bei der Trauerfeier war sie ihm gleichgestellt.“ Kathi nickte. „Großpapa Andras und Du, ihr habt auch eine Menge durchgemacht, bevor ihr endlich glücklich zusammen leben konntet, und dann Mama und Onkel Joscha auf die Welt gekommen sind.“

Sophie war gerührt, wie gut ihre Enkelin sie kannte. Ja, Sophie und Andras hatten schwere Zeiten durchlebt, und nun stand vielleicht eine noch schwerere bevor. Doch sie wollte Kathi nicht mit der ganzen Wahrheit erschrecken. „Da hat Du Recht, mein Schatz“, sagte sie liebevoll zu ihr, „doch es ist immer richtig, aus Liebe zu heiraten.“

Juli-Krise

Während man nach außen den Sommer feierte, tanzte und lachte, liefen die Unterhandlungen in Wien und Berlin auf Hochtouren. Unentwegt hatte der österreichische Generalstabschef Hötzendorf in den vergangenen Jahren gefordert, gegen Serbien einen Präventivkrieg zu führen. Nach dem Attentat von Sarajevo setzt sich die Kriegspartei durch. Die Spuren führten nach Serbien, zu einer radikalen nationalistischen Geheimorganisation. Die Kriegspartei in Wien forderte, dass Serbien „als politischer Machtfaktor am Balkan ausgeschaltet“ werden müsste. Kaiser Wilhelm II. stimmte zu und vermerkte in einer Randnotiz an einen Bericht des deutschen Botschafters aus Wien, „mit den Serben muss endlich einmal aufgeräumt werden“.

Mehr noch, er gab dem österreichischen Kaiser Franz Joseph I. einen „Blankoscheck“ in die Hand. In einem Schreiben des Reichskanzlers Bethmann-Hollweg an den deutschen Gesandten in Wien vom 6. Juli hieß es, „Kaiser Franz Joseph könne sich darauf verlassen, dass S.M. im Einklang mit seinen Bündnisverpflichtungen und seiner alten Freundschaft treu an der Seite Österreich-Ungarns stehen werde.“ In Wien entschied der Ministerrat, dass „solche weitgehende Forderungen an Serbien gestellt werden müssten, die eine Ablehnung voraussehen ließen, damit eine radikale Lösung im Wege militärischen Eingreifens angebahnt würde.“ Am 23. Juli richtete Österreich ein auf 48 Stunden befristetes Ultimatum an Serbien. In ihrer Antwortnote vom 25. Juli ging die serbische Regierung auf fast alle Forderungen ein. Sie versicherte, dass alle Schuldigen gesucht und bestraft würden, lehnte es jedoch ab, österreichische Beamte bei den innerserbischen Untersuchungen mitwirken zu lassen. Kaiser Wilhelm II. würdigte die serbische Antwortnote als diplomatische Meisterleistung und lenkte ein: „Damit fällt jeder Kriegsgrund weg“. Doch am 28. Juli 1914 erklärte Österreich-Ungarn Serbien den Krieg.

Es gibt Krieg

Gleich nach der Kriegserklärung Österreichs an Serbien machte Russland mobil. Das Deutsche Reich sah sich bedroht und gab nun der militärischen Planung Vorrang vor den politischen. Nach dem sogenannten Schlieffenplan für einen Zweifrontenkrieg musste Deutschland Frankreich besiegen, während die Mobilmachung im riesigen Russland noch lief.

Am 1. August erklärte Deutschland Russland, am 3. August an Frankreich den Krieg.

Macke und Marc

Der Krieg trennte auch die Künstler des Blauen Reiters. Bis zu jenem 28. Juni war es auch für die Familie Macke ein glückliches Jahr gewesen. Noch im April war August Macke mit den befreundeten Schweizer Malern Louis Moilliet und Paul Klee nach Tunesien gereist und war mit einer Fülle von Fotos, Zeichnungen und Aquarellen zurückgekehrt. Danach hatten ihn die Bonner kaum gesehen – er malte und malte und malte.

Nach der deutschen Kriegserklärung an Russland musste Kandinsky, der Russe, als feindlicher Ausländer das Land verlassen. Der mit ihm befreundete Franz Marc hielt den Krieg für notwendig, erhoffte sich von ihm sogar eine „Reinigung“ und meldete sich freiwillig. August Macke wurde am 8. August 1914 zum Infanterie-Regiment Nr. 160 eingezogen. Sein letztes Bild „Abschied“ ist in gedeckten Brauntönen gehalten.

Beide kamen nicht zurück. Macke fiel am 26. September 1914 bei Perthes-lès-Hurlus, Marc im März 1916 vor Verdun.

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