Aufatmen in der Rheinprovinz

[Rheinprovinz, Ende der 1850er Jahre]

Am Rhein fand Wilhelm von Preußen, der ehemalige „Kartätschenprinz“, zu einer gemäßigt-konservativen Haltung, und auch liberal denkende Menschen hofften auf ihn.

Auch Jean war erleichtert. In den letzten Jahren hatte ein schlimmes Klima geherrscht. Auch die katholisch-konservative „Kölnische Zeitung“ wurden nun schikaniert und Kultusminister von Raumer ließ die katholische Volksmissionen und die Priesterausbildung beaufsichtigen. Doch die Katholiken hatten das nicht einfach hingenommen und sich Ende 1852 um die Brüder Reichensperger zur Katholischen Fraktion im Preußischen Landtag zusammengeschlossen. Der stockkonservative Oberpräsident von Kleist-Retzow war derart rabiat gegen die Liberalen vorgegangen, dass es sogar dem Prinzen Wilhelm in Koblenz zu arg geworden war. Gleich nach Übernahme der Regentschaft hatte er ihn entlassen.

Die Familie kehrt heim

Auch Jean war glücklich, nun holte er seine Familie nachhause. Er hätte es gar nicht ausgehalten, am Bonner Bahnhof zu warten, sondern war bis an die Grenze nach Herbesthal gefahren. Nun stand er neben seinem Schwager Matthieu, wartete auf den Zug aus Brüssel und trat ungeduldig von einem Bein auf das andere. Da endlich kam der Zug aus Brüssel, und Jean konnte seine Familie in die Arme schließen. In Köln mussten sie noch einmal umsteigen, und wenig später waren sie in Bonn. Dort wartete man schon – die ganze Familie war da, um Jeans Familie willkommen zu heißen. Als alle wieder einigermaßen zu Atem gekommen waren, stellte Emil ihnen die bildhübsche, rotblonde junge Frau vor, die bislang still an seiner Seite gewartet hatte. „Das ist Lena“, sagte er, „meine große Liebe, wir wollen heiraten. Lena kommt aus einer Winzerfamilie zuhause, sie liebt ihren Betrieb und auch ich lerne gerade alles über Weinbau und das Geschäft. In ein paar Jahren möchten wir den Betrieb von ihren Eltern übernehmen.“

Auch Henriette war es noch vergönnt, ihr „Stübchen“ und den Rhein wiederzusehen. Tief bewegt ging sie zu der Stelle am Ufer, wo sie vor vielen Jahren auf den damaligen Kronprinzen Friedrich Wilhelm IV. gewartete hatten. Wie hoffnungsvoll waren sie damals gewesen! Nun war Hubert, ihr geliebter Mann in Brüssel gestorben, ohne seine Heimat am Rhein wiederzusehen. Doch auch im Leben des Königs war es dunkel geworden, er erlitt mehrere Schlaganfälle. Unglück macht vor keinem Halt, dachte sie.

Schwieriger Neuanfang

Die meisten Leute kannten die Familie Limbach als Demokraten. Während der schlimmen Zeit hatten nur noch Stammkunden dem „Stübchen“ die Treue gehalten, und ohne Helene Bergmanns herzensgute Art hätte man vielleicht auch sie verloren. In dieser schweren Zeit war Emil Bergmann eine große Stütze für sie alle gewesen.

Auch das Modehaus von Madame Charlotte kämpfte gegen die roten Zahlen. Die resolute ältere Dame hatte 1848/49 eine schwarz-rot-goldene Kokarde an ihrem Hut getragen und wann auch nach dem Sieg der Reaktion nicht bereit gewesen, sich von der Obrigkeit den Mund verbieten zu lassen. Das machte die Runde, und seither überlegte sich manche reichere Kundin, ob man noch ins „Madame Charlotte“ gehen konnte, ohne der Karriere des Mannes zu schaden. Nur hoffte Madame auf Anni und auf Sophie. Aus Brüssel hatten sie eine Menge Fertigkeiten mitgebracht und konnten internationales Flair in ihre Hüte und Spitzenschals einarbeiten. Doch waren Limbachs, als heimgekehrte Exilanten, eine gute Adresse?

Dann hatte Jean eine Idee. Als geborener Koblenzer war ihm Kaiserin Augustas besondere Vorliebe für die Region bekannt, und er war ja oft da mit seinem Dampfer. Auch Hans, sein Sohn, war inzwischen Kapitän der Preußisch-Rheinischen Dampfschiffahrtsgesellschaft. Nach Jahren des Konkurrenzkampfs mit der Düsseldorfer Gesellschaft hatte man 1853 die „Köln-Düsseldorfer“ mit insgesamt 28 Schiffen gegründet. Nun horchten die beiden bei jedem Halt in Koblenz, wann wieder an der Rheinpromenade mit hohen Gästen gefeiert würde.

Promenadenfest in Koblenz

Beim nächsten Fest zu Ehren der Königin Augusta hatte man alles festlich geschmückt, und überall waren kleine Stände aufgebaut. Die eleganten Damen entzückten in ihren Krinolinenkleidern, spitzenverzierten Ausschnitten, Spitzenschals und Handschuhen, die Herren trugen elegante Anzüge mit Schleifen am Kragen und hohe Zylinder. Viele von ihnen hatten raffinierte Oberlippen- und Kinnbärte.

Jean, noch immer ein schneidiger Offizier, dem die ersten grauen Strähnen im Haar zudem auch sehr gut standen, platze fast vor Stolz. Neben ihm stand sein Sohn Hans in seiner Offiziersuniform, gleich würde er einer Gruppe Ehrengäste das Schiff zeigen, nachdem sie sich mit einer Schokolade gestärkt hatten. Seine Frau Anni und seine Tochter Sophie hatten einen Stand aufgebaut, an dem sie Kreationen aus dem Modehaus „Madame Charlotte“ zeigten: Hüte, Spitzenschals, dazu mit zauberhafter Häkelspitze verzierte Tücher und Tischwäsche. Bewirtet wurden die Gäste mit Schokolade, wie damals bei Annis Mutter Henriette am Rhein, wo Jean die Familie kennengelernt hatte. Zudem trugen Mutter und Tochter Kreationen aus dem „Madame Charlotte“ – schlicht, aber elegant. Nichts davon hätte man als eitlen Tand ansehen können, der „durch viel Stroh auf dem Kopf verdeckt, dass man nur Stroh drin hat“, wie Madame Charlotte manchmal bissig sagte. Auf dem Tischchen lagen Karten des Hauses aus.

Schon bald drängten sich zahlreiche Gäste um den Stand der Damen, und immer wieder wurden sie auch nach ihren Kreationen gefragt, Dann kamen nach und nach auch noch einigen Damen aus dem Kreis um Königin Augusta. Als die Ehrengäste auf das Schiff gegangen waren, konnte Jean nicht mehr an sich halten. Er umarmte Frau und Tochter stürmisch. „Auf die Zukunft!“ rief er glücklich. „Nicht, wenn Du schon jetzt meinen Hut zerdrückst, Papa!“ meinte Sophie trocken.

Graf Csabany

Auch in den nächsten beiden Jahren hatten Anni und Sophie ihren Stand bei den Promenadenfesten in Koblenz. In diesem Sommer lief es besonders gut, denn sie hatten einen guten Ruf und man freute sich auf ihre Kreationen. Eines Nachmittags trat eine elegante Dame trat an ihren Stand, bewunderte die Hüte und Spitzenschals und unterhielt sich freundlich mit Sophie. „Ich mag Ihre Kreationen“, sagte sie, „sie sind sehr geschmackvoll und nicht so überladen wie viele andere. Sie lassen die Materialien wirken und stellen sie wunderbar zusammen. Außerdem .. „, nun zögerte sie, „haben Sie etwas für jeden, das finde ich besonders schön.“ Sophie war fast verlegen. Dann stellte sich die Dame vor.

Sie war Gräfin Katalyn Csabany, Ehefrau des Grafen Csabany, Mitarbeiter an der österreichischen Gesandtschaft beim Deutschen Bund in Frankfurt. „Nein, jetzt müssen Sie nicht verlegen werden“, versicherte sie, „wir sind keine hochrangigen Diplomaten, eher Diplomaten auf Bewährung. Es ist noch gar nicht so lange her, dass unser Kaiser Franz Joseph unsere Familie begnadigt hat. Wir mussten einige Zeit im Exil verbringen.“ Bei diesen Worten schluckte Sophie. Die Gräfin merkte es gleich. „Sie auch?“ fragte sie. Sophie hatte eine spontane Zuneigung zu der Gräfin gefasst und gab ihr eine ehrliche Antwort. „Ja, wir waren 1848er Demokraten, mein Opa Hubert und mein Cousin Lorenz waren mit dabei. Danach musste Cousin Lorenz fliehen, er ist jetzt in Amerika, und Opa Hubert war zuhause nicht mehr sicher vor der Geheimpolizei. So sind wir für einige Jahre zu Oma Henriettes Familie nach Brüssel gezogen. Opa ist dort gestorben.“ Die Gräfin war betroffen. „Das tut mir leid“, sagte sie warm, „er wäre jetzt bestimmt sehr stolz auf Sie.“

„Stolz auf wen?“ fragte eine männliche Stimme. Ein jungen Mann war zur Gräfin getreten und gab ihr galant einen Kuss auf die Wange. So freundlich sprach seine Mutter sonst nicht mit Fremden; die Erfahrungen des Exils und des Verfehmtseins hatten seine warmherzige Mutter reserviert werden lassen. „Oh, Andras, schön dass Du hier bist. Es geht um diese junge Dame hier, Sophie Limbach.“ „Sophie“, sagte der junge Graf und begrüßte sie mit einem gehauchten Handkuss, und noch einmal langsamer „So-phie ..“ Und er wusste sofort: da war sie, die Eine, die Frau, mit der er sein Leben teilen wollte.

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