Wilhelm I. und Bismarck

Im Schloss Babelsbeg trafen sich Wilhelm und Bismarck
Im Schloss Babelsberg trafen sich Wilhelm und Bismarck

[Königreich Preußen, Anfang der 1860er]

1861 verstarb Friedrich Wilhelm IV. König von Preußen war nun Wilhelm I. Nun war der ehemals verhasste „Kartäschenprinz“ für viele Menschen zum Hoffnungsträger geworden. Ihre Hoffnungen schienen sich zu erfüllen, als König Wilhelm I. nach seiner Thronbesteigung 1861 liberale Minister berief.

Der Konflikt um die Heeresreform

Die konservativ-liberale Zeit ging schnell zu Ende. Wilhelm I. hatte von Anfang an klar gemacht, wie wichtig ihm eine kampfkräftige Truppe war. Das war aus seiner Sicht verständlich, denn die Bevölkerung des Königreichs Preußen war in den letzten Jahren stark angewachsen, nicht aber das Heer. Nun sollte die Friedensstärke des Heeres deutlich angehoben und an der dreijährigen Wehrpflicht für Reservisten festgehalten werden. Diese Heeresreform begünstigte das Feldheer mit seinen zumeist adligen, konservativen Offizieren, die auf den König vereidigt waren; sie ging zulasten der Landwehr mit ihren überwiegend bürgerlichen Offizieren, die auf die Verfassung vereidigt waren. Doch gerade die Landwehr genoss hohes Ansehen, während der Befreiungskriege hatten unzählige Menschen von Ostpreußen bis an den Rhein in der Landwehr und auch im Landsturm mitgekämpft, und auch jetzt stand ihnen ihre Landwehr viel näher als das Feldheer des Königs.

Doch zunächst musste das Parlament den Verteidigungshaushalt bewilligen. Als Kriegsminister Albrecht von Roon die Heeresvorlage im Reichstag einbrachte, stimmte das Herrenhaus (die 1. Kammer) zu; das Abgeordnetenhaus (die 2. Kammer) aber war nur bereit, die Verstärkung der Friedensstärke mitzutragen, nicht aber die Stärkung des Feldheers zulasten der Landwehr. Im Abgeordnetenhaus gab es eine linksliberale Mehrheit um die 1861 gegründeten Fortschrittspartei und das linke Zentrum. Von den insgesamt 62 rheinischen Abgeordneten schlossen sich 50 der Fortschrittspartei oder dem Linken Zentrum an. Bald spitzte sich der Konflikt zwischen König und Abgeordnetenhaus so zu, dass König Wilhelm I. die liberalen Minister entließ und den Reichstag auflöste. Doch die anschließenden Neuwahlen stärkten die Gegner der Heeresvorlage, und im neuen Reichstag wurde sie ganz abgelehnt. Der König und sein Kriegsminister standen alleine mit dem Rücken zur Wand. Der König wollte schon zugunsten seines Sohnes Friedrich abdanken, doch der brachte nicht den Mut auf, sich dieser verfahrenen Situation zu stellen. Nun schlug der Kriegsminister seinem König vor, Otto von Bismarck zu empfangen.

Bismarck

In Schloss Babelsberg in Potsdam, Wilhelm I. Lieblingsresidenz, trat Bismarck vor den König. Auch wenn sie in der Sache der Heeresreform einer Meinung waren, zögerte der König zunächst, ihn zu berufen. Sein Bruder, der verstorbene König Friedrich Wilhelm IV. hatte keine gute Meinung von ihm, und seine Frau Augusta konnte ihn schon gar nicht leiden. Die letzten Jahre hatte Bismarck als Diplomat in St. Petersburg und in Paris verbracht. Doch dieser Mann, entschlossen, „die Macht der Krone gegen das Parlament zu behaupten“, war des Königs einzige Chance, seine Heeresreform durchzubringen und überhaupt mit Autorität weiter zu regieren. 1862 wurde Bismarck zum Ministerpräsidenten ernannt. Drei Jahre lang legte er den Staatshaushalt mit den Heeresausgaben nur dem Herrenhaus vor, das ihm zustimmte, nicht aber dem Abgeordnetenhaus. Das war eine Missachtung der Verfassung, doch das störte ihn nicht weiter – die Heeresreform wurde durchgezogen; Widerstand dagegen gebrochen.

Breite Kreise der Bevölkerung opponierten gegen die Regierungspolitik und brachten in Wahlen und politischen Demonstrationen ihre Missbilligung zum Ausdruck. Während des Verfassungskonfliktes ging die Zahl der katholischen Abgeordneten stark zurück und wurden die Fortschrittler auch durch Anhänger des politischen Katholizismus gewählt. Das ging soweit, dass die Kölner Stadtverordnetenversammlung 1863 entschieden, das geplanten Dombaufest aus Protest gegen die Teilnahme König Wilhelm I. zu boykottieren – wofür sie in der Bevölkerung gefeiert wurden.

Politische Parteien

Die Versuche des politischen Katholizismus von 1848, zu einem parteiähnlichen Zusammenschluss zu kommen, blieben in Rheinpreußen bis 1870 Episode. Katholische Parteipolitik war Fraktionspolitik, aber auch dies nur vorübergehend bis zum Anbruch der Neuen Ära. Man sammelte Unterschriften und reichte Petitionen ein für den Erhalt der weltlichen Macht des Papstes im Zuge der italienischen Einigung. 1866 Beratungen zur Gründung einer katholischen Partei statt, die im Dezember 1870 als Zentrumspartei ins Leben trat.

Die immer größer werdende Schar der Arbeiter fühlte sich von den etablierten Parteien wenig bis gar nicht vertreten. 1863 rief Ferdinand Lassalle in Leipzig den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein (ADAV) ins Leben. Anders als Marx und Engels, die in jedem Staat den Klassenfeind des Proletariats sahen und daher weiter die Weltrevolution forderten, kämpfte Lassalle für Verbesserungen innerhalb des bestehenden Staates; dieser sollte die „Selbstorganisation und Selbstassociation“ der Arbeiter in Produktivgenossenschaften unterstützen. Dazu suchte Lassalle das Gespräch mit dem sozial sehr engagierten Mainzer Bischof Ketteler und auch mit Bismarck. Außer im Königreich Sachsen fand er vor allem im Rheinland Anklang; mit Köln, Düsseldorf, Elberfeld, Barmen und Solingen lagen fünf der elf auf dem Gründungskongress vertretenen Städte in der Rheinprovinz. 1864 lebte mehr als die Hälfte der Mitglieder des ADAV am Rhein. Im selben Jahr starb Lassalle in einem Duell.

Für August Bebel (1840-1913) und Wilhelm Liebknecht (1826-1900) hingegen war die Zusammenarbeit mit Bismarck keine Option.

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