Weltwirtschaftskrise

Schwarzer Freitag in New York
Schwarzer Freitag in New York

[Amerika, 1929]

Acht Jahren waren Joscha und Marie nun in den USA. Seit kurzem waren sie zu viert, Ende letzten Jahres war ihr kleiner Sohn Joe auf die Welt gekommen. Nach all den Jahren der Entbehrungen war Joschas Jugendtraum, sein Land in den USA zu vertreten, doch noch wahr geworden.

Der Krieg war vorbei, die USA engagierten sich wieder in Europa, vor allem in Deutschland, und wirtschaftlich ging es aufwärts. „Roaring Twenties“ sagten die Amerikaner. Joscha lächelte. „Ja, sie haben allen Grund, optimistisch in die Zukunft zu sehen“, dachte er, „die Wirtschaft brummt, das Leben pulsiert – trotz Prohibition und Intoleranz, Al Capone und Verbrechen.

Wenn nur die Prohibition endlich aufgehoben würde. Marie und er trafen sich oft und gerne mit Chiara, ihrer Familie und den amerikanischen Bergmanns, und dann machten sie sich gegenseitig Mut. Vielleicht gab es jetzt endlich ein Umdenken, denn wirtschaftlich vernünftig war die Prohibition weiß Gott nicht. Die Leute soffen das gepanschte Zeug, und es wurde immer schlimmer. Erblindung, Lähmung, schwere Hirnschäden – an die 50.000 haben sich tot gesoffen. Die Mobsters hatten sich komplette Alkohol-Industrien, man mochte fast sagen -imperien aufgebaut und lieferten sich in den Straßen blutige Schlachten. Vor allem diese eskalierende Gewalttätigkeit brachte immer mehr Amerikaner gegen die Prohibition auf. Nicht zuletzt war es eine wirtschaftliche Frage: legal hergestelltes Bier und Wein konnte man besteuern, die Einnahmen von Capone & Co. wohl kaum.

Börsenboom und Spekulationsblase

Die „Roaring Twenties“ waren auch goldene Jahre fürs „Big Business“; viele waren reich geworden, investierten und steckten immer mehr Geld in waghalsige Börsenspekulationen. Durch den wachsenden Wohlstand begannen auch etliche Kleinanleger, an der Börse zu spekulieren. Manche nahmen dafür sogar Kredite auf. Immer mehr wurden vom Spekulationsfieber angesteckt, die Aktien wurden immer stärker nachgefragt, die Kurse stiegen rasant an, weit über den Wert der Aktie hinaus.

Doch es gab erste Anzeichen eines Konjunkturabschwungs, Kursgewinne blieben hinter den Erwartungen zurück oder gar aus. Einige Finanzexperten warnten, dass diese Spekulationsblase bald platzen wurde, doch kaum jemand hörte ihnen zu.

Vielleicht hätte auch Joscha sich vom Spekulationsfieber anstecken lassen, wäre er nicht der Enkel seines geliebten Großvater Graf Csabany sr. gewesen. Auch in Wien hatte man damals immer wilder spekuliert, bis an einem Schwarzen Freitag des Jahres 1873 die Börse zusammengebrochen war. Die Krise hatte sich schnell ausgeweitet und auch die deutsche Wirtschaft schwer getroffen. Daraufhin wurde Wirtschaftsförderung ein wichtiges Anliegen, und Großvater Csabany war an die Handelskammer in Wien gegangen. Joschas Eltern waren ihm in den diplomatischen Dienst gefolgt, und hatten einen Lehrbetrieb und ein deutsch-österreichisches Austauschprogramm für Putzmacher und andere handarbeitende Berufe aufgebaut, das Csabany-Programm eben. Weder sein Vater Andras noch Joscha selbst hatten sich je hinreißen lassen, den Csabany-Besitz in windigen Spekulationsgeschäfte aufs Spiel zu setzen. Joscha nahm die mahnenden Stimmen ernst.

Schwarzer Freitag in New York

Ab dem 14. Oktober 1929 sanken die Aktienkurse stetig. Dann die Katastrophe am 24. Oktober. Die Anlieger bekamen Panik. Um ihre Kredite begleichen zu können, mussten viele ihre Wertpapiere verkaufen – egal zu welchem Preis. Millionen US-Amerikaner verloren ihr Geld.

Nach einem turbulenten Tag kam Joscha nachhause. In seinem Kopf überschlugen sich düstere Gedanken. Banken und Firmen würden zusammenbrechen, viele Menschen würden arbeitslos werden, könnten ihre Kredite nicht mehr bezahlen und Haus und Hof verlieren. Dieser schwarze Donnerstag würde viele Amerikaner in den Ruin treiben. Schlimmer noch, der Börsencrash in New York drohte sich schnell zu einer Weltwirtschaftskrise auszuweiten, die die ganze nicht-sowjetische Welt in den Abgrund reißen konnte.

In Deutschland war es da schon Freitag der 25. Oktober 1929, der „Schwarze Freitag“. Er ahnte, was auf Deutschland zukommen würde. Der Aufschwung der letzten Jahre war mit ausländischen, zumeist amerikanischen Krediten finanziert, die meisten davon waren kurzfristig und konnten jederzeit abgerufen werden. Das würde nun geschehen.

Er musste unbedingt nachhause.

Eine traurige Heimkehr

Im Dezember war Joscha in Deutschland. Schon auf der Zugfahrt von Hamburg nach Bonn hatte er gestaunt, wie viel sich in den Jahren seiner Abwesenheit geändert hatte. Köln war eine prächtig ausgebaute Metropole geworden, so viel sah er schon vom Zug aus. Dann in Bonn nahm er glücklich seine Schwester und ihre Familie in die Arme. „Ich musste einfach kommen“, sagte er immer wieder.

In den Gesichtern seiner Angehörigen sah er gleich, wie sehr der jähe Absturz sie geschockt hatten. Endlich war es aufwärts gegangen, endlich hatten sie wieder ein bisschen das Leben genießen können – und nun riss der Börsencrash in New York unendlich vielen Menschen den Boden unter den Füßen weg, stürzte Deutschland zurück ins Elend. Die US-Banken hatte gleich ihre kurzfristigen Kredite abgezogen; Firmen brachen zusammen, deutsche Banken mussten schließen, die Arbeitslosigkeit stieg sprunghaft an. Die Arbeitslosigkeitsversicherung konnte die Katastrophe nicht auffangen. Unzählige Menschen standen an den Suppenküchen an der Arbeiterwohlfahrt und andere soziale Einrichtungen an. Auch vor dem „Stübchen“ stand jeden Tag eine lange Schlange.

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