Wahlen am Rande des Bürgerkriegs

Berlin 1991, Spartakisten
Berlin 1919, Spartakisten

[Deutschland, 1918/19]

In den folgenden Wochen hatten sich Kathi und Max häufig gesehen. Die beiden mochten sich sehr, zu Weihnachten war er bei Bergmanns eingeladen. Viel bewegte sich in diesen Tagen, und die Ereignisse in der Hauptstadt verfolgten auch sie bang.

Die Revolution wird blutig

Die so lange ersehnte Einheit der Arbeiterparteien SPD und USPD zerbracht schon bald. Am Heiligen Abend tobten blutige Kämpfe zwischen Regierungstruppen und linken Matrosen, die von demonstrierenden Arbeitern unterstützt wurden. Auch der Berliner Polizeipräsident Emil Eichhorn (USPD) stellt sich mit seinen Leuten auf die Seite der Matrosen und der Arbeiter, gegen Ebert und seine Regierung.

Aus Protest gegen den Einsatz von Truppen gegen das Volk trat die USPD am 29. Dezember 1918 aus der Regierung aus. Das war zunächst ein politischer Sieg für Ebert, der nun die missliebigen USPD-Regierungsmitglieder durch SPD-Mitglieder ersetzen konnte, unter ihnen Gustav Noske als Reichswehrminister. Doch er hat ihn sehr teuer bezahlt: Viele SPD-Anhänger fühlten sich durch seine Politik verraten und wechselten zur USPD oder gar den Kommunisten; und abgesehen von Groener waren die Generäle mit ihm nur ein Zweckbündnis eingegangen.

Ende des Jahres 1918 trat der Spartakusbund aus der USPD aus und gründete mit anderen Linksextremen die Kommunistische Partei Deutschlands. Sie forderte die Fortsetzung und Ausweitung der begonnenen Revolution und lehnte in ihrer Mehrheit eine Teilnahme an den Wahlen zur Nationalversammlung ab.

Am 4. Januar 1919 entließ die preußische Regierung den Polizeipräsidenten Berlins, Emil Eichhorn (USPD), der sich während der Weihnachtskämpfe auf die Seite der Aufständischen gestellt hat. Daraufhin riefen Karl Liebknecht (KPD), Georg Ledebour (USPD) und Paul Scholze (Revolutionäre Obleute) zu einer Protestaktion am nächsten Tag auf.

Januaraufstand

Eine halbe Million Menschen folgten dem Aufruf, viele von ihnen bewaffnet, und aus der Massendemonstration wurde ein bewaffneter Aufstand. Revolutionäre Demonstranten besetzten die Berliner Bahnhöfe und stürmten das Zeitungsviertel mit den Redaktionsgebäuden der bürgerlichen Presse und des Vorwärts, nachdem einige der betroffenen Zeitungen nicht nur zur Aufstellung weiterer Freikorps, sondern auch zum Mord an den Spartakisten aufgerufen hatten. In völliger Verkennung der Lage riefen Karl Liebknecht und die anderen Führer zum bewaffneten Kampf und zum Sturz der Regierung auf.

Am 12. Januar scheiterten von der USPD initiierte Verhandlungen, und Ebert gab Noske den Auftrag, mit Regierungstruppen den Aufstand niederzuschlagen. Tagelang tobten in Berlin schwere Kämpfe zwischen den Linksextremen und den Truppen. Republikfeindliche Freikorps rückten in die Stadt ein. Sie gingen äußerst brutal vor: oft wurden Hausbesetzer noch standrechtlich erschossen, als sie schon aufgegeben hatten. Nach der Einnahme des Berliner Polizeipräsidiums einen Tag später brach der Januaraufstand zusammen, er hatte 165 Opfer gefordert.

Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht mussten um ihr Leben fürchten, doch beide wollten Berlin nicht verlassen. Am Abend des 15. Januar 1919 wurden sie verhaftet und noch in derselben Nacht von Freicorps ermordet.

Parteien

Am 19. Januar 1919 fanden die Wahlen zur Nationalversammlung statt, erstmals durften auch Frauen wählen und gewählt werden. Auch die Damen der Bergmanns fieberten dem Wahltag entgegen. Es war das erste Mal, dass auch die Frauen wählen konnten.

Die altehrwürdige SPD stellte mit Friedrich Ebert das Staatsoberhaupt. Von ihr hatte sich 1917 die USPD abgespalten, vor allem über die Frage der Kriegskredite, und dann hatte der Einsatz von Truppen gegen Arbeiter einen tiefen Keil zwischen die beiden Arbeiterparteien getrieben. Auch das Zentrum war seit langem eine feste Größe in der deutschen Politik, vor allem im katholischen Rheinland. Innerhalb des Zentrums gab es den linken Flügel, mit christlich orientierten Gewerkschaftern, und den rechten Flügel, der teilweise monarchistisch gesinnten Kreisen näher stand. Die BVP war die bayrische Schwesterpartei des Zentrums. Die linksliberale Deutsche Demokratische Partei war aus der Fortschrittspartei des Kaiserreichs hervorgegangen.

In der Opposition waren die USPD und die KPD, die gemäßigt-konservative Deutsche Volkspartei (DVP) unter Dr. Gustav Stresemann und die weit rechts stehende Deutschnationale Volkspartei (DNVP).

Am Abend traf Kathi mit Max zusammen. Er war enttäuscht über das schlechte Abschneiden der USPD, aber auch nicht überrascht. „Wir sind eine junge Partei“, meinte er, „noch kaum organisiert. Zudem sehr heterogen, für viele ist vielleicht nicht klar, wofür die USPD eigentlich steht. Im Rat der Volksbeauftragten haben unsere Leute wenig ausrichten können, man hat sie ja auch gezielt auflaufen lassen. Vielleicht war es von vornherein falsch, aber viele Leute standen hinter uns und wollten die Einigkeit der Arbeiterparteien, hätte man sich da verweigern sollen? Der Haase ist ein Idealist, beim Aufstand in Berlin hat er bis zuletzt versucht zu vermitteln. Es heißt, dass Ebert und Noske knallhart geblieben sind.“

Die SPD war zwar stärkste Fraktion, hatte aber nicht die erhoffte Mehrheit bekommen. Selbst wenn sie mit der USPD zusammengehen würde – sie hätten keine Mehrheit. Nun musste sie wohl mit den bürgerlichen Parteien koalieren.

Freikorps

„Glaubst Du, dass unser Land jetzt Frieden findet?“ fragte Kathi, „immerhin war die Wahlbeteiligung sehr hoch, 83 %, damit hätte ich gar nicht gerechnet, so gering wie viele die parlamentarische Demokratie schätzen.“ Max schwieg eine Weile, dann sagte er nachdenklich: „Ich hoffe es für uns alle. Haase setzt immer noch auf Ausgleich, auf Zusammenarbeit mit der SPD, und auf einen Parlamentarismus, in dem auch die Räte eingebunden sind. Doch ich glaube es nicht. Schau, es ist erst wenige Tage her, dass Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht ermordet wurden. Wir wissen längst sicher, was wir von Anfang an vermutet haben: Die offizielle Erklärung ist vorgeschoben, sie wurden ermordet. Ich fürchte, dass man die Mörder nicht wirklich bestrafen wird. Und der Noske steht auch noch hinter seinen Freikorps.“

„Diese Freicorps“, fragte sie, „was sind das für Leute?“ Max zögerte ein wenig. „Der Krieg hat uns alle sehr verändert“, sagte er dann langsam, „wir müssen vorsichtig sein mit dem, was wir über andere sagen. Die Freicorps sind Verbände enttäuschter Soldaten und Kriegsheimkehrer. Männer, die entwurzelt sind, die nur den Krieg kennen und bis auf ihre Kameraden keine Verbindung zu anderen haben, Verwahrloste, Orientierungslose, Studenten und reaktionäre Offiziere, Arbeitslose. Sie sind über 400.000 Mann stark, schwer bewaffnet und äußerst gewalttätig. Sie glauben, die Front sei von der Heimat verraten worden, deshalb hassen sie die Revolution. Man hat sie mit konterrevolutionärer Absicht aufgestellt, zum Teil von der Großindustrie finanziert. Zahlreiche Morde und illegale Exekutionen mit dem Segen Noskes gehen auf ihr Konto. Ich bin sicher, die meisten Generäle warten nur, bis es soweit ist und sie losschlagen können. Und sie kämpfen mit der Brutalität, die sie von der Front mitbringen, auch gegen Zivilisten. Gnade dem, der ihr Feind ist.“

Max sollte Recht behalten. Als es in Berlin im März erneut zu Straßenkämpfen kam, gab Reichswehrminister Gustav Noske den Freikorps den Befehl, jeden Bewaffneten sofort zu erschießen. Unter den Freikorps war auch die Garde-Kavallerie-Schützen-Division unter dem Kommando von Waldemar Pabst, der im Januar den Mord an Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg befohlen hatte. Die Kämpfe forderten 1.200 Todesopfer, unter ihnen viele Unbewaffnete und Unbeteiligte. Auch der KPD-Führer Leo Jogiches, der langjähriger Lebensgefährte Rosa Luxemburgd, wurde kurz nach seiner Verhaftung hinterrücks erschossen. In München wurde Ministerpräsident Kurt Eisner von der USPD ermordet, die dann errichtete Räterepublik wurde von der Reichsregierung mithilfe von Reichswehr und Freikorps blutig niedergeschlagen.

Die SPD hatte ihre eigenen Anhänger erschießen lassen. Aus der politischen Gegnerschaft wurde Hass. Kommunisten auf der einen, Sozialdemokraten und Bürgerliche auf der anderen Seite wurden unversöhnliche Feinde.

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