Verhandlungen mit Belgien

Österreichische Waffen halfen bei der Belagerung von Antwerpe
Österreichische Waffen halfen bei der Belagerung

[Belgien, 1920/21]

Seit kurzem waren Joscha und Marie in Brüssel. Österreich und Belgien verhandelten ein Abkommen zur Regelung der österreichischen Schulden an belgische Staatsangehörige, da wollte er helfen. Er wusste um die verheerenden Zerstörungen. Am 21. August 1914 waren deutsche Truppen in Brüssel eingerückt. Einen Tag später hatte Österreich-Ungarn Belgien den Krieg erklärt. Als die deutschen Truppen bei der Belagerung der Festung Antwerpen erfolglos blieben, hatte man k.u.k. Skoda-Mörser eingesetzt. Es würden sehr schwierige Verhandlungen werden.

Joscha war froh, dass seine junge Frau bei ihm war. Die eisige Kälte, die ihm als Vertreter Österreichs entgegenschlug, machte ihm sehr zu schaffen. Dabei war er hier zur Schule und auf die Universität gegangen, und hatte seine ersten Jahre als junger Diplomat an der k.u.k. Gesandtschaft in Brüssel verbracht. Seine Mutter Sophie und sein Urgroßvater Hubert lagen auf einem Brüsseler Friedhof begraben. Doch der Krieg hatte furchtbares Leid über Belgien gebracht, und sein Land war mit schuld daran.

Endlich stand Joscha Csabany wieder am Grab seiner Mutter Sophie und hielt stumme Zwiesprache. So viel war seit ihrem Tod geschehen. Ihr Mann Andras war ihr gefolgt, und ihr Österreich-Ungarn gab es nicht mehr. Aber das Leben ging weiter. Wenn sie Lotties Familie nur sehen könnte, sie wäre mächtig stolz auf sie. Und Marie, seine junge Frau. Dann setzte er seinen Hut wieder auf und verabschiedete sich. „Jetzt muss ich schauen, ob ich in der Maison Desdentelles jemand finde.“

Ein Besuch in der Maison Desdentelles

Doch als er zur Maison Desdentelles kam, fand er niemanden vor. Der Laden war zugesperrt, verwaist. Endlich gelang es ihm, Goujoux, den alten Ladendiener Madames ausfindig zu machen. Unsicher, ob ihm überhaupt aufgemacht wurde, klopfte er an die Tür. Erst Minuten später öffnete Goujoux die Tür einen Spalt. Sein Haar war schlohweiß, sein Gesicht eingefallen. „Graf Joscha Csabany?“ fragte er. „Ach, Graf bin ich schon lange nicht mehr“, antwortete Joscha mit einem schiefen Lächeln, „die Österreicher haben den Adel abgeschafft. Aber als Graf bin ich heute auch nicht hier, nur als Sohn meiner Maman. Was ist mit Madame Desdentelles geschehen?“

Goujoux schlug die Tür zu, und Joscha wollte schon resignieren. „Goujoux, bitte“ drängte er. Endlich ging in die Tür auf und Goujoux bat ihn hinein. Dann erzählte er. Auch Madame Desdentelles hatte Gefallene zu beklagen, sie war zusammengebrochen und hatte viele Tage zwischen Tod und Leben geschwebt. Wie im Fieber hatte sie gesprochen, dass sie Deutschland und Österreich nie verzeihen konnte. „Wir haben erfahren, dass auch Ihr Vater verstorben ist“, fuhr er fort, „aber die Trauer sitzt zu tief, Madame hat sich völlig verschlossen.“ Joscha war erschüttert. „Geben Sie ihr Zeit“, schloss Goujoux. Dann verabschiedete sich Joscha.

Vermittlungsversuche

Wie sollte man je wieder im Frieden miteinander leben, fragte sich Joscha. Er war im Land unterwegs und sah die Spuren eines brutalen Besatzungsregimes. Die Ruinen der Universitätsbibliothek von Löwen, die von Soldaten niedergebrannt worden war. Überreste des Todeszauns an der belgisch-niederländischen Grenze. Das zerstörte Antwerpen. Man hatte die Olympischen Sommerspiele 1920 nach Antwerpen vergeben. Viele neue Staaten mussten nun berücksichtigt werden. Aber eines war klar: Ungarn, Deutschland, Österreich, Bulgarien und das Osmanische Reich als Kriegsschuldige waren ausgeschlossen.

Wochen und Monate gingen ins Land. Unermüdlich bemühte sich auch Joscha Csabany um Vermittlung zwischen Österreichern und Belgiern, und schließlich wurde im Oktober 1920 das Abkommen über die Entschädigung belgischer Staatsangehöriger durch die Republik Österreich unterzeichnet. Es war wenigstens ein Anfang.

Ein Brief von Madame Desdentelles

Monate später, als er schon die Hoffnung aufgegeben hatte, erhielt er einen Brief von Madame Desdentelles. Es war ein sehr persönlicher Brief, sie schilderte, wie sehr Krieg und Besatzung sie getroffen hatten. „Doch auch Ihre liebe Maman war eines der ersten Opfer dieses fürchterlichen Krieges“, schrieb sie weiter, „ein Teil meines Herzens hat immer gewusst, dass auch Sie und Ihre Familie leiden, doch der Rest war wie abgestorben.“

Einige Tage später suchte Joscha die alte Dame auf. Er übergab ihr einen amtlich aussehenden Brief einer Wiener Bank. „Noch vor seinem Tod hat Papa alles verfügt und das Kapital für Sie angewiesen“, sagte er zögernd, „es ist das Vermächtnis meiner Eltern, und der Wunsch von meiner Schwester und mir, dass Sie die Maison Desdentelles wieder aufbauen.“

Diplomatische Beziehungen

Schließlich wurden wieder diplomatische Beziehungen mit Belgien aufgenommen. Deutschland schickte den ehemaligen Volksbeauftragten und Reichsminister Otto Landsberg nach Brüssel. Österreich würde nur noch ein Honorar-Generalkonsulat in Brüssel und eines in Antwerpen haben; die diplomatischen Beziehungen sollten von Den Haag aus wahrgenommen werden. Joscha war zutiefst enttäuscht, das war nicht richtig so.

Die USA hatten den Vertrag von Versailles nicht ratifiziert. Im Augst 1921 schlossen sie mit Deutschland und Österreich eigene Friedensverträge ab. Dann kam ein Brief von Chiara, der ihm wieder Hoffnung machte. „Weißt Du, auch die USA und Österreich nehmen wieder diplomatische Beziehungen auf“, schrieb sie, „versuch‘ es doch mal. Immerhin hast Du familiäre Beziehungen zu uns.“

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