Steckrübenwinter

Anstehen nach Brot
Anstehen nach Bort

[Rheinprovinz, 1916/17]

Der Krieg ging schon ins dritte Jahr. Die Seeblockade Englands machte dem Deutschen Reich sehr zu schaffen; längst waren die Lebensmittel rationiert, unzählige Menschen hungerten. Im „Stübchen“ schaute Jakob auf seine leeren Regale. Er wusste oft gar nicht mehr, wo er noch Lebensmittel hernehmen sollte.

Seit diesem Jahr bekam man auch Fett, Fleisch, Eier und Kartoffeln nur noch auf Lebensmittelkarten, ebenso wie Kaffee, Tee, Zucker, Mehl, Hülsenfrüchte und Teigwaren. Ein für die Zivilbevölkerung zuständiges Kriegsernährungsamt war eingerichtet worden, doch es konkurrierte mit dem Militär und war auch sonst kaum arbeitsfähig.

Effektive Kriegsverwaltung, Wirrwarr bei der zivilen

Längst war das ganze Land auf Kriegswirtschaft umgestellt. Kriegswichtige Rohstoffe wie Kupfer, Zinn und Gummi wurden von der Kriegsrohstoffabteilung unter Walther Rathenau verwaltet. Immer drängender wurden die Aufrufe, Gegenstände zu spenden, aus denen man Waffen und Munition herstellen konnte. Bald wurden aus den Aufrufen Verordnungen. Ab Ende 1916 verpflichtete das „Hilfspflichtgesetz“ alle Männer zwischen 17 und 60 Jahren, in der Rüstungsindustrie oder in einem anderen kriegswichtigen Betrieb zu arbeiten. Allein die Beschäftigten in der Landwirtschaft waren ausgenommen.

Zwar konnte man Lebensmittel aus den besetzten oder verbündeten Ländern im Osten eingeführt werden, aber die Behörden schafften es nicht, sie zügig flächendeckend und gerecht zu verteilen. Während die „Kriegsrohstoffabteilung“ im Preußischen Kriegsministerium unter Leitung Walther Rathenaus hoch effizient arbeitete, war man bei der Versorgung mit Lebensmitteln seiner Empfehlung nicht gefolgt. Nun gab es ein Wirrwarr von Dienststellen mit beschränkten Kompetenzen. Eine ohnmächtige Wut packte Jakob, wenn er an den florierenden Schwarzmarkt dachte. Es gab Leute, die von der Not der Menschen profitierten, und das wurde von vielen Menschen als große Ungerechtigkeit und Staatsversagen angesehen.

Steckrüben

In diesem Winter war die Not dramatisch. Ein verregneter Herbst hatte eine Kartoffelfäule verursacht, und nur die Hälfte der Ernte konnte gerettet werden. Dann gab viel zu wenig Kohle. Den Haushalten fehlte sie zum heizen, der Eisenbahn zum Betrieb der Lokomotiven. Das erschwerte den Transport der Kartoffeln von den Bauern in die Städte zu den Verbrauchern, von der ohnehin geringen Ernte verdarb ein ein Teil auf dem Transportweg.

Als Ersatz wurden rationierte Kohl- bzw. Steckrüben ausgegeben, bislang waren sie hauptsächlich Futtermittel gewesen. Sie waren äußerst robust, gediehen praktisch bei jedem Wetter und ohne Kunstdünger, der längst nicht mehr zur Verfügung stand. Rüben waren vitaminreich, was bei der schlimmen Mangelernährung enorm wichtig war, hatten aber nur wenig Kalorien. Es gab Kohlrübensuppe, Koteletts von Kohlrüben, Kuchen von Kohlrüben, ja sogar Pudding und Mus. Und wenn man sie raspelte, im Ofen trocknete und die getrockneten Rübenschnitzel durch eine Kaffeemühle drehte und dann aufgoss, hatte man so etwas wie Kaffee. Obwohl viele Menschen morgens, mittags und abends Steckrüben aßen, bekamen sie viel zu wenig Kalorien und damit Kraft für die schwere Arbeit, die tagtäglich verrichten werden musste.

Zudem war dieser Winter extrem kalt. Wochenlang lagen die Temperaturen weit unter Null. Städte und Gemeinde richteten Wärmehallen ein, Parks durften abgeholzt werden.

Graupensuppe, Salzwasser-Reissuppe und Wassernudeln

Öffentliche Suppenküchen waren in diesem Winter für viele Menschen die letzte Rettung vor dem Hungertod, auch wenn das Essen nicht gut war. Ein Zeitzeuge urteilte: „stinkende Graupensuppe, ungewürzte Salzwasser-Reissuppe, saure Pflaumen mit Wassernudeln ohne Zucker“. Viele fühlten sich diskriminiert und entwickelten eine große Wut gegenüber den besseren Kreisen, die sich die höheren Preise noch leisten oder gar auf dem Schwarzmarkt kaufen konnten.

Auch Jakob war verzweifelt. Der Anblick so vieler bis auf die Knochen abgemagerter Menschen, Kinder, Erwachsene, Greise, brach ihm das Herz. Viele würden diese Hungerjahre nicht überleben. Grippe, Tuberkulose und andere Krankheiten hätten infolge des geschwächten Immunsystems leichtes Spiel. Mit einem solchen „Hungerwinter“ hatten kaum jemand gerechnet, er demoralisierte und zermürbte die Menschen. Und es rumorte in der Bevölkerung. Auch die Männer an der Front erfuhren, dass ihre Familien hungerten, und dass der Staat die Ernährungskrise nicht in Griff bekam.

Jakobs Hoffnungen

Manchmal hielt ihn nur noch die Zuneigung zu den Menschen um ihn herum auf den Beinen. Auch er hatte Krieg erlebt, den schrecklichen Bruderkrieg zwischen Preußen und Österreich und dann den deutsch-französischen Krieg. Doch dieser Krieg überstieg alles bisher Dagewesene. Modernstes Kriegsgerät, das unzähligen Menschen in wenigen Minuten umbringen und ganze Regionen auf Jahre hin unbewohnbar machen konnte. Kampfflieger, U-Boote, Giftgas. Wie viele Väter, Brüder und Ehemänner an der Front würden nicht gesund heimkehren?

Auch an der Heimatfront kämpften alle von morgens bis abends. Anfang 1915 war als erstes Nahrungsmittel das Brot rationiert worden, im Dezember 1915 die Milch, man musste sie mit Wasser strecken. Unzählige Ersatz-Produkte kamen auf. Stundenlang musste man anstehen für das tägliche Brot, und es war ja nur das „Kriegsbrot“ aus Kartoffelmehl. Kochbücher wie „Des Vaterlands Kochtopf“ sollten die Moral stärken.

Und dann wünschte er nur noch, dass der Krieg endlich aufhören würde, dass ihm noch einige Jahre des Friedens vergönnt sein würden. Oft wanderten seine Gedanken zu dem jungen Grafen Joscha Csabany in Ungarn und seinem Vater Andras in Wien, hoffentlich waren sie wohlauf. Er wollte so gerne erleben, wie Kathi und Walter ein normales Leben als junge Erwachsene begannen, wie sie ihre Ausbildung als Winzer machten, und vielleicht wäre ihm sogar vergönnt, sie eine Familie gründen zu sehen. Er wünschte Helene so sehr, dass sie einmal mit richtigen Stoffen arbeiten konnte. Und sein „Stübchen“, sein Laden, sollte weitergehen. Er wollte noch einmal dabei sein, wenn die Regale voll waren und seine Gäste es sich schmecken ließen. Susan würde es weiterführen. Sie war so gerne Gastgeberin auf ihrer „Aimée“ gewesen, bis der Tod ihres geliebten Mannes ihr friedliches Leben aus der Bahn gebracht hatte Jakob war so froh, dass sie ihm zur Seite stand, und auch Susan tat es gut, dass sie helfen konnte.

Droht Krieg mit Amerika?

Auch das Weingut Bergmann war Zuflucht für viele Menschen, obwohl auch Bergmanns längst nicht mehr alle Räume heizen konnten, doch der Behelfskindergarten war warm, und zur Nacht wurden hier Feldbetten aufgestellt.

Eines Abends saßen Susan und ihre Mutter Lena zusammen. Obwohl sie völlig erschöpft waren, konnten sie nicht schlafen. „Du hast auch Angst, dass es zu einem Krieg mit den USA kommt, nicht?“ fragte Susan. Lena nickte. Zweimal war sie mit ihrem Mann Emil in den USA gewesen, einmal zum Wiederaufbau nach dem Sezessionskrieg, dann noch einmal mit Susan zur Hochzeit von Lorenz Bergmanns Tochter Amber. Sie hatte das Land lieben gelernt. „Hast Du noch einmal von Amber gehört?“ fragte sie. Susan schüttelte den Kopf, Tränen stiegen ihr in die Augen. „Nein, leider nicht“, antwortete sie, „der letzte Brief kam schon vor vielen Monaten. Sie schrieb dass die Stimmung zunehmend gegen Deutschland kippt. Präsident Wilson will die USA aus dem Krieg heraushalten, aber da sind Sabotageakte, hinter denen Militärattachés der Deutschen Botschaft stecken, und deutsche Torpedos haben die Lusitania versenkt, Amerikaner sind dabei umgekommen. Für die Deutschamerikaner ist das eine schlimme Zeit. Wenn noch mehr Amerikaner durch den U-Boot-Krieg sterben, werden die USA eingreifen. Für Amber ist das doppelt schlimm, ihr Vater war Deutscher, ihre Mutter Amerikanerin, und ihr Schwiegersohn John ist Ausbilder in Westpoint, der Krieg würde ihre Familie unmittelbar treffen.“

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