Heimreise ins Deutsche Reich

Plakat der Reichsbahn
Plakat der Reichsbahn

[Rheinprovinz, 1872]

An einem Spätsommerabend des Jahres 1872, fast zehn Jahre später als ursprünglich geplant, bekamen Sophie und Graf Andras Csabany doch noch ihr großes Fest auf Emils und Lenas Weingut.

Weine vom Rhein und dem Elsass

Auf Holztischen hatte man verschiedene Weinsorten von Emil und Lenas Weingut und von befreundeten Winzern aufgebaut. Graf und Gräfin Csabany sr. hatten ungarische Weine beigesteuert. Auf einem anderen Tisch standen Weine aus dem Elsass, die Sophies Bruder Hans auf seinem Dampfer mitgebracht hatte. Lena mochte Elsass-Lothringen, und auch in ihren Augen war die Annexion des Landes Unrecht. Die Menschen dort hatte man nicht gefragt, doch schon sprachen einige Politiker davon, dass man sie „germanisieren“ müsste. Lena wollte sie als Freunde und Nachbarn auf dem anderen Rheinufer, nicht als Feinde. Wäre sie ein Mann und Reichstagsabgeordneter, hätte sie mit Johann Jacoby von der Fortschrittspartei und August Bebel von den Sozialisten dagegen gesprochen. So wollte sie wenigstens zusehen, dass der Kontakt zu ihren Winzerkollegen dort nicht abriss. Gräfin Katalyn Csabany trat zu ihr. „Das ist wohlgetan“, sagte sie warm. Lena nickte. „Wir haben doch die Not und das Elend besetzter Gebiete kennengelernt“, antwortete sie, „wir wissen wie sich Niederlage und Vertreibung anfühlen.“

Besuch in der alten Heimat

Die Gäste tanzten, schmausten und sangen. Sophie schaute sich um und konnte es noch gar nicht fassen. So lange hatte sie ausgeharrt, waren Kummer und Not ihre ständigen Begleiter gewesen, und nun waren sie alle da: Andras, ihr Mann, ihre Schwiegereltern, der treue Diener Jakob und Lorenz Bergmann, den sie seit seiner Flucht vor über 20 Jahren nicht mehr gesehen hatte. Nun hatte er einen herrlichen Sommer mit ihnen verbracht. Noch immer schien er wie der große Junge, doch erste graue Strähnen und Furchen in seinem Gesicht verrieten, wie sehr ihn die Kriegsjahre mitgenommen hatten. Immer und immer wieder hatten sie sich umarmt, und bis tief in die Nacht hatte er erzählen müssen – von Annelie, seiner Frau, Amber, ihrer gemeinsamen Tochter, ihrem Gasthof, dem „Merry Dragon“, und dem „Mountain Men“* Weingut der amerikanischen Bergmanns im Shennandoah Valley, wo Annelie aufgewachsen war. Die Flasche „Mountain Man’s Bliss“, die er von dort mitgenommen hatte, war längst leer. Im Bürgerkrieg war das Weingut zerstört worden, und Emil und Lena hatten geholfen, es wieder aufzubauen. Nun waren sie beide Eltern einer entzückenden kleinen Tochter, Susan. An vielen Abenden wurde es sehr spät, und auch Sophie fühlte immer wieder warme Freude in sich aufsteigen.

Sophies Fest war ein schöner Abschluss nach einem schönen Aufenthalt in der alten Heimat. Lorenz hatte mit allen getanzt, von den Kindern bis zur Oma. Nun saß er erschöpft auf einem Stuhl und unterhielt sich mit Sophie und Andras. „Was werdet Ihr jetzt machen?“ fragte er die beiden. „Wir mussten damals so schnell aus Frankfurt weg, dass ich noch nicht einmal mein Referendariat und meine Promotion abschließen konnte“, sagte Andras, „das möchte ich jetzt nachholen, und zwar hier, bei meiner Frau.“ Sophie lächelte glücklich. „In gut einem Jahr wird Vater versetzt“, fuhr er fort, „und wenn nicht noch etwas dazwischen kommt, werden wir seine Nachfolge in München übernehmen, dann ziehen wir nach Bayern.“

„Was sollte denn dazwischen kommen?“ fragte Lorenz. „Nun“, meinte Andras mit einem schiefen Lächeln, „unsere Familie ist zwar von altem Adel, doch auch wir sind 1848er Revolutionäre wie Du. Erst spät und zögerlich hat uns Kaiser Franz Joseph wieder in Gnaden aufgenommen. Als sie mich nach der verheerenden Niederlage bei Königgrätz festnahmen, konnte Vater seinen Mund wieder nicht halten.“ Bei diesen Worten hatte er stolz zu seinem Vater hinübergeschaut. Der merkte, dass von ihm die Rede war, und kam herbei. „Natürlich nicht“, sagte er schlicht, „deswegen haben sie mich auf diesen, nun sagen wir nachgeordneten Posten an der Gesandtschaft in München versetzt. Aber Bayern ist sehr schön und Leute, die ihre Nase hochtragen und sich auf längst verwelkten Lorbeeren ausruhen, haben wir schon genug. Nur Mut, Ihr zwei, Ihr seid genau richtig!“

Pläne für den diplomatischen Dienst

Auch Sophie war ein wenig bange. Weniger wegen des Ortswechsels, denn Bayern war nicht weit weg. Während ihr Mann seine Promotion abschloss, lernte sie fleißig Ungarisch. Doch ob sie im Kreis der Damen der „ersten Gesellschaft“ überhaupt zurecht käme? Hutmacherin war ein respektierter Beruf, Hüte waren ein offizieller Bestandteil der Kleidung, sie liebte ihre Arbeit und Madame Charlotte ließ sie nur ungern gehen, aber würde man eine Hutmacherin als Diplomatengattin akzeptieren?

„Wir wollen dazu beitragen, Deutschland und Österreich-Ungarn einander wieder näher zu bringen“, begann Sophie zögernd, dann immer fester. „Wir möchten ein deutsch-österreichisches Austauschprogramm für Putzmacher und andere handarbeitende Berufe mit einem kleinen Lehrbetrieb aufzubauen, so wie Handwerksgesellen ihre Wanderjahre haben. Wir möchten talentierte Menschen aus unseren Ländern zusammenbringen und ihnen eine Art Gesellenzeit in einem anderen Betrieb ermöglichen. So können sie nicht nur ihre handwerklichen Fähigkeiten vervollkommnen, sondern auch alles rund ums Geschäft lernen und Kontakte knüpfen. Madame Charlotte will auch mitmachen, Mutter hier macht seit Jahren herrliche Tischwäsche wie unseren Gründerin Oma Limbach, und Mutter in Wien hat gute Kontakte zu Wiener Geschäften.“ Dann stockte sie.

„Ihr wisst, ich mag das Wort ‚Putzmacherin‘ gar nicht. Keiner von uns hier ist putzsüchtig. Aber schöne Kleidung tut jedem gut, und seit der Generation meiner Uroma möchten wir sie auch für Menschen mit kleinem Geldbeutel erschwinglich machen, die mit ihrer Hände Arbeit ihre Familien ernähren.“ Graf Andras Csabany nickte. „Und das alles unter Sophies Leitung“, ergänzte er stolz, „es würde also ein Familienbetrieb, damit hätten wir nur wenig Anlaufkosten. Wenn das mit dem Lehrbetrieb in München klappt, würden wir unsere Kollektionen in München, Wien und Bonn anbieten und hoffentlich gut verkaufen können, und dann trägt sich das Projekt fast von selbst.“ Auch Lorenz strahlte von einem Ohr zum anderen. „Ganz die Enkelin Deines Großvaters Hubert“, sagte er, „und Eure Kinder werden Bildungsmöglichkeiten haben, von denen wir nur träumen konnten. Ich wünschte, Onkel Hubert hätte das noch erlebt.“

Auf beiden Seiten des Atlantiks

In den nächsten Tagen würde Lorenz zurückreisen, und in ihm tobten verschiedensten Gefühle. Er sehnte sich danach, seine Frau Annelie und seine Tochter Amber in Pennsylvania wieder in die Arme zu schließen, und er sehnte sich nach seinem neuen Zuhause in Amerika. Doch seine deutsche Familie und seine alte Heimat hatten genauso einen Platz in seinem Herzen. Nun war er wenigstens sicher, dass alles in guter Ordnung war. Er schaute hinauf zum Himmel. „Bald werde ich wieder auf der anderen Seite des Atlantiks sein“, sagte er, „und wir werden wieder weit weg von einander leben. Aber wir sehen alle dieselben Sterne.“

Das ist ein kleines Wortspiel. „Mountain Men“ ist eine wörtliche englische Übersetzung des Namens Bergmann, bezogen auf die Familie im Plural.

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