Schlechte Erinnerungen an den Rhein

Bonn um 1700
Bonn um 1700

[August 1730, Rheinland]

In seiner Haut möchte ich jetzt nicht stecken, wer weiß was ihm bevorsteht.“ Nicht ohne Sorgen sahen ein erzbischöflicher Kölner Kammerherr und ein junger Page den preußischen Schiffen hinterher, die gerade abgelegt hatten und nun in Richtung Norden segelten.

Es war August 1730. Der Preußenkönig Friedrich Wilhelm und sein Sohn und Kronprinz Friedrich hatten gerade den kurzen Besuch beim geistlichen Landesherrn, Erzbischof Clemens August, beendet. Obwohl die Form mühsam gewahrt wurde, hatten die meisten am Hof die Spannungen zwischen Vater und Sohn gespürt. Zudem sickerte durch, dass Friedrich auf dem Weg nach Süddeutschland versucht hatte, nach Holland zu entkommen. Das war mehr als eine Familiensache, für einen Kronprinzen war das Hochverrat. Nun war die preußische Delegation auf dem Weg nach Wesel, und Wesel war preußisch.

„Der Zorn seines Vaters wird fürchterlich sein“, meinte der junge Page bedrückt, „ich bin froh, dass wir hier nicht so ein strenges Regiment haben.“ Wieder schüttelte der ältere Kammerherr den Kopf. „Es könnte durchaus noch passieren“, sagte er, „Preußen hat seinen Anspruch auf das Herzogtum Jülich-Berg nicht aufgegeben. Im Gegenteil, König Friedrich Wilhelm I. sind die Forderungen seines Großvaters, des Großen Kurfürsten Friedrich Wilhelm, wohl bewusst.

„Wie kommt er überhaupt dazu?“, fragte der junge Page nach, „seine Länder liegen doch weit im Osten!“ Der ältere Kammerherr nickte. „Ja, weit im Osten, zum Teil außerhalb des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation. Das Kurfürstentum Brandenburg ist seit jeher Teil des Reiches, hier ist er Kurfürst und als solcher Untertan des Kaisers, denn innerhalb des Reiches kann es keine höheren Herrscher als einen Kurfürsten geben. Brandenburg gehört also weiter zum Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation, dan kann es keine höheren Herrscher als einen Kurfürsten geben.

Ostpreußen aber liegt außerhalb des Reiches, hier ist er König. „Ja“, sagte der junge Page eifrig, davon wurde berichtet.“ Ostpreußen aber lag außerhalb des Reiches, war unabhängig, und so konnte Friedrich sich nun die Krone aufsetzen und sich König von Preußen nennen. „Nein, nicht ganz“, sagte der lächelnd, „König in Preußen. Ein anderer Teil Preußens nämlich, Westpreußen, ist weiter unter polnischer Lehnsherrschaft, daher sagen meinen wir Ostpreußen und sagen „König in Preußen“.

Aber Du wolltest ja wissen, was sie hier an den Rhein gebracht hat. Lange vor unserer Zeit, im 16. Jahrhundert, war das Herzogtum Berg war mit den Herzogtümern Jülich und Kleve verbunden, damals war es eine Großmacht am Niederrhein. Als 1609 der letzte Herzog aus dem Haus Kleve ohne männlichen Erben starb, erhoben alle seine Schwiegersöhne, die Fürsten von Brandenburg, Pfalz-Neuburg und Pfalz-Zweibrücken, Anspruch auf der Erbe. 1614 schlossen sie im Vertrag von Xanten einen Vergleich: Pfalz-Neuburg erhielt Jülich und Berg, Brandenburg Kleve, Mark, Ravensberg und Ravenstein. Doch der Streit schwelte weiter; 1651 fielen sogar Truppen des Großen Kurfürsten Friedrich Wilhelm von Brandenburg in Berg ein, konnten sich jedoch nicht durchsetzen. 1666 schloss er einen Vergleich mit Pfalzgraf Philipp Wilhelm: beim Aussterben des Mannesstamms der einen Linie sollte die andere sie beerben.

„Und nun droht die Linie Pfalz-Neuburg auszusterben“, schloss er, „und es bahnt sich neuer Streit an. Die Diplomaten sind ständig unterwegs. Man erzählt, dass Geheimverträge geschlossen wurden. Dafür, dass König Friedrich Wilhelm I. die Thronfolge der Kaisertochter Maria Theresia anerkennt, hat er sich von unserem Kaiser Karl VI. der Anspruch auf Jülich-Berg bestätigen lassen, heißt es.“ Er dachte noch eine Weile nach, und fügte dann hinzu: „Wir können nur froh sein, dass er ein so treuer Untertan seiner Majestät ist. Er baut eine riesige Armee auf, man nennt ihn schon den „Soldatenkönig“. Würde die je gegen uns ziehen, sähen wir alt aus.“

Festungshaft

Wesel gehörte zum Herzogtum Kleve und war preußisch. Am 12. August 1730 wurde Kronprinz Friedrich in der Festung Wesel inhaftiert und rabiaten Verhören durch den Vater unterzogen. Der Soldatenkönig begreift das Ausmaß, durch die Beteiligung preußischer Offiziere wird aus dem Familienzwist eine Staatsaffäre. Noch am selben Tag erlässt er Haftbefehl gegen Friedrichs Vertraute und Mitverschwörer Leutnant Peter von Keith und Hans Hermann von Katte.

Während Keith aus Wesel fliehen kann, wird Katte ebenfalls festgesetzt und kaum drei Monate später in der Festung Küstrin an der Oder hingerichtet.

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