Rheinischer Provinziallandtag

Düsseldorf in jenen Jahren
Düsseldorf in jenen Jahren

[Rheinland, 1823/24]

Seit einigen Jahren war jegliche politische Betätigung der Bürger stark eingeschränkt, wenn nicht gar unmöglich. Auf der Grundlage der Karlsbader Beschlüsse von 1819 wurden die Burschenschaften verboten, Professoren und Studenten vom Staat überwacht, Zeitungen und Bücher wurden zensiert; verdächtige Personen wurden als Demagogen (Volksverführer) angesehen und wegen „revolutionärer Umtriebe“ verfolgt. Doch stand in Artikel 13 der Bundesakte, des Gründungsdokuments des Deutschen Bundes, dass alle Bundesstaaten eine Verfassung bekommen und das Volk durch seine Stände vertreten werden soll Auch König Friedrich Wilhelm III. von Preußen hatte dieses Dokument unterschrieben. Trotz aller Skepsis hoffte auch Hubert, dass der König sein Versprechen halten würde.

Friedrich Wilhelm III. hatte eine Kommission unter Leitung des Kronprinzen Friedrich Wilhelm eingesetzt. Der begrüßte die Restaurationspolitik Metternich, setzte sich für die althergebrachten Ständevertreter ein und sprach sich gegen die Reformvorschläge Hardenbergs aus. „Ein bisschen kann ich ihn ja verstehen“, dachte Hubert, „als die Königsfamilie vor Napoleon nach Memel fliehen musste, war er elf. Gut behütet und liebevoll umsorgt aufgewachsen, muss es für ihn schlimm gewesen sein. Dass er so etwas in Preußen nicht mehr erleben möchte, ist verständlich. Aber nun die Zeit zurückdrehen zu wollen ist völlig falsch“.

Doch eben dahin ging die Empfehlung der „Kronprinzenkommission“, und der König folgte ihr. Er verfügte die Einrichtung eines rheinischen Provinziallandtags, in dem wie seit jeher Rittergutsbesitzer, Stadtbürger und Bauern sitzen sollten. Der Landtag sollte – in geheimer Verhandlung! – Gesetzesentwürfe und Petitionen beraten und Vorschläge machen; die Entscheidungen aber würden König Friedrich Wilhelm III. und seine Regierung in Berlin treffen.

Hubert war enttäuscht. Die erhoffte Beteiligung der Bürger am politischen Geschehen war das nicht. Im Gegenteil, Friedrich Wilhelm III. war von seinem ohnehin nur halbherzigen Versprechen abgerückt, seinem Land eine Verfassung zu geben. Außerdem passte die Zusammensetzung des neuen Provinziallandtags nicht auf die Wirklichkeit in den Rheinlanden. Während der Franzosenzeit waren die Privilegien der alten Stände Adel und Geistlichkeit abgeschafft worden, und der Code Civil garantierte allen Bürgern Gleichheit vor dem Gesetz. Längst gab es Gewerbefreiheit, auch auf dem Land hatten sich Gewerbe angesiedelt und so unterschied man auch verwaltungsmäßig nicht mehr zwischen Stadt und Land. Fabrikanten, Kaufleute und Gelehrte hätten die Rheinlande besser vertreten können.

Doch das verstand König Friedrich Wilhelm nicht. Auch nicht, dass der Wunsch nach staatsbürgerlichen Freiheiten kein Floh war, den die Franzosen seinen neuen Untertanen ins Ohr gesetzt hatten. Die Rheinländer waren stolz auf ihre lange Geschichte, ihre Vorfahren waren Bürger des Römischen Weltreiches und stolze Einwohner der Kurfürstenstädte und herzoglichen Residenzen gewesen. Dabei waren sie in ihrer Mehrheit noch nicht einmal für eine Republik, sondern für eine konstitutionelle Monarchie.

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