Revanche statt Versöhnung

Befreiungsfeier in Koblenz
Befreiungsfeier in Koblenz

[Rheinprovinz, 1930]

Siegesfeier statt Versöhnung

Am 30. Juni 1930 wurde als letztes die fünfzehnjährige „Mainzer Zone“ geräumt. Nun überschlug man sich mit „Jubel- und Befreiungsfeiern“. Aber es waren rein deutsche Veranstaltungen, mit den Franzosen wollte man nicht feiern, deren Bemühungen um eine gemeinsame Rheinlandfeier waren nicht im Sinne der preußischen Regierung und der Bevölkerung und wurden abgelehnt.

Die nationale Befreiungsfeier fand am 22. Juli 1930 in Koblenz statt. Eine Riesensache sollte es werden, Reichspräsident Hindenburg, der preußische Ministerpräsident Otto Braun und viele andere Honoratioren besuchten das Rheinland, fuhren über den Rhein und waren bei dem Fest zugegen.

Lottie aber war nicht hingefahren. Sie hatte selbst ein Fest gegeben auf ihrem Weingut – bescheiden zwar, aber in Zeiten der Not hoch willkommen. Einerseits war sie überglücklich, dass ihr Rheinland nunmehr frei von Besatzung war. Sie liebte ihren Rhein innig und war überglücklich, dass auf der anderen Seite nun nicht mehr besetztes Gebiet oder gar eine Grenze war. Aber Frieden sollte herrschen auf beiden Seiten des Rheins, und dieser aufsteigende Nationalismus machte ihr Sorgen.

An den vor kurzem verstorbenen Außenminister Stresemann und seine geduldige Verständigungspolitik dachte man allenfalls am Rande. Man sah den freiwilligen Abzug der Franzosen nicht als Entgegenkommen und als Beitrag zu einer Verbesserung des deutsch-französischen Verhältnisses. Auch ein Dank der Reichsregierung für die pünktlich erfolgte Räumung blieb aus. Stattdessen ließ sie ein Drei- und ein Fünf-Mark-Stück prägen mit dem Arndt-Zitat: „Der Rhein – Deutschlands Strom, nicht Deutschlands Grenze“. Politiker und Vertreter von Kommunen und Institutionen ließen antifranzösischen Ressentiments freien Lauf.

Stresemanns Politik der Aussöhnung war vorbei und Lottie befürchtete, dass man dies auch in Frankreich so sehen würde. Männer wie Brüning und der Zentrumsvorsitzende Prälat Kaas waren ausgesprochene Revisionisten. Die pragmatische Haltung Konrad Adenauers und des stets versöhnlichen Wilhelm Marx hatte in der Endphase der Weimarer Republik keine Chance mehr. Und dass der Reichspräsident eher seine Teilnahme abgesagt als auf die Begrüßung durch eine Ehrenformation des Stahlhelms verzichtet hätte, machte sie zutiefst betroffen. Man hatte seinem Wunsch entsprochen und so lange Druck auf Preußens Regierung ausgeübt, bis sie den Stahlhelm wieder zugelassen hatte. Wie mag sich der Ministerpräsident Otto Braun gefühlt haben, als er an diesem Tag an der Seite des Reichspräsidenten einherschritt?

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