Reichstagswahl 1930 – Sieg der NSDAP

Zerstörtes Geschäft in Berlin
Zerstörtes Geschäft in Berlin

[Deutschland, 1930]

Max war wütend. Was hatte denn Reichspräsidenten und den Reichskanzler nur bewogen, in solch krisengeschüttelter Zeit den Reichstag aufzulösen und Neuwahlen auszuschreiben? Was hatte die Parteien im Reichstag geritten, es darauf ankommen zu lassen? Hatten sie vergessen, dass sie bei allen Differenzen auch eine gemeinsame Verantwortung hatten, das Land aus seiner schlimmsten Krise herauszubringen? Reichskanzler Brüning war sich der explosiven Stimmung in Deutschland nicht bewusst; seine Welt waren die Politzirkel in Berlin, nicht die Öffentlichkeit.

Erbitterter Wahlkampf

Die Auflösung des Reichstags kam den Nationalsozialisten sehr gelegen. Keine andere Partei hatte einen solch schlagkräftigen Apparat und eine solche Propagandamaschinerie. Wie keine andere Partei verstand es die NSDAP, den Zorn, die Enttäuschung und die Hoffnungen vieler Menschen zu erspüren und diese Menschen glauben zu machen, allein die NSDAP wüsste einen Ausweg.

Da waren die Jugendlichen, die keine Zukunft für sich sahen, die Mittelschicht, die den sozialen Abstieg fürchtete oder längst verarmt war, Handwerker und kleinere Ladenbesitzer, die sich von Warenhäuser und Einheitspreisläden bedroht sahen. Dann die riesige Gruppe der Arbeitslosen und von Massenentlassungen bedrohten Angestellten und Arbeiter, die vielen Menschen, die unter den neuen, drückenden Steuern litten, und Menschen, die der parlamentarischen Demokratie und ihren Politikern nicht mehr trauten. Hitlers NSDAP war jung und politisch unverbraucht, und sie war nicht die Partei einer Klasse oder Interessengruppe, sondern eine Volkspartei, wenn auch negativen Sinne.

Die NSDAP versprach nun einen radikalen Neuanfang, eine „Volksgemeinschaft“ hinter einem starken „Führer“, in der die Menschen Gleichheit und Gerechtigkeit erfuhren. Dazu mussten Parlament und Parteien weg, ebenso der Versailler Vertrag, der Young-Plan und das ganze verhasste „Weimarer System“.

„Freiheit und Brot“ und „das Volk steht auf“ stand auf Wahlplakaten der NSDAP. Ein Plakat der SPD zeigte ein Skelett mit einer Hakenkreuzmütze, einen am Hakenkreuz gekreuzigten Arbeiter, und eine dienende Frau, die einem Mann in Uniform die Stiefel schnürte. Das Zentrum stellte den „Männern der Volksverhetzung“ die „Männer der Wahrheit und Verantwortung“ entgegen.

Es wird geprügelt und geschossen

Die politische Auseinandersetzung fand zunehmend auf der Straße statt. Alle Verbände waren mehr oder weniger uniformiert, traten militant auf und besaßen geheime Waffenlager. Als Rechtsextreme arbeiteten Stahlhelm, SA und SS zusammen, das republikanische Reichsbanner und der kommunistische Rotfrontkämpferbund waren Gegner. Für die stalintreue KPD war der Hauptfeind längst die SPD. Am 1. Mai 1929 war die preußische Polizei gegen eine verbotene Massendemonstration der KPD eingeschritten, es hatte viele Tote und Verletzte gegeben. Für die KPD waren SPD-Politiker „Sozialfaschisten“, mit denen eine Zusammenarbeit nicht möglich war, noch einmal gegen die Nazis.

Preußens Regierung stemmte sich mit aller Kraft gegen die Radikalisierung. In Preußen galt Uniformverbot für die NSDAP, Beamte durften nicht den verfassungsfeindlichen Parteien KPD und NSDAP angehören. Seit 1929 war der Stahlhelm in Rheinland und Westfalen wegen Verstoßes gegen die Entmilitarisierungsbestimmungen des Versailler Vertrags verboten. Max war entsetzt gewesen, dass Hindenburg und der Kreis um ihn Ministerpräsident Otto Braun gezwungen hatten, das Verbot aufzuheben.

Auch wenn das Rheinland durch seine katholische Prägung weiter überwiegend Zentrum wählte, und in den Industriegroßstädten die Linke Hochburgen hatte, fasste die NSDAP auch hier Fuß. Auch im Bonner Stadtrat saßen Nationalsozialisten. Im Mai 1930 hatte es auch in Honnef eine Schießerei gegeben, bei der acht Menschen verletzt wurden. Längst trat die NSDAP nicht mehr auf wie eine Splitterpartei.

Erdrutschsieg der NSDAP

Am Abend des Wahltags, dem 14. September 1930, saßen Max und Kathi am Radio und verfolgten die Hochrechnungen. Nach den Wahlen in Sachsen und Thüringen hatten sie mit Stimmengewinnen für die NSDAP gerechnet, doch was sie da hörten, übertraf ihre schlimmsten Befürchtungen. Da bahnte sich ein Erdrutschsieg der NSDAP an: 18,3 Prozent der Stimmen, das waren 107 Mandate im Reichstag; aus der Splitterpartei war eine Massenpartei geworden. Noch immer war die SPD stärkste Partei, doch sie hatte 10 Mandate verloren, während die KPD kräftig gewonnen und nun 22 Sitze mehr hatte. Auch in den Dörfern des Siebengebirges hatte die NSDAP einen Erdrutschsieg hingelegt. In Honnef 16,6 Prozent, in Königswinter 14,7 Prozent, in Oberkassel 10,7 Prozent und in Oberpleis 12,3 Prozent.

18,3 Prozent, was waren nicht nur bekennende Rechtsradikale und Judenhasser. Da waren auch Wähler der Mitte und der gemäßigten Rechten aus dem unteren Mittelstand, Bauern, Angestellte, Jungwähler und Arbeiter zur NSDAP abgewandert. Mit Ausnahme des Zentrums wurden alle bürgerlichen Parteien abgestraft. Sie hatten kaum jemanden, der die Massen so in seinen Bann schlagen konnte wie Hitler, keinen Propaganda-Apparat, wie ihn die NSDAP aufbaut hatte. Die meisten der großen Republikaner waren verstorben, hatten sich aufgerieben oder waren schwer krank.

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*