Preußen im Westen

Preußische Soldaten
Preußische Soldaten

In der frühen Neuzeit war Deutschland ein Konglomerat vieler mittlerer, kleiner und Kleinstaaten, die im Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation unter dem Habsburger-Kaiser in Wien vereint waren.

Brandenburg und Preußen

Korrekter ist es, von Brandenburg und Preußen zu reden, denn es waren verschiedene Landesteile. Brandenburg war ein Kurfürstentum innerhalb des Reiches. Preußen war ein weltliches Herzogtum außerhalb des Reiches, welches dem polnischen König lehnspflichtig war.

Kurfürst Johann Sigismund von Brandenburg wechselte 1613 vom Luthertum zum Calvinismus über. Doch er zwang seine Untertanen nicht, ebenfalls Calvinisten zu werden – das war unüblich, denn seit dem Augsburger Religionsfrieden von 1555 galt „Cuius regio, eius religio“, d.h. die Bevölkerung muss sich zur Religion ihres Landesherrn bekennen. Doch das lutherische Bekenntnis war dem katholischen gleichberechtigt anerkannt, nicht jedoch das reformierte. Der Kurfürst legte hier einen Akt „preußischer Toleranz“ hin. Seine eigene Ehefrau, Anna von Preußen, war eine mächtige Vertreterin der Lutheraner.

Jülich-Klevischer Erbfolgestreit

Diese Anna von Preußen hatte auch Wurzeln am Niederrhein, ihr Großvater war Herzog Wilhelm „der Reiche“ von Jülich-Kleve-Berg, ihre Mutter hatte nach Brandenburg geheiratet. Da im Herzogtum Jülich-Kleve-Berg auch Töchter erbberechtigt waren, war sie eine gute Partie.

Als 1609 der letzte Sohn Wilhelms nach langer Krankheit verstarb, war im Herzogtum Jülich-Kleve-Berg die Erbfolge umstritten. Es gab keinen Thronfolger, die ebenfalls erbberechtigten Töchter waren nach Brandenburg, Pfalz-Neuburg und Pfalz-Zweibrücken verheiratet. Außerdem hatte Kaiser Rudolf II. (1576-1612) Kleve schon dem Herrscherhaus Sachsen versprochen.

Brandenburg und Pfalz-Neuburg schafften Fakten und nahmen das Land in Besitz. Das rief den Kaiser auf den Plan, der seinerseits kaiserliche und spanische Truppen einrücken ließ. Jülich wurde 1609/1610 belagert. Daraufhin schlossen sich Brandenburg und Pfalz-Neuburg 1609 zur Verteidigung ihrer Interessen zusammen. In der angespannten Situation in Europa weitete sich der regionale Konflikt schnell aus. Heinrich IV. von Frankreich und die protestantische Union traten auf ihre Seite, sie wollten verhindern, dass die katholischen Habsburger sich auch am Niederrhein festsetzen. Fast wäre darüber ein Krieg ausgebrochen. Schließlich entschied der Kaiser zugunsten Sachsens, doch weder die Brandenburger noch die Pfalz-Neuburger rückten ab. Pfalzgraf Wolfgang Wilhelm von Pfalz-Neuburg wollte den Konflikt durch eine Ehe ins brandenburgische Haus beilegen, doch das Vorhaben endete im Streit.

So heiratete er nach Bayern und wurde katholisch, der Brandenburger Johann Sigismund trat zur reformierten Glauben über. Spanische und holländische Truppen rückten nun gleichzeitig ins Land. Doch einen Krieg fürchtete beide Seiten und schlossen im 1614 in Xanten einen Vertrag, der eine geteilte Verwaltung des Herzogtums vorsah: Der Pfalzgraf von Pfalz-Neuburg erhielt Jülich und Berg, der Kurfürst von Brandenburg Kleve, Mark, Ravensberg und Ravenstein.

Des „Reiches Streubüchse“ – Zeitgenössischer Spott über Brandenburg-Preußen

1618 starben die Hohenzollern im Herzogtum Preußen aus und es fiel durch Erbschaft an die Verwandten in Brandenburg. Seither regierten die Kurfürsten in Personalunion die Gebiete Brandenburg und Preußen. Dabei waren sie zwei Lehnsherrn verpflichtet: für die Gebiete Brandenburgs dem Kaiser, für Preußen dem polnischen König. So lagen denn die Gebiete des Kurfürsten zerstreut und weit voneinander, zudem hatte jedes seine eigene Gesetzgebung, Verwaltung und Wirtschaftsordnung. Doch die spanischen und holländischen Truppen blieben im Land, und wenig später brach der verheerende Dreißigjährige Krieg aus. Der Kurfürst hatte keine Armee, die seine verstreut liegenden Landesteile Ostpreußen und Brandenburg, Kleve, Mark und Ravensberg schützen konnte. Wallensteins Heer und das der Schweden zogen plündernd und brandschatzend durch Brandenburg. Hunger und Seuchen rafften unzähligen Menschen dahin. Brandenburg verlor im Dreißigjährigen Krieg einen Großteil seiner Bevölkerung und die Folgen waren noch jahrzehntelang spürbar.

Friedrich Wilhelm von Brandenburg, der Große Kurfürst

Noch während des Kriegs verstarb Georg Wilhelm und sein Sohn Friedrich Wilhelm trat sein schweres Erbe an. Überall sah er Tod und Zerstörung, noch immer tobte der Dreißigjährige Krieg und sein Land war von den Schweden besetzt. 1648 endete endlich der Krieg. Im Westfälischen Frieden vertrat Friedrich Wilhelm nicht nur Brandenburg, sondern auch die protestantische Sache. Er erreichte, dass die Reformierten die gleichen Rechte bekamen wie die Lutheraner. Am Anfang hat er von Kleve aus regiert.

Schon wenige Jahre nach dem Westfälischen Frieden geriet Brandenburg-Preußen in die Wirren eines Krieges zwischen Polen und Schweden, während dessen Tataren viele Städte und Dörfer zerstörten und mehr als 20.000 Menschen verschleppten. Friedrich Wilhelm nutzte eine Schwäche des polnischen Königs, um Ostpreußen aus der polnischen Lehnshoheit zu lösen (1657/1660). Dieser nun unabhängige Landesteil, der keinen höheren Herrn hatte als den Kurfürsten und auch nicht zum Heiligen Römischen Reich deutscher Nation gehörte, wurde unter seinem Sohn Friedrich zum Königreich erhoben (1701).

Wieder Streit um das Herzogtum Jülich-Kleve-Berg

Der Konflikt zwischen dem Kurfürsten von Brandenburg und dem Haus Pfalz-Neuburg um das Herzogtum Jülich-Kleve-Berg schwelte seit den Jahren 1609/1610. 1651 fielen brandenburgische Truppen in Berg ein. Das stieß auf heftigen Widerstand nicht nur der katholischen Fürsten. Lange Jahre wurde ohne Erfolg verhandelt, selbst Kaiser Leopold I. drängte vergeblich. Erst im September 1666 einigten sich der Große Kurfürst und der Pfalzgraf Philipp Wilhelm, den Status quo vertraglich zu bestätigen: Brandenburg behielt Kleve, Mark und Ravensberg, Pfalz-Neuburg Jülich und Berg. Zugleich schlossen sie einen Erbvergleich, nach dem beim Aussterben des Mannesstamms der einen Linie die andere sie beerben sollte. Diese Bestimmung sollte später Konflikte schaffen.

Zwei Generationen später drohte die Linie Pfalz-Neuburg auszusterben. Inzwischen regierte in Brandenburg-Preußen König Friedrich Wilhelm I. (1713-1740), der „Soldatenkönig“. So wie es der Große Kurfürst 1666 vereinbart hatte, wollte er sich nun das Herzogtum Jülich-Berg sichern. Dazu schloss er mit Kaiser Karl VI. zwei Verträge, in Wusterhausen (1726) und Berlin (23.12.1728), in denen Friedrich Wilhelm die Pragmatische Sanktion anerkannte und der Kaiser dafür seinen Anspruch auf Jülich-Berg garantierte.

Seine ganze Regierungszeit hindurch war der Soldatenkönig ein treuer Untertan Kaiser Karls VI. (1711-1740) in Wien. Doch er merkte nicht, wie wenig seine Treue belohnt wurde, im Gegenteil. Die Wiener Diplomatie manövrierte ihn immer wieder aus, und das sogar in des Königs abendlicher Lieblingsrunde, dem „Tabakkollegium“. Der Kaiser brauchte den Preußenkönig nur so lange, wie er noch mit den anderen europäischen Mächten verhandelte; schon längst hatte er dem Haus Pfalz-Sulzbach das Herzogtum Jülich-Berg garantiert. Als schließlich auch Frankreich der Pragmatischen Sanktion zugestimmt hatte, war es soweit: 1738 forderte er von König Friedrich Wilhelm I. den Verzicht auf das Herzogtum Jülich-Berg zu, denn weder der Kaiser noch die Niederlande, England oder Frankreich wollten eine starke Präsenz Preußens im Westen. Als der kaiserliche Bescheid in Berlin überreicht wurde, merkte der König erst, wie sehr er hintergangen worden war. Er zeigte auf den Kronprinzen und sagte „hier steht einer, der mich rächen wird.“

Das hat Friedrich II. dann auch getan. Nach diesem wiederholten Vertragsbruch des österreichischen Kaisers fühlte er sich nicht mehr an die Pragmatische Sanktion gebunden. Drei fürchterliche Kriege folgten, dann war Preußen zur fünften Großmacht in Europa aufgestiegen. 1763 im Vertrag von Hubertusburg verzichtete Friedrich auf das Herzogtum Jülich-Berg.

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