Der „Eiserne Kanzler“

Prozess gegen Liebknecht und Bebel
Prozess gegen Liebknecht und Bebel

[Deutsches Reich, 1870er/80er Jahre]

Mit der Gründung des Deutschen Reichs, Bismarcks Lebenswerk, war der Wunsch vieler Menschen nach einem geeinten Deutschland in Erfüllung gegangen.

Keine Demokratie

Doch das Deutsche Reich war nicht der demokratische Staat, den sich viele Menschen wünschten. Zwar wurde der Reichstag in freier, geheimer und allgemeiner Wahl aller Männer gewählt, doch war der Reichskanzler mit seinem Kabinett nicht dem Reichstag, sondern dem Kaiser verpflichtet; und der Reichskanzler war in Personalunion preußischer Ministerpräsident. In Preußen aber wurde nach dem Dreiklassenwahlrecht von 1850 gewählt, welches nicht nur die Vermögenden bevorzugte, sondern de facto große Teile der Bürger und die Arbeiterschaft von der politischen Mitbestimmung ausschloss. Dieses Wahlrecht begünstigte die alten Eliten, die sich gegen demokratische Reformen stemmten. Otto von Bismarck, der „Eiserne Kanzler“ selbst machte nie einen Hehl daraus, dass er vom Parlamentarismus nicht viel hielt. Doch als Meister der Realpolitik verstand es, die Parteien für seine Politik einzusetzen und gegeneinander auszuspielen.

Noch immer regierte der „eiserne“ Kanzler Bismarck. Auf dem Gebiet der Außenpolitik waren seine Verdienste unbestreitbar: In seiner fast dreißigjährigen Kanzlerschaft schuf er ein hochkompliziertes Bündnissystem, das dem Reich über 30 Jahre Frieden brachte. Aber im Inneren konnte Bismarck das Reich nicht einigen. Hier führte er einen erbitterten Kampf gegen alles, was nicht in seinem Sinne war – die katholische Kirche, die Sozialisten – hier war er Herr über eine Geheimpolizei, die sich um Recht und Gesetz nicht scherte.

Sozialistengesetze

August Bebel und Wilhelm Liebknecht hatten 1869 in Eisenach die Sozialdemokratische Arbeiterpartei (SDAP) gegründet. Ihre Ziele formulierte Bebel später sehr deutlich: „Das Deutsche Reich, in Wirklichkeit nur ein erweitertes Preußen, war ein Klassenstaat und ein Militärstaat, und da sie Feinde des Klassenstaates waren, mussten sie Feinde des Reiches sein“. Auch nach dem Zusammenschluss mit den Lasalleanern auf dem Parteitag von Gotha 1875 zur SPD blieb der internationale Sozialismus im Parteiprogramm.

In Bismarck hatten sie von Anfang an einen erbitterten Feind, beide verbrachten viele Jahre im Zuchthaus und wurden mehrfach ausgewiesen. Als 1878 zwei Attentate auf Kaiser Wilhelm I. verübt wurden, brachte Bismarck im Reichstag ein „Gesetz gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie“ durch, obwohl die Sozialisten keine Schuld traf. Das Gesetz verbot unter Strafandrohung alle sozialdemokratischen Vereine, Veranstaltungen, Presse und Bücher. In den folgenden zwölf Jahren wurden viele Sozialdemokraten zu Gefängnisstrafen verurteilt oder ausgewiesen. Doch das stärkte ihren Zusammenhalt, die SPD gewann von Wahl zu Wahl mehr Stimmen.

Sozialgesetzgebung

Während Bismarck die Sozialdemokraten als erklärte Feinde seines Staates bekämpfte, sah er seinen Staat in der Pflicht, von sich aus erfüllen, „was in den sozialistischen Forderungen als berechtigt erscheint und in dem Rahmen der gegenwärtigen Staats- und Gesellschaftsordnung verwirklicht werden kann“. Bismarck stellte sich dieser gewaltigen Aufgabe, um die Not der Industriearbeiter und ihrer Familien zu lindern und sie für den Staat und das Reich zu gewinnen.

Gegen heftigsten Widerstand von rechts und links brachte er in den Jahren von 1883 bis 1889 seine Sozialversicherungsgesetze durch: Die Krankenversicherung, die Unfallversicherung sowie die Alters- und Invalidenversicherung. Hinzu kamen Schutzvorschriften, der Frauen- und Kinderarbeit wurden engere Grenzen gesetzt. Bismarcks Sozialgesetzgebung war die fortschrittlichste in ganz Europa. Und doch konnte sie die Arbeiterschaft nicht mit dem Staat versöhnen; die Sozialdemokratische Partei gewann immer mehr Stimmen.

Der Kaiserenkel studiert in Bonn

Bonn, um 1877

Sophie war wieder einmal im Rheinland. Nun stand sie mit ihrer Tochter Lottie am Schaufenster des Modehauses „Maison Charlotte“ und schaute amüsiert hinaus. „Dicke Popos“ meinte die Kleine, und erschreckt meinte Sophie: „schschsch, das sagt man doch nicht!“ Zum Glück war keine Kundin im Laden. Die große Zeit der Krinolinen war vorbei, dafür waren die Tournüre in Mode gekommen – ein Gestell, das den Rock über dem Popo nach oben drapierte. In seiner extremsten Form, dem „Cul de Paris“, glich die Kehrseite der Damen einem Ballon. Jetzt musste auch Sophie kichern. Zwar mochte sie Tournüren durchaus, doch da hatte Monsieur Worth in Paris es wirklich übertrieben – sie fühlte sich eher an eine Bahnhofshalle erinnert.

In diesen Tagen lief das Geschäft gut, denn viele Bonnerinnen wollten so gut als möglich aussehen, seit der Enkel des Kaisers, Prinz Wilhelm, in Bonn studierte. Er studierte Rechtswissenschaften und hörte außerdem aus Interesse naturwissenschaftliche und archäologische Vorlesungen. Vielleicht konnte man ja doch einmal einen Blick auf ihn erhaschen oder gar ein Lächeln auffangen. Er war ja noch jung, noch nicht verheiratet, und den Damen durchaus zugetan.

Kaum einer ahnte, was in dem jungen Mann vorging. Einen leichten Start ins Leben hatte er nicht gehabt. Seine Geburt war eine einzige Tortur für seine Mutter, Princess Royal Victoria von England. Dass der Junge überhaupt überlebt hatte, war nur dem beherzten Eingreifen einer Hebamme zu verdanken. Doch sein linker Arm war verkrüppelt, und dieses Gebrechen war eine persönliche Katastrophe für den Kronprinzen und seine Mutter. In den folgenden Jahren musste er sich allen möglichen Prozeduren und Torturen unterziehen. Wilhelm hat zeitlebens seine Mutter, Princess Royal Victoria von England, dafür verantwortlich gemacht, und auch sie fand nur selten ein gutes Wort über ihn.

Auch das Verhältnis zu seinem Vater, Kronprinz Friedrich Wilhelm war schwierig. Dessen liberalen Ideen teilte er nicht und nahm ihm übel, dass er in politischen Dingen auf seine Ehefrau hörte. Auch der Kronprinz hatte Rechtswissenschaften an der Bonner Universität studiert, als erster Hohenzoller überhaupt. Auf ihm ruhten die Hoffnungen der Liberalen, er galt als gemäßigt-liberal, wie seine Mutter Augusta und seine Ehefrau Victoria. Zugleich stand er loyal zu Kaiser und Reich und war in den Einigungskriegen zum Kriegshelden geworden. Doch neben Wilhelm I. und Bismarck schien für den Kronprinzen kein Raum zu sein. Als er sich einmal öffentlich gegen die Einschränkung der Pressefreiheit ausgesprochen hatte, war ihm vom Vater jede weitere Einmischung in die Reichspolitik verboten worden. Nun tat Bismarck das seine, um den Kaiserenkel gegen seine Eltern zu bestärken.

Von all dem ahnte auch Sophie nichts. Auch nichts von dem unbarmherzigen Drill, dem der junge Mann seit Kindertagen unterworfen war. Sie wünschte ihm einfach, dass er eine unbeschwerte Zeit am Rhein verbringen und vielleicht auch einmal in Rolandseck tanzen konnte. Und – hoffentlich! – würde der Aufenthalt des Kaiserenkels dazu beitragen, die Wogen zwischen den Katholiken im Rheinland und Bismarcks Preußen zu glätten.

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*