Novemberrevolution 1918/19

Berlin, am Brandenburger Tor im November 1918
Berlin, am Brandenburger Tor im November 1918

[Deutschland, November 1919]

Der Krieg war verloren; in der Nacht vom 3. auf den 4. Oktober hatte Reichskanzler Max von Baden den amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson um Waffenstillstand und Frieden auf der Grundlage der Vierzehn Punkte gebeten. Seit kurzem war das Deutsche Reich eine parlamentarische Monarchie; denn mit „monarchischen Autokraten“ und „militärischen Beherrschern“ hätte Präsident Wilson nie verhandelt. Kaiser Wilhelm II. hatte den liberal gesinnten Prinz Max von Baden zum Reichskanzler ernannt, der in sein Kabinett Sozialdemokraten und Zentrumspolitiker aufgenommen hatte. Nach einer eiligen Verfassungsänderung, der „Oktoberverfassung“, war der Kanzler nicht mehr dem Kaiser, sondern dem Parlament verantwortlich.

Matrosenrevolte

Trotzdem kommandierte die Marineleitung – eigenmächtig und ohne Wissen der Reichsregierung – die vor Kiel und Wilhelmshaven liegende Flotte zu einem letzten Gefecht gegen die englische Royal Navy. Es kam zum Aufstand – die Matrosen sabotierten das Auslaufen ihrer Schiffe, damit nicht noch mehr Menschen sinnlos umkommen mussten. Unterstützt von Soldaten, Hafenarbeitern und Bürgern entwaffneten sie ihre Offiziere. Am Abend des Tages kontrollierten sie ganz Kiel; ein Arbeiter- und Soldatenrat wurde gebildet.

Innerhalb weniger Tage kam es in vielen anderen Regionen zu Aufständen. Kriegsmüdigkeit, die langen Jahre des Hungers und der Entbehrungen, die Enttäuschung über die Niederlage und auch der Wunsch nach einer neuen politischen Ordnung, nach Abschaffung der Monarchie, die doch in diesen Krieg geführt hatte, all das motivierte die Menschen. Die regierenden Fürsten dankten ab, Arbeiter- und Soldatenräte übernahmen die Macht, der Ruf nach Abdankung des Kaisers und der Errichtung einer Republik wurden laut. Fast überall gibt es kein Blutvergießen und es kam auch nicht zu Übergriffen, Beschlagnahmungen und Besetzungen; die Räte verstanden sich als demokratische Kontrollorgane in einer Übergangszeit und glaubten, im besten Interesse einer neuen, republikanischen Regierung zu handeln.

Kaiser Wilhelm II. hatte Berlin Ende Oktober verlassen. Nun saß er im Hauptquartier der Obersten Heeresleitung im belgischen Spa und hoffte – in völliger Verkennung der Lage – dass er bald mit seinen Truppen in Berlin einmarschieren und die Revolution niederschlagen konnte. Max von Baden und der SPD-Vorsitzende Friedrich Ebert drängten ihn telefonisch, zugunsten eines Regenten abzudanken, um wenigstens die Hohenzollern-Monarchie zu retten, doch er lehnte ab.

Revolution in Berlin: „Es lebe die Deutsche Republik“

Am Morgen des 9. November erreichte die Revolution Berlin. Hunderttausende Menschen zogen in die Innenstadt. Etwa zur gleichen Zeit in Spa erfuhr Wilhelm II. von General Groener, dass die Frontsoldaten ihm nicht mehr folgen würden. Max von Baden bat ihn dringend, sofort abzudanken, doch Wilhelm zögerte immer noch, wenigstens König von Preußen wollte er bleiben. Nun handelte der Reichskanzler selbst: Am Mittag gab er ohne Autorisierung die Abdankung des Kaisers und den Thronverzicht des Kronprinzen bekannt. Friedrich Ebert übernahm als Reichskanzler die Regierung.

Doch die Nachricht vom Thronverzicht des Kaisers kam zu spät. Die riesige Menschenmenge in der Innenstadt zerstreute sich nicht, immer mehr Demonstranten forderten die Abschaffung der Monarchie. Beim Mittagessen im Reichstagsgebäude erfuhr der SPD-Politiker Philipp Scheidemann, Staatssekretär unter Max von Baden, dass Karl Liebknecht in Kürze die Räterepublik ausrufen würde. Dem wollte er zuvorkommen. Gegen 14 Uhr rief Scheidemann von einem Balkon des Reichstags die Republik aus: „Alles für das Volk, alles durch das Volk! Nichts darf geschehen, was der Arbeiterbewegung zur Unehre gereicht. Seid einig, treu und pflichtbewusst! Das Alte und Morsche, die Monarchie, ist zusammengebrochen. Es lebe das Neue! Es lebe die Deutsche Republik!“

Etwa zur selben Zeit im Berliner Tiergarten rief Karl Liebknecht die sozialistische Republik aus. Zwei Stunden später, gegen 16 Uhr, stand er auf einem Lastwagen im Lustgarten vor dem Berliner Stadtschloss und rief die Demonstranten auf, das Schloss zu erstürmen: „Wir wollen an der Stelle, wo die Kaiserstandarte wehte, die rote Fahne der freien Republik Deutschland hissen!“ Nach der Erstürmung rief er vom Schlossbalkon aus die „Freie Sozialistische Republik Deutschland“ aus und fordert „Alle Macht den Arbeiter- und Soldatenräten!“ Anschließend zogen seine Anhänger durch die Stadt und riefen: „Nieder mit der Regierung Ebert – Scheidemann!“

Um die Dinge noch in der Hand zu behalten, bot der USPD nun den Eintritt in die Regierung an. Sie hatte sich über die Frage der Kriegskredite von der SPD abgespalten, und viele Menschen wollten endlich wieder Einigkeit unter den Arbeiterparteien. Ebert, in seinem Herzen Republikaner, hatte sich im Interesse eines friedlichen Übergangs vom kaiserlichen Obrigkeitsstaat zur Demokratie mit der parlamentarischen Monarchie arrangiert. Sein Albtraum war eine blutige Revolution wie in Russland, wo gerade ein Jahr zuvor Lenins Bolschewisten die Macht an sich gerissen, die Zarenfamilie umgebracht und das Land in einen Bürgerkrieg gestürzt hatten. Um Deutschland das zu ersparen, wollte er mit den bürgerlichen Parteien zusammenarbeiten und die alten Eliten für den demokratischen Staat gewinnen.

Rat der Volksbeauftragten

Auchh die Revolutionären Obleute in den Berliner Großbetrieben misstrauten Ebert und der SPD-Führung. Am Abend des 9. November erklärten sie sich im Reichstag zum Revolutionsparlament und riefen die Berliner Betriebe auf, am nächsten Vormittag Arbeiter- und Soldatenräte zu wählen, die dann am Nachmittag zusammenkommen und, stellvertretend für alle Räte in Deutschland, einen aus SPD- und USPD-Vertretern bestehenden „Rat der Volksbeauftragten“ bestimmen sollten. Dieser Rat sollte die Regierung Ebert ersetzen. Jetzt tat die SPD-Führung alles, um die Wähler für sich zu gewinnen, und gab die Regierungsbeteiligung der USPD bekannt.

Auf der Vollversammlung der Berliner Arbeiter- und Soldatenräte am Nachmittag des 10. November waren die Anhänger der SPD eindeutig in der Mehrheit, und eine überwältigende Mehrheit der Delegierten wolle Einigkeit unter den Arbeiterparteien. Mit eben diesem Ruf „Einigkeit“ schrien sie Karl Liebknecht nieder.

Der „Rat der Volksbeauftragten“ wurde gewählt, paritätisch besetzt mit drei Vertretern der SPD – Friedrich Ebert, Philipp Scheidemann und Otto Landsberg – und drei Vertretern der USPD – Hugo Haase, Wilhelm Dittmann und Emil Barth für die Revolutionären Obleute. Die SPD-Führung um Friedrich Ebert hatte sich behauptet, doch auch er hatte verloren. Er war jetzt nicht mehr Reichskanzler, sondern Chef einer Revolutionsregierung, an der Spitze einer Revolution, die er nicht gewollt hatte.

Als Ebert nach dem turbulenten Tag wieder in der Reichskanzlei saß, bekam er einen Telefonanruf von General Groener, OHL. Der General bot ihm die Unterstützung der OHL und den Heeres gegen den Bolschewismus an und verlangte dafür Eberts Garantie, dass die Befehlsgewalt über die Truppen bei der OHL verbliebe. Ebert, der nichts mehr fürchtete als die Schrecken einer bolschewistischen Revolution, ging darauf ein (Ebert-Groener-Pakt vom 10. November 1918).

Am Abend des 10. November hatte sich die Mehrheit der gemäßigten Sozialisten gegen eine linksradikale Minderheit erfolgreich durchgesetzt, die Weichen für die Bildung einer parlamentarischen Demokratie waren gestellt. Auf dem linken Flügel der USPD formierte sich der Spartakusbund um Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht.

Kaiser Wilhelm II. floh am selben Tag, dem 10. November, vom Hauptquartier im belgischen Spa in die neutralen Niederlande. Königin Wilhelmina gewährte ihm Asyl und lieferte ihn auch auf Drängen der Alliierten nicht aus. Er durfte aber sein Anwesen in den Niederlanden, Haus Doorn, nicht verlassen. Im Neuen Palais in Potsdam hatte Wilhelm II. 1914 die Proklamation über den „Zustand drohender Kriegsgefahr“ unterzeichnet, nun ließ Kaiserin Auguste Victoria die Kostbarkeiten zusammenpacken, und die kaiserliche Familie, mit Ausnahme der Kronprinzessin Cecilie, floh über den Kaiserbahnhof Wildpark nach Holland.

Parlamentarische Demokratie oder Räterepublik?

Die Vorstellungen von der künftigen Staatsform und Wirtschaftsordnung Deutschlands gingen weit auseinander. Ebert und die Mehrheit der SPD-Anhänger strebten eine parlamentarische Republik an und wollen so bald wie möglich eine Nationalversammlung wählen, die dann über die Verfassung der neuen Republik und auch über die Sozialisierung wichtiger Industrien entscheiden sollte.

Stinnes-Legien-Pakt

Viele USPD-Vertreter und andere Linke wollten eine Räterepublik nach russischem Muster; und sie wollen Schlüsselindustrien wie den Bergbau so bald als möglich sozialisieren. Das wiederum alarmierte sowohl die Großindustrie als auch die Gewerkschaften; am 15. November schlossen sie das sogenannte Stinnes-Legien-Abkommen, in dem die Gewerkschaften einen geordneten Produktionsverlauf und die Arbeitgeber den Achtstundentag und den Alleinvertretungsanspruch der Gewerkschaften garantierten. Damit war die Sozialisierung von Industriebetrieben unterlaufen und der Einfluss der Räte in den Betrieben zurückgedrängt.

Grundsatzentscheidungen beim Reichsrätekongress

Vom 16. bis 20. Dezember 1918 kam in Berlin der Reichskongress der Arbeiter- und Soldatenräte zusammen, zu dem alle Räte im ganzen Land Delegierte entsandt hatten. Friedrich Ebert und General Groener hatten ihn verhindern wollen, doch das wäre gar nicht nötig gewesen. Die Mehrheit der Räte waren gemäßigt, oft SPD-Anhänger, die ihre Tätigkeit als Übergangslösung im Dienste einer neuen, demokratischen Ordnung verstanden Der Spartakusbund war vertreten und wurde noch nicht einmal beratend zugelassen. Mit großer Mehrheit stimmen die Räte am 10. Dezember für freie Wahlen zur Nationalversammlung, gegen die Räterepublik, und erkannten den Rat der Volksbeauftragten als Regierung an.

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