Weimar und Versailles

Vertragsunterzeichnung im Spiegelsaal von Versailles
Vertragsunterzeichnung im Spiegelsaal von Versailles

[Deutschland, 1919]

Am 6. Februar 1919 kam die Nationalversammlung im Nationaltheater in Weimar zusammen, denn in Berlin wurde weiter gekämpft. Der Tagungsort hat den Namen der ersten deutschen Republik geprägt.

Reichspräsident Ebert

Die SPD schloss sich mit dem Zentrum, der Bayrischen Volkspartei (BVP) und der Deutschen Demokratischen Partei (DDP) zur „Weimarer Koalition“ von 1919 zusammen. Friedrich Ebert wurde am 11. Februar zum Reichspräsidenten gewählt; dann übergab der Rat der Volksbeauftragten seine Amtsgewalt an die Regierung Philipp Scheidemann, die erste demokratisch legitimierte Regierung Deutschlands.

Friedensverhandlungen in Versailles

Im Schloss Versailles bei Paris begann am 18. Januar 1919 die Friedenskonferenz. Vertreter von 32 Staaten waren zusammengekommen; die wichtigsten unter ihnen waren US-Präsident Wilson, der britische Premierminister David Lloyd George und der französische Ministerpräsident Georges Clemenceau. Die deutsche Delegation war zu den Verhandlungen nicht zugelassen. Zugleich fanden weitere Konferenzen der Sieger mit Österreich-Ungarn, Bulgarien und dem Osmanischen Reich statt, ebenfalls in der Nähe von Paris.

Am 7. Mai 1919 wurde der deutschen Delegation der Vertragsentwurf überreicht. Die Friedensbedingungen waren sehr hart: Deutschland musste 1/8 seines Gebiets abtreten, u.a. Elsass-Lothringen und alle Kolonien, seine Truppenstärke reduzieren, Reparationen in noch nicht bezifferter Höhe zahlen und dazu den Kaiser, hohe Politiker und Militärs als Kriegsverbrecher ausliefern. Die linksrheinischen Gebiete und Brückenköpfe auf der rechten Seite sollten als dauerhaft entmilitarisierte Zone besetzt werden. Die Stärke des deutschen Heeres wurde auf 100.000 Mann festgesetzt. Artikel 231 übertrug Deutschland die alleinige Schuld am Krieg und die Verantwortung für alle entstandenen Schäden.

Als die Nachricht in der Nacht zum 8. Mai die Nationalversammlung erreichte, waren alle entsetzt – die Friedensbedingungen übertrafen die schlimmsten Erwartungen. Am 12. Mai kam die Nationalversammlung in der Aula der Humboldt-Universität in Berlin zusammen. Reichskanzler Scheidemann begrüßte die Mitglieder, insbesondere die Vertreter aus dem Rheinland, dem Saargebiet, Ost- und Westpreußen, Schlesien, Posen, Memel und Danzig – all dies Gebiete, die nach dem Willen der Sieger schon bald nicht mehr zum Reich gehören würden. Die Vertreter Elsass-Lothringens hatten schon gar nicht anreisen dürfen. Unter großem Beifall aller Parteien nannte Scheidemann die Bedingungen der Entente einen „Gewaltfrieden“, der „unannehmbar“ wäre.

Die Reichsregierung machte Gegenvorschläge, man wollte unterzeichnen, nicht aber die alleinige Kriegsschuld anerkennen, und auch nicht den Kaiser und hohe Militärs ausliefern. Telefonate gingen zwischen Weimar und Versailles hin und her. Am 16. Juni wurde die deutsche Delegation einbestellt und mit schlimmsten Vorwürfen überhäuft. Die Alliierten stellten ein Ultimatum: entweder das Deutsche Reich unterschreibt den Vertrag binnen sieben Tagen ohne jeden Vorbehalt, oder der Krieg geht weiter. Das Kabinett Scheidemann war über diese Frage gespalten, am 20. Juni trat es zurück. Am 21. Juni wurde Gustav Adolf Bauer Reichskanzler. Nach einer leidenschaftlichen Diskussion in der Nationalversammlung am folgenden 22. Juni stimmte die Mehrheit für eine Unterzeichnung mit Vorbehalt – keine Anerkennung der alleinigen Kriegsschuld, keine Auslieferung von Deutschen an die Siegermächte.

Doch noch in der Nacht auf den 23. Juni folgte die Antwort der Alliierten: der Vertrag könnte nur in seiner Gesamtheit angenommen oder abgelehnt werden. In der Sitzung der Nationalversammlung am folgenden 23. Juni musste Reichskanzler Bauer feststellen, dass die Regierung keine Wahl mehr hatte, sie musste den Vertrag unterzeichnen. Am 23. Juni 1919 nahm die Nationalversammlung den Friedensvertrag an (237 zu 138 Stimmen, 5 Enthaltungen). Am 28. Juni 1919 unterzeichneten die 26 alliierten und assoziierten Mächten sowie Außenminister Müller und Verkehrsminister Dr. Bell für das Deutsche Reich den Vertrag. Er sollte am 10. Januar 1920 in Kraft treten.

Freie Verfassung

Die Nationalversammlung verabschiedete eine Verfassung, am 11. August trat sie in Kraft. Sie galt als die freieste der Welt, denn sie verankerte die Grundrechte und kannte keinen Extremistenerlass und keine Parteienverbote. Doch so gab sie auch ihren geschworenen Feinden alle Rechte und Möglichkeiten. Der Reichspräsident, vom Volk für sieben Jahre direkt gewählt, hatte eine sehr starke Stellung: Er ernannte und entließ den Reichskanzler und die Minister, er konnte den Reichstag auflösen und hatte den Oberbefehl über die Reichswehr.

Darüber hinaus konnte er nach Artikel 48 in Krisenzeiten Notverordnungen erlassen. Der Reichstag, für vier Jahre in allgemeiner, gleicher, direkter und geheimer Wahl gewählt, hatte den Auftrag zur Gesetzgebung und das Budgetrecht, ihm war die Reichsregierung verantwortlich. Es galt ein reines Verhältniswahlrecht, und es gab Volksentscheide oder Volksbegehren auf Reichsebene. Die Länder waren im Reichsrat vertreten. Zum ersten Mal wehte Schwarz-Rot-Gold als Nationalflagge.

Schwarz-Rot-Gold

An diesem 11. August des Jahres 1919 ließ es sich Jakob nicht nehmen, vor dem „Stübchen“ eine schwarz-rot-goldene Fahne aufziehen. Kathi und Max hatten darauf bestanden, dem alten Herrn dabei zu helfen. Schwarz-Rot-Gold, das waren die Farben der demokratischen Revolution von 1848. Dass gut 70 Jahre später auf deutschem Boden eine Republik entstand, bewegte ihn sehr. „Diesmal wird Schwarz-Rot-Gold hoffentlich lange wehen“, sagte er fast feierlich.

Unter seinen Freunden war er nun der Einzige, der 1848/49 erlebt hatte. Sicher, damals war er ein Kind gewesen und hatte die ganze politische Dimension nicht erfassen können, doch an das Gefühl einer tiefen Freude und Aufbruchsstimmung erinnerte er sich gut. Und an die Niedergeschlagenheit, als die Revolution wenige Monate später scheiterte.

Als junger Mann war er dann in die Dienste der Csabanys getreten. „Im selben Jahr haben sich die Ungarn gegen die absolute Habsburger-Monarchie erhoben“ erzählte er, „doch der Aufstand scheiterte. Csabanys mussten ins Exil gehen. Erst viele Jahre später konnten sie zurück.“ „Oma Sophie war damals auch dabei“ ergänzte Kathi, „ihr Bruder und ihr Cousin Lorenz haben den Bonner Demokraten geholfen. Ein Jahr später musste der Lorenz dann fliehen, er ist in die USA gegangen.“

Dolchstoßlegende

„Glaubst Du, dass unsere Republik eine Chance hat, Jakob?“ fragte Max. Trotz aller Freude über die erste Verfassung war er besorgt. Nach allem, was man von der Nationalversammlung las und hörte, trugen nur wenige Parteien die Republik aus vollem Herzen. Wie gegen die demokratischen Regierungsmitglieder gehetzt wurde, erschreckte ihn zutiefst.

Zugleich verbreiteten die ehemaligen kaiserlichen Militärs gezielt das Gerücht, das deutsche Heer wäre im Krieg „im Felde unbesiegt“ geblieben und hätte durch Streiks und Revolution den tödlichen „Dolchstoß von hinten“ erhalten. „Diese verdammten Lügner“, schimpfte Max, „sie stellen die Tatsachen auf den Kopf und kommen auch noch damit durch.“ „Da bin ich ganz bei Dir, Max“, sagte Jakob traurig, „sie wollen einfach nicht glauben, dass es mit dem schimmernden Kaiserreich und seiner Weltmachtpolitik vorbei ist, dass man nun Friedensbedingungen diktiert bekommt. Sie empfinden das als Schmach. Es ist mehr als eine Niederlage, es ist eine Schande, die sie nicht ertragen. Das kann nicht selbstverschuldet sein, dafür muss ein anderer Sündenbock her. Ich fürchte, dass die demokratischen Parteien die Wirkung dieser Dolchstoßlüge gewaltig unterschätzen, und ich habe große Angst um Erzberger.“

Dann verabschiedete sich Max für diesen Tag. Kathi und Jakob winkten ihm noch nach. „Ein feiner Kerl, Dein Leutnant Max Schmieder“, sagte Jakob lächelnd. Kathi wurde rot. „Ja, das ist er“, sagte sie dann glücklich, „wir wollen heiraten“.

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