Max von der USPD

Marktplatz Bonn
Marktplatz Bonn

[Rheinprovinz, November 1918]

Innerhalb weniger Tage nach dem Kieler Matrosenaufstand und dem Umsturz in Berlin kam es in vielen anderen Regionen zu Aufständen. Kriegsmüdigkeit, die langen Jahre des Hungers und der Entbehrungen, die Enttäuschung über die Niederlage und auch der Wunsch nach einer neuen politischen Ordnung, nach Abschaffung der Monarchie, die doch in diesen Krieg geführt hatte, all das motivierte die Menschen. Die regierenden Fürsten dankten ab, Arbeiter- und Soldatenräte übernahmen die Macht, der Ruf nach Abdankung des Kaisers und der Errichtung einer Republik wurden laut. Fast überall gibt es kein Blutvergießen und es kam auch nicht zu Übergriffen, Beschlagnahmungen und Besetzungen; die Räte verstanden sich als demokratische Kontrollorgane in einer Übergangszeit und glaubten, im besten Interesse einer neuen, republikanischen Regierung zu handeln.

Leutnant Max Schmieder

Eines Abends waren Kathi und Walter noch spät unterwegs. Sie hatten unterwegs eine Pneu-Panne gehabt und waren so spät dran, dass sie fast in die nächtliche Ausgangssperre des Arbeiter- und Soldatenrates gerieten. Noch immer war die Situation unklar, viele waren sehr angespannt und hofften, keinen Ärger zu bekommen. Plötzlich mussten sie halten; eine Straßensperre verhinderte die Weiterfahrt. Schon kamen aus einem Haus Männer, die im Dunkeln mit ihrer groben Kleidung und den tief ins Gesicht gezogenen Schiebermützen einschüchternd aussahen. Kathi stieg aus – entschlossen, sich nicht unterkriegen zu lassen, sie hatte doch nichts Falsches getan.

Doch ihre Sorge war unnötig. „Lass‘ sie fahren, das sind Bergmanns, ohne sie wären viele Leute hier längst aufgeschmissen“, sagte einer der Männer. „Bergmann?“ rief eine Stimme von innen, und schnell kam ein anderer junger Mann hinaus. „Kathi Bergmann?“ Kathi drehte sich zu ihm um. „Ja.“ „Leutnant Max Schmieder, zu Ihren Diensten! Ich habe so oft die Feldpost meiner Leute an Ihr ‚Stübchen‘ geschickt, und Ihr habt sie dann für uns weiter verteilt, und oft kamen über Euch Liebesgaben für uns an der Front. Jetzt kann ich Euch endlich persönlich danken.“

Kathi konnte es gar nicht glauben, dass Leutnant Schmieder der kleine Max war, den sie aus Kindertagen kannte, und ihm ging es ähnlich. „Ja, es ist lange her, nicht? Die ganze Familie hatte damals zusammengelegt, damit ich aufs Gymnasium gehen und später etwas ordentliches Lernen kann. Ich war bei meinem Onkel in Köln, jetzt bin ich Eisenbahn-Ingenieur.“ Mit einem Blick auf seine Kameraden fuhr er fort: „Wir helfen dem Arbeiter- und Soldatenrat jetzt bei allen technischen Arbeiten – Straßen reparieren, Telefonleitungen instandsetzen .. im Augenblick müssen wir alle überall ‚ran.“

MSPD und USPD

„Und Du bist bei den Unabhängigen?“, fragte Kathi. „Ja“, antwortete Max, „doch nein, ich bin kein Bolschewist, ich möchte um Himmels willen keinen Lenin hier, keine gewaltsame Umkehr der Besitzverhältnisse und Werte. Ich möchte endlich Frieden und eine Staatsform, die wirklich alle Menschen beteiligt, auch die Arbeiter und Angestellten. Deshalb bin ich mit Haase gegangen.“

Auch Kathi kannte Hugo Haase, den Vorsitzenden der USPD. Jakob, der seit dem blutigen Krieg von 1866 aus tiefstem Empfinden Pazifist war, hatte auch sein Schicksal aufmerksam verfolgt. Im Reichstag hatten die eigenen Leute Haase niedergebrüllt, waren sogar handgreiflich geworden, um ihn am Reden zu hindern. Kurz darauf hatte die SPD die Kriegsgegner aus der Fraktion ausgeschlossen. Man hat Haase auch übelgenommen, dass er – Rechtsanwalt und Pazifist! – sich für Karl Liebknecht eingesetzt hat, als der bei einer illegalen Friedensdemonstration am 1. Mai 1916 verhaftet wurde.

Bald darauf waren die SPD darüber zerbrochen, am 7. April 1917 dann hatten die Kriegsgegner die Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands (USPD) gegründet.

Die unvollendete Revolution

„Ich weiß, der Ebert hat sich einige riesige Verantwortung aufgeladen“, sagte Max schließlich, „möge Gott mit ihm sein. Viele von den Unabhängigen hoffen immer noch auf einen Ausgleich mit der SPD, und die meisten Menschen wünschen doch Einigkeit unter den Arbeiterparteien. Aber wer sagt uns, dass Ebert nicht mit den Falschen geht? Dass jetzt unsere Leute, Wähler der Arbeiterparteien, massenweise auf die Straße gehen, ist der SPD-Spitze nicht geheuer. Sie bremsen, wo sie bremsen können. Wir brauchen Demokratie auch in der Wirtschaft, in den Schulen und im Militär. Aber dafür dürfen die alten Eliten nicht auch die neuen sein. Wenn der Ebert sich mal nicht zu sehr auf des Kaisers Militärs und Staatskanaillen stützt!“

„Aber nun fahrt heim“, schloss Max mit einem schiefen Lächeln, „es wird spät für Euch. Ich möchte nicht, dass Euch etwas passiert.“

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*