Massenarbeitslosigkeit und Verelendung

Ansturm auf eine Bank
Ansturm auf eine Bank

[Deutschland, 1930/31]

Seit 1930 verschlechterten sich die Dinge ständig. Nach dem Wahlerfolg der Nationalsozialisten am 14. September 1930 zogen ausländische Kreditgeber ihr Geld ab, und das Reich war auf einen gewaltigen Überbrückungskredit angewiesen, den es nur gegen schwere Auflagen erhielt: unter anderem mussten ein Schuldentilgungsgesetz und ein drastischer Haushaltsanierungsplan erlassen werden. Das entsprach weitgehend auch Brünings Zielen, doch es verschärfte die Not noch mehr.

Tolerierungspolitik

Nun, da NSDAP und KPD als klare Sieger aus der Reichstagswahl vom September 1930 hervorgegangen waren, duldeten die Parteien der Mitte und die SPD Brünings Politik, um Neuwahlen und ein weiteres Erstarken der Extremisten zu verhindern. Die ehemals liberale DDP war politisch bedeutungslos geworden.

Bankenkrise und Hoover-Moratorium

Im Frühjahr 1931 scheiterte der Plan einer deutsch-österreichischen Zollunion, zugleich meldete die größte österreichische Geschäftsbank ein gewaltiges Defizit. Viele internationale Anleger fürchteten, dass auch die deutschen Banken in Schwierigkeiten waren, und zogen ihr Kapital ab. Es kam zu einer Bankenkrise in Deutschland.

Die Gefahren waren unabsehbar; ein wirtschaftlicher Zusammenbruch Deutschlands drohte die ganze Weimarer Republik in den Abgrund zu reißen. Auch Präsident Hoover (1929-1933) in Washington erkannte die Gefahr. Wirtschaftlich waren die USA von der Wirtschaftskrise noch stärker betroffen als Deutschland, denn die meisten US-Amerikaner hatte gar keine soziale Absicherung. Aber die USA waren eine stabile Demokratie; in Deutschland hingegen war der Parlamentarismus schon ausgehöhlt, und die Mehrheit der Extremisten von Links und Rechts im Reichstag wartete nur darauf, der Republik den Todesstoß zu versetzen.

Am 20. Juni 1931 schlug er vor, die deutschen Reparationszahlungen und genauso die Kriegsschulden der Alliierten untereinander für ein Jahr auszusetzen. Doch erst nach schwierigen Verhandlungen mit Frankreich konnte das „Hoover-Moratorium“ zum 6. Juli 1931 in Kraft treten. Da war es schon zu spät. Mitte Juli wurde eine renommierte Großbank zahlungsunfähig. Anleger und Sparer gerieten in Panik, wollten ihr Geld abheben, ein Sturm auf die Banken setzte ein. Per Notverordnung schloss die Reichsregierung die Banken für zwei Tage. Das verschärfte die wirtschaftliche Lage in Deutschland noch mehr.

Hoffen auf die Außenpolitik

Brüning setzte alles auf die Außenpolitik. Seine drastischen Sparmaßnahmen sollten den Gläubigern zweierlei demonstrieren: den Willen der Reichsregierung, die Finanzen in Ordnung zu bringen (nach dem Youngplan Voraussetzung für die Gewährung von Erleichterungen), und die Unmöglichkeit, auch künftig Reparationen zu zahlen. Brüning gewann das Vertrauen der Amerikaner, Briten und Franzosen und verlor, so der Chef der deutschnationalen Reichstagsfraktion Ernst Oberfohren, den „Kampf um die Seele des deutschen Volkes“.

Im September 1931 wertete Großbritannien das Pfund Sterling um 20 Prozent ab, englische Produkte wurden auf dem Weltmarkt billiger. Zahlreiche Länder folgten seinem Beispiel. Da die Reichsmark unverändert blieb, waren deutsche Produkte nun im Vergleich teurer und wurden weniger nachgefragt. Im Oktober kürzte Reichskanzler Brüning weiter beim Arbeitslosengeld, Löhne, Mieten, Zinsen und Preise sanken noch tiefer.

Butterbrote im „Stübchen“

Jeden Morgen standen die Bergmann-Damen zusammen, schmierten Brote, die sie Robert und Jonas in die Schule mitgeben konnten. Und mittags strömte eine ganze Kinderschar ins „Stübchen“ und bekam wenigstens eine warme Mahlzeit am Tag. Und auch die immer frohe lebenstüchtige Helene verzweifelte fast, wenn sie die Kleinen und ihre Eltern in ihren zerschlissenen Kleidern und abgenutzten Schuhen sah, und sie selbst kaum noch etwas daran flicken konnte. Wie viele von ihnen mochten in Häusern leben, die zunehmend verfielen? Wieviele Väter ein bisschen Ablenkung in billigen Wirthäusern suchen? Und wie viele dieser arbeitslosten Menschen mochten im Inneren einen Haus hegen gegen jene, die Arbeit hatten?

Ohne den Zusammenhalt mit Familien und Freunden wäre auch Kathi fast verzweifelt. Schon zweimal in ihrem noch jungen Leben hatte sie diese Krisen erlebt – im Krieg, 1923/24, und diese Krise schien schlimmer als je zuvor. Es tat sich kein Ausweg auf, der Abgrund kam immer näher. Altkanzler Wilhelm Marx hatte sie vertraut, doch wem konnte man jetzt vertrauen? Wenn die traditionellen Parteien keine Antworten mehr wussten, war es wirklich so verwunderlich, dass immer mehr Menschen auf die Radikalen hören? Zu allem Unglück gab es unter denen begnadete Demagogen.

Eine Gesellschaft verkommt

Am Ende standen Verelendung und Hunger; eine ganze Gesellschaft verkam. Die politische Vernunft riet zu einem Kurswechsel in der Wirtschafts- und Finanzpolitik, doch Reichskanzler Heinrich Brüning hielt an seinem drastischen Sparkurs fest, viele nannten ihn schon den „Hungerkanzler“. Wie konnte er, der doch kein schlechter Mensch war, all dies nur zulassen? Gut möglich, dass auch der Kanzler begriff, dass er dem Teufelskreis von Kapitalabflüssen, wirtschaftlicher Rezession, Reparationsverpflichtungen und extremer Not nicht entkam, darüber seine Selbstsicherheit und Nervenstärke verlor und immer mehr verkrampfte. Es schien, dass der Kanzler die Fähigkeit zur Einsicht und Augenmaß verloren hatte, der Blick und das Gefühl für das Verantwortbare gingen verloren.

Auch das Weingut Bergmann muss kämpfen

Auch Lottie und Matthias auf ihrem Weingut mussten kämpfen. Noch nie hatte der deutsche Weinbau so schwierige Zeiten erlebt. Wein hatte keine Priorität, wenn man nicht mehr wusste, wie man sich und die Seinen über die Runden bringen sollte. Zum Glück hielten alte Bekannte aus der Diplomatenzeit der Eltern ihrem Haus die Treue und bestellten regelmäßig Wein. Dank ihnen und des bescheidenen, doch gut angelegten Csabany-Besitzes hatten sie trotz reduzierter Auftragslage niemanden entlassen müssen. Immer wieder kamen Menschen zu ihnen in der Hoffnung, Arbeit zu finden, und es brach Lottie fast das Herz, dass sie keine zusätzlichen Arbeitskräfte einstellen konnte. Aber wenigstens bekam jeder eine Mahlzeit.

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