Sophies Ausbildungsprogramm

München
München

[Bayern, um 1873]

Lorenz war schon zurück in Amerika, begleitet von den allerbesten Wünschen seiner europäischen Familie. Sophie und Andras Csabany genossen das Zusammensein, sie lebten oben im „Stübchen“. Während ihr Mann seine Promotion abschloss, lernte Sophie fleißig für ihre neue Aufgabe als Gattin eines Diplomaten. Auch Jakob fühlte sich im „Stübchen“ wohl. Mit viel Liebe renovierte er das Mobiliar und nahm Anni zahlreiche Gänge ab. Und so fragte ihn Graf Andras Csabany schließlich, ob er bleiben wollte. Sophie und er würden ihn sehr vermissen, aber es wäre eine große Beruhigung für sie beide, wenn sie ihn an der Seite von Sophies Eltern wussten. Jakob sagte gerne zu.

Gründerkrach / Schwarzer Freitag in Wien

Dann kamen schlimme Nachrichten aus Wien. Während man die Eröffnung der Weltausstellung feierte, brach die Börse zusammen. Immer wilder hatte man spekuliert, schon für eine geringe Anfinanzierung hatte man Aktien erwerben können in der Hoffnung, den Rest von dem erwarteten gewaltigen Kursgewinn zahlen zu können. Halbfertige, ja sogar geplante Häuser waren als Sicherheit akzeptiert worden. Es war eine Katastrophe für alle, traf Großaktionäre ebenso wie kleine Sparer, Firmen gingen zugrunde und viele Menschen brachten sich um. Die Krise weitete sich aus. Nach den Jahren rasanter, ja überhöhter Wachstumsraten traf sie auch die deutsche Wirtschaft schwer.

Es war noch schlimmer gekommen, als Graf Csabany Sr. befürchtet hatte. Wenigstens stärkte man jetzt die Handelskammer, und Wirtschaftsförderung war von nun an ein wichtiges Anliegen. Hier fühlte er sich an der richtigen Stelle, er bat um baldige Versetzung an die Handelskammer nach Wien und bekam sie auch. Nun konnten sein Sohn Andras und seine Schwiegertochter Sophie ihm an der Gesandtschaft in München nachfolgen; jetzt brauchte man Menschen, die anpackten.

An der Gesandtschaft in Bayern

Nun war Graf Andras Csabany an der Gesandtschaft des Kaiserreichs Österreich-Ungarn im Königreich Bayern. Eine Gesandtschaft hatte einen protokollarisch niedrigeren Rang als eine Botschaft; die großen Fragen zwischen dem Deutschen Reich und Österreich-Ungarn wurden in der Hauptstadt Berlin beraten. Dort vertrat der langjährige Botschafter beim Deutschen Bund, Alajos Károlyi, Österreich-Ungarn.

Sophie und Andras lebten sich schnell ein. Es war schön hier, sie fühlten sich wohl und wenn Sophie Heimweh hatte, konnte sie schnell an den Rhein. Sie fuhr dann mit dem Zug nach Speyer, Landeshauptstadt der bayrischen Rheinpfalz, und von da weiter mit dem Dampfer ihres Bruders Hans, Kapitän bei der Köln-Düsseldorfer Dampfschifffahrtgesellschaft.

Sophies Deutsch-Österreichisches Austauschprogramm

Schon bald konnte Sophie ihren kleinen Lehrbetrieb aufmachen und entwarf mit Feuereifer ihre erste Kollektion: extravagante Modelle für die begüterte Kundschaft, „gutbürgerliche“ Hüte für jeden Tag und auch schöne, einfache Strohhüte, die Menschen mit kleinem Geldbeutel erwerben konnten. So entstanden elegante Hüte aus Velours mit reichlichem Blütenschmuck, wie man sie in Paris trug; ein einfacher Hut wurde durch ein schmale Spitze an der Krempe zu einem ganz individuellen Kunststück, das auch eine Braut aus einfachen Verhältnissen kaufen konnte. Sophie selbst hatte bei ihrer Hochzeit nur einen geschenkten Brüsseler Spitzenschleier als Schmuck gehabt. Sie stickte Enzian und Edelweiß auf ihre Schals und wand bunte Bänder in den Landesfarben Bayerns oder Österreichs um einfache Strohhüte, die mit einer großen Schleife unter dem Kinn befestigt wurden. Dann zeigte sie ihren Schülerinnen, wie man diese Hüte herstellte und auf die Wünsche der Kundinnen anpasste.

Endlich kam der Tag, an dem Sophie und ihre Schülerinnen die erste Kollektion in der Öffentlichkeit vorstellen würden. Bei einem Volksfest in München wollten sie ihren Stand aufbauen. Alle waren aufgeregt – würde es überhaupt ein Publikum geben, würden die Modelle ankommen und sich gut verkaufen? Der Lehrbetrieb sollte sich ja rentieren. Graf Andras Csabany hatte über die diplomatischen Wege die Honoratioren eingeladen, und in den Zeitungen hatten man über Gräfin Sophies Lehrbetrieb und ihre erste Kollektion berichtet.

Der große Tag kam. Der Stand war in den Farben aller beteiligten Nationalitäten geschmückt, es gab Schokolade und Gebäck, Sophie und ihre Schülerinnen trugen ihre Kreationen. Es wurde ein voller Erfolg: Viele Menschen kamen, sogar Münchner Honoratiorengattinnen kauften Hüte und viele erteilten Aufträge. Andere fragten Sophie nach ihren Schülerinnen, weil sie ihnen eine gute Anstellung anbieten wollten.

Spät am Abend saßen Sophie und Andras ermattet, aber glücklich zusammen. Sie hatten vielen geholfen, eine neue Existenz für sich und ihre Familien aufzubauen. „Es ist wie früher, als wir uns kennenlernten“, sagte der Andras, „damals in Koblenz an Eurem Stand mit Hüten und Schokolade“. Sophie lächelte. „Dass es so gut läuft, hatte ich nicht zu hoffen gewagt“, antwortete sie, „nun, da wir Einnahmen haben, können wir unser Programm ausweiten. Deine Eltern haben mir von den vielen Tausend Menschen erzählt, die aus anderen Teilen der Monarchie nach Wien ziehen. Sie möchten uns gerne einige zur Ausbildung herschicken.“

Lottie und Joscha

Csabanys bekamen sie zwei Kinder, zuerst die Tochter Lottie und dann den Sohn Jozsef, den alle nur Joscha nannten. Beide Kinder waren sehr aufgeweckt und hielten sie mächtig auf Trab. In den Ferien fuhren sie oft zu Sophie Eltern an den Rhein. Dann ging es mit der Eisenbahn bis nach Speyer in der bayrischen Rheinpfalz, dort stiegen sie auf den Rheindampfer ihres Onkel Hans um. Darauf legten die Kinder ebenso sehr Wert wie der Onkel. Sie waren auch oft bei Großmutter und Großvater Csabany in Ungarn, das war eine weitere Reise über Wien, Budapest bis zum Landgut. Dann zogen sie sich feste Schuhe an und gingen mit Großmutter Csabany durch die blühenden Obsthaine. Manchmal wischte sich die Gräfin dabei verstohlen eine Träne aus den Augen. In manchen dunklen Tagen während ihres Exils hatte sie nicht mehr daran geglaubt, ihr Landgut wiederzusehen.

Es war auch aufregend, in diesen Jahren im Bayern Ludwigs II. Kind zu sein. Nicht nur wegen der herrlichen Natur um sie herum, Bayern hatte eine glückliche Verbindung gefunden von Naturverbundenheit und Erfindergeist. Zur Zeit seines Großvaters war die erste Eisenbahn in Deutschland zwischen Nürnberg und Fürth gefahren, sein Vater Maximilian II. hatte bedeutende Wissenschaftler nach München geholt, und warum sollte seine Landeshauptstadt nicht zugleich führend in der optischen Industrie und der Bierproduktion sein? Ludwig II. hatte dann 1868 die Polytechnische Hochschule gebaut. Der König war sehr angetan von der modernen Technik, förderte sie und baute sie in seinen Schlössern ein.

Es gab sogar Pläne für den Bau eines Luftschiffs. Als Joscha diese einmal gesehen hatte, war er nicht mehr zu bremsen. „Und damit fliegen wir später einmal zu Lorenz nach Amerika“, sagte er fast ehrfürchtig. „Ganz so weit ist es noch nicht“, meinte Sophie, „wir werden wohl noch das Dampfschiff nehmen müssen. Aber vielleicht einmal Deine Kinder.“

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