Kolonialmächte und Weltpolizisten

Karikatur von Präsident Roosevelt
Karikatur von Präsident Roosevelt

[Deutschland und Amerika, 1911]

Über Generationen hatten Bergmanns diesseits und jenseits des Atlantiks stets engen Kontakt gehalten. Dann kam eine traurige Nachricht aus den USA: Lorenz Bergmann war verstorben, hochbetagt und im Frieden im Kreis seiner Familie.

Abschied von Lorenz Bergmann

All die Jahre seit seiner Flucht in die USA 1848 war Lorenz etwas wie die Seele ihrer weitverzweigten Familie gewesen, das Bindeglied zwischen den amerikanischen und den deutschen Bergmanns. Für seine Familie und Freunde in Europa war es Herzensangelegenheit, ihm die letzte Ehre zu erweisen und seiner Witwe Annelie beizustehen. Alle waren mit von der Partie: Sophie und Andras, ihre Kinder Lottie und Joscha, Sophies Bruder Hans, Lena und Emil, Susan, ihr Mann Etienne und ihre Tochter Marie, ja sogar Kathi und ihr jüngerer Bruder Walther.

Auf einem gewaltige Ozeandampfer waren sie in See gestochen. Dampfer schien fast untertrieben – es waren Ozeanriesen von bis zu 250 Metern Länge, auf denen mehrere tausend Passagiere reisten. Gerade hatte die britische RMS Lusitania ganz neue Maßstäbe gesetzt.

Glückliche gemeinsame Jahre wiegen doppelt

Lorenz‘ Tochter Amber und seine Enkelin Chiara hatten sie in New York abgeholt. Amber war nun nicht nur Mutter einer erwachsenen Tochter, sondern auch Großmutter. Auch so viele Jahre nach ihrem letzten Besuch erkannten sie sich sofort. Gemeinsam fuhren sie weiter nach Pennsylvania, wo Lorenz‘ Landgasthof „Merry Dragon“ lag.

Der schöne alte Landgasthof aus der Kolonialzeit war inzwischen mehrfach renoviert und modernisiert worden, seinen Charakter aber hatte er behalten. Dort warteten schon Chiaras Mann John und ihre Kinder, sie waren etwas jünger als Kathi und Walter. Susan freute sich riesig, dass noch immer rund um den Landgasthof die kleinen gelben Blumen mit den schwarzen Köpfchen wuchsen, die „Black-Eyed Susan“, die sie schon bei ihrem ersten Besuch als kleines Mädchen so entzückt hatten.

Viele Jahre nach ihrem letzten Besuch am Rhein trafen sie Annelie wieder. Sie wirkte zerbrechlich und verloren, und doch dankbar für die gemeinsame Zeit mit ihrem Mann Lorenz. „Natürlich bin ich sehr traurig“, sagte sie, als sie im Kreis der ganzen Familie zu Abend aßen, „Lorenz ist friedlich entschlafen, wir waren alle bei ihm, und ich werde ihn ja bald wiedersehen.“ Auf Sophies erschrockenen Blick sagte sie schnell: „Schaut nicht so erschrocken, ich habe ein Alter erreicht wie nur wenige, und, was noch wichtiger ist, Lorenz und ich waren nie ernstlich krank, und wir waren immer glücklich, insofern wiegen unsere gemeinsamen Jahre doppelt. Lass‘ mich sehen, dann wäre ich jetzt über 160 Jahre alt.“

Später nahm sie Sophie und Andras beiseite. „Chiara hat Euch ihr Album gezeigt, nicht? Seit ihrer Kindheit hat sie die viele Postkarten aus dem Rheinland von Euch in ein Album geklebt. Der Rhein, Bonn und Köln, der Drachenfels, das Siebengebirge .. Sie würde liebend gerne einmal den Rhein sehen. Doch unsere Welt verändert sich, Ihr spürt es sicher auch.“ Sophie und Andras nickten. Da waren Kaiser Wilhelms säbelrasselnde Weltpolitik, Kaiser Franz Josephs Expansion auf dem Balkan, und ihnen gegenüber die Entente mit England, Frankreich und Russland. 1902/03 waren Deutschland und die USA über Venezuela fast aneinander geraten. „Unsere Welt wird kälter“, fügte Annelie hinzu, „auf beiden Seiten des Atlantiks.“

Daily-Telegraph-Affäre

„The Kaiser Wilhelm II. sorgt ja immer wieder für Aufregung“, sagte sie dann, „sein unglückliches Interview mit dem Londoner Daily Telegraph im Oktober 1908 war auch hier nachzulesen, und es hallt noch nach.“ In diesem Interview hatte Wilhelm seine Gedanken zur internationalen Lage einem britischen General gegenüber erläutert, in bester Absicht, die Briten von seiner freundlichen Haltung zu überzeugen. Doch die Reaktion in Großbritannien war einhellige Empörung, man fand The Kaiser überheblich und anmaßend.

Dabei war alles korrekt gelaufen: der Daily Telegraph hatte den fertigen Text zur Freigabe an die Berliner Regierung geschickt. Wilhelm II. hatte nämlich eingesehen, dass er, mitgerissen von seinem eigenen Redeschwung, zu oft Dinge sagte, die ihn und seine Regierung in die Bredouille brachten. Doch der zuständige Reichskanzler von Bülow war in Urlaub gewesen und hatte den Text, angeblich ungelesen, an seinen Vertreter weitergeleitet, aber auch der hatte frei gehabt, und so war der Text auf den Tisch eines untergeordneten Beamten gelangt, der es nicht gewagt hatte, Änderungen am Text seiner Majestät zu machen.

„Das kannst Du laut sagen“, meinte Sophie. „Auch viele Deutsche waren brüskiert, wollten das ‚persönliche Regiment‘ ihres Monarchen nicht mehr, eine Staatskrise drohte.“ „Es gab dann eine turbulenten Reichstagssitzung im November“, ergänzte Andras, „alle Parteien stellten sich gegen den Kaiser. Reichskanzler von Bülow deckte den Kaiser nur halbherzig. Der Kaiser selbst fühlte sich zu Unrecht angegriffen, im Stich gelassen von seinem Kanzler, und witterte eine Verschwörung gegen ihn. Doch der Druck wurde zu groß, er musste schließlich einlenken und versprach, sich zu mäßigen. Doch das Vertrauensverhältnis zwischen ihm und Reichskanzler von Bülow war zerstört; im Juli 1909 reichte Bülow seinen Rücktritt ein. Sein Nachfolger ist Theobald von Bethmann-Hollweg.“

„Speak softly and carry a big stick“ US-Präsident Theodore Roosevelt

Auch Amerikas Außenpolitik wurde zunehmend imperialistischer. Nach dem Sieg im Spanisch-Amerikanischen Krieg 1898 waren Puerto Rico, die Philippinen und die Pazifikinseln Guam, Wake und Hawaii an die USA gefallen. Traditionelles Sendungsbewusstsein aus den Manifest-Destiny-Jahren und Missionierungsdrang erfassten nun eine breite Öffentlichkeit. Carl Schurz war entsetzt, er wurde Mitbegründer der „Anti-Imperialist-League“. Immer wieder bis zum seinem Tod 1906 erinnerte er eindringlich daran, dass die Amerikaner selbst einmal Kolonien im Kampf gegen die Kolonialmacht England waren, und beschwor das Selbstbestimmungsrecht der Völker weltweit, doch leider vergeblich.

Präsident Roosevelt hatte bei Verhandlungen stets seinen „Big Stick“ dabei, die schlagkräftige Kriegsmarine und die erdrückende Wirtschaftsmacht der USA stärkten seine Position ungemein, und das wusste er genau. Chronisches Fehlverhalten oder der Niedergang der Beziehungen zur zivilisierten Gesellschaft müsse die Intervention zivilisierter Nationen zur Folge haben, erklärte der Präsident, und in der westlichen Hemisphäre sei es die Aufgabe der USA, diese Rolle als internationale Polizeimacht zu übernehmen (Roosevelt-Corollary zur Monroe-Doktrin von 1823). „Und wie steht Präsident Taft zu Europa?“ fragte Andras. „Der ist ein enger Freund Roosevelts und setzt seine Politik fort. Nur, dass er vor allem auf die US-Dollars setzt“, antwortete Annelie.

Sie zögerte einige Momente. „Ich bin weiß Gott Patriotin“, fügte sie dann hinzu, „doch sein eigenes Land zu lieben heißt nicht, andere Menschen und andere Länder niederzumachen. Auch bei uns reden Wissenschaftler und Journalisten dauernd von der Überlegenheit der ‚angelsächsischen Rasse‘ den anderen gegenüber. Große Güte! Wir sind doch alle Amerikaner!“

Gemeinsame Erinnerungen

Einige Tage später waren sie auf dem Weg zum „Mountain Men“ Weingut der amerikanischen Bergmanns im Shennandoah Valley in Virginia. Die Winzerinnen und Winzer in der Familie konnten es kaum erwarten, das Weingut wiederzusehen. Kathi und Walter verfolgten die Autofahrt mit ganz großen Augen. Annelie saß neben ihnen und erklärte ihnen die Landschaft. „Und Mountain Men, das ist amerikanisch für Bergmann“, sagte sie, „Im Englischen wird aus dem ‚Berg‘ der ‚mountain‘, aus dem ‚Mann‘ der ‚man‘, und da es zwei Bergmann-Brüder waren, mein Papa Heinrich und mein Onkel Niklas, haben sie auch Mehrzahl gewählt, und das gibt ‚men‘. Es ist nun schon fast hundert Jahre her, dass sie vom Rhein hierher nach Amerika gekommen sind.“

Und im stillen dachte sie, es ist gut, dass bestehenden familiäre Beziehungen noch einmal gefestigt wurden. So konnten sie gemeinsame, schöne Erinnerungen aufbauen. Wer wusste schon, was die nächsten Jahre bringen würden ..

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