Kölner Dombaufest

Köln in jenen Jahren
Köln in jenen Jahren

[Rheinprovinz, 1842]

Im September 1842 war Friedrich Wilhelm IV. wieder am Rhein, in Köln. Heute sollte im Domhof der Grundstein für die Vollendung des Kölner Doms gelegt werden – ein gewaltiges Projekt! Die ganze Stadt war festlich geschmückt, die „Rheinische Zeitung“ hatte eine Festtagsausgabe gedruckt, die Sonne schien und Tausende Menschen, unter ihnen das Who is Who des Hochadels, jubelten Friedrich Wilhelm IV. und seiner Gemahlin Elisabeth zu.

Ein engagierter Mann: Sulpiz Boisserée

Auch Anni, die als kleines Mädchen den damaligen Kronprinzen gesehen hatte, war dabei. Wie schön wäre es, wenn man bei gutem Wetter vom Drachenfels aus auf einen prächtigen Dom mit hohen Türmen sehen könnte! Sie freute sich für den Kölner Sulpiz Boisserée, der nach Jahrzehnten sein Engagement, sein Lebenswerk endlich von Erfolg gekrönt sah. Seit 1810 engagierte er sich für die Vollendung des Doms und hatte endlich auch namhafte Verbündete gefunden wie Goethe, die ihm in Berlin wichtigen Türen öffneten, vor allem die des begnadeten Architekten und königlichen Baumeisters Karl Friedrich Schinkel. Den Kronprinzen wusste Boisserée auf seiner Seite, seitdem dieser das Fragment im Feldzug 1814/15 gesehen hatte; doch dessen Vater, König Friedrich Wilhelm III., konnte mit romantischen Schwärmereien nichts anfangen.

Sammeln für die Vollendung des Kölner Doms

Beim Regierungsantritt Friedrich Wilhelms IV. 1840 hatten die Kölner Bürger ihre Chance sofort genutzt: Sie machten eine Immediateingabe an den neuen Herrscher, die einer Huldigung gleichkam, und baten um die Genehmigung zur Gründung des Dombauvereins. Der neue König genehmigte das Vorhaben nicht nur, sondern setzte sich als Schirmherr an die Spitze der Bewegung. Überall im Deutschen Bund entstanden nun Hilfsvereinen, landauf, landab, Katholiken und Protestanten – überall wurde für den Kölner Dom gesammelt. Mit Seiner Majestät an der Spitze der Bewegung konnte die Obrigkeit, die sonst Versammlungen und Vereinsgründung argwöhnisch beobachtete oder gar verbot, nichts dagegen unternehmen. Selbst Staatskanzler Metternich in Wien machte mit.

In der Tradition mittelalterlicher Größe

Auch dem König war die Vollendung des Doms ein wichtiges Anliegen. Den Rheinlanden mehr zugetan als sein Vater, wollte er nach dem „Kölner Ereignis“ die katholische Kirche mit Berlin und dem protestantischen Herrscherhaus aussöhnen. Doch es war mehr als das. Während der Rheinkrise hatten die Menschen auf beiden Seiten des Rheins und weit darüber hinaus als Patrioten zusammengestanden, im Bayern Ludwig I. entstanden die Walhalla und die Befreiungshalle – man besann sich alter Größe und liebte gewaltige patriotische Bauten. Ein gotischer Dom stand für Deutschlands mittelalterliche Größe, für die Macht und den Glanz der Kaiser des Heiligen Römischen Reichs, welche mit Kraft und Gerechtigkeit die gottgewollte Ordnung gesichert, belebt und das christliche Abendland gegen jeden Feind verteidigt hatten. Das alte Kaiserreich sollte in neuer Form wieder einstehen, auch dafür sollte der Kölner Dom stehen, fertiggestellt in einer gemeinsamen patriotischen Anstrengung von Thron, Altar und Volk. König Friedrich Wilhelm IV. sah sich in dieser Tradition, und so hatte der preußische Staat den größten Beitrag zur Finanzierung geleistet.

Wem helfen die „Wonnetränen“?

So sehr sich Anni für den Dom freute, etwas gab ihr einen Stich in Herz. Während man feierte und der König sich ganz seinen Schwärmereien hingab, waren viele Menschen trotz anstrengendster Arbeit nicht in der Lage, aus eigener Kraft sich und ihre Familien durchzubringen und verelendeten. Den König schien das nichts anzugehen.

Auch Anni liebte das Mittelalter. Wie konnte es auch anders sein, wenn man in einer Gegend mit so vielen Burgen aufwuchs? Als Kind hatte sie oft bei der Drachenfelsruine gespielt. Sie wusste aber auch, dass das Mittelalter nicht nur die Zeit des universalen Kaisertums war, sondern vielmehr eine Zeit großer Gegensätze: Höfischer Glanz, Minnesang und Minnesang auf der einen, bittere Armut und Krankheiten auf der anderen. Ihr Vater hatte ihr von den Mönchen von Heisterbach und ihrer caritativen Arbeit und von dem Sayner Grafenpaar auf der Löwenburg erzählt, die Pflegestellen für Arme gespendet hatten, und von der vornehmsten Aufgabe der Ritter, die Schwachen zu schützen. Von diesem Mittelalter wollte der König wohl nicht wissen. Von „Wonnentränen“ hatte er gesprochen. „Was nutzen die großen Worte, wem helfen die „Wonnetränen“ des Königs, dachte Anni, „wenn er die Not seines Volkes nicht sieht?“

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