Kapp-Putsch und Rote Ruhrarmee

Unter den Linden, März 1920
Unter den Linden, März 1920

[Rheinprovinz und Berlin, 1920]

Die junge Weimarer Republik war nicht gefestigt. Die tiefe Spaltung des Landes, der Hass und die Gewaltbereitschaft bedrückten auch Kathi und Max. Kathi hatte mit Max um Hugo Haase getrauert, der bei einem Attentat schwer verletzt worden war und an den Folgen verstorben war. In der USPD setzte sich dann der linke Flügel durch und sie näherte sich immer mehr der KPD an. Max zog sich zurück, diesen Kurs konnte er nicht mittragen.

Eine parteiische Justiz

„Wie verdammt parteiisch diese Justiz ist“, dachte Max, „auf dem rechten Auge blind“. Die Mörder von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht waren mit ganz geringen Strafen davon gekommen. Leo Jogiches, der Lebensgefährte Rosas, hatte die Behörden überhaupt erst auf die Spur bringen müssen; im März 1919 war er verhaftet und hinterrücks erschossen worden. Auch dem Mörder des bayrischen Ministerpräsidenten Eisner von der USPD wurde „glühende Liebe zum Vaterland“ zugebilligt. Das alles mochte republikfeindliche Militärs in ihrer Entschlossenheit bestärken, den Kampf gegen die Republik in die eigene Hand zu nehmen.

Kapp-Lüttwitz-Putsch

Nach den Abrüstungsbestimmungen des Versailler Vertrags mussten rund 300.000 Soldaten der Reichswehr und alle Soldaten der Freikorps entlassen werden. Vor allem die Freikorps fühlten sich von der Weimarer Regierung verraten, denn in ihrem Auftrag hatten sie im Osten gegen die Rote Armee und polnische Freiwilligenverbände gekämpft und im Inneren Aufstände niedergeschlagen.

Zu den ersten Verbänden, deren Auflösung Reichswehrminister Noske am 29. Februar 1920 verfügte, gehörte die Einheit des Korvettenkapitans Hermann Ehrhardt. Am späten Abend des 12. März putschen General Lüttwitz, ranghöchster General der Reichswehr, und der rechtsextreme Landschaftsdirektor Kapp; die Brigade Ehrhardt marschierte in Berlin ein, um die Regierung zu stürzen. Kapp erklärte sich am 13. März 1920 selbst zum Reichskanzler.

Reichswehrminister Noske wollte die Reichswehr einsetzen, doch der Chef der Truppenamtes, General von Seeckt, lehnte ab mit den Worten: „Truppe schießt nicht auf Truppe“. Viele Militärs hatten sich auf die Seite der Putschisten gestellt. Doch auch Reichspräsident Ebert wollte Blutvergießen vermeiden, die Reichsregierung wich nach Stuttgart aus und rief zum Generalstreik auf. Bald traten überall im Land Menschen in Streik und protestierten gegen den Putsch. In Berlin nahmen weder die Regierungsbeamten noch die Reichsbank von Kapp Weisungen entgegen.

Gegendemonstration in Bonn

Am 15. März in Bonn demonstrierten Kathi und Max mit 50.000 Menschen gegen den Kapp-Putsch. „So viele Menschen sind hier“, staunte Kathi, und sie sah bei aller Anspannung glücklich aus. Dabei war es gar nicht so einfach gewesen, hierher zu kommen, denn es fuhr kein Zug, keine Elektrische, auch die Schiffe hatten sich dem Streik angeschlossen. „Ich würde ja gerne das Gesicht von Kapp sehen“, sagte sie, „es heißt, dass sie in Berlin weder Strom noch Wasser haben, dass da einfach gar nichts läuft. Es ist schön, dass so viele Menschen unsere Republik verteidigen. So einfach kann man jetzt nicht mehr putschen!“ Max stand neben ihr. „Ja“, meinte er, „das macht auch mir Mut. Doch viele Militärs haben sich auf die Seite von Kapp und Lüttwitz geschlagen, und General von Seeckt hat sich geweigert, die Regierung zu beschützen. ‚Truppe schießt nicht auf Truppe‘ hat er gesagt. Ich kann den Soldaten ja verstehen, ich würde auch nicht auf meine Kameraden schießen, aber im Kaiserreich wäre das Hochverrat gewesen, und hier ist es in Ordnung. Die Regierung ist geflohen! Es mangelt uns nicht an Demokraten, sondern an Demokraten in den führenden Schichten, vor allem beim Militär. Die stellen sich nicht vor unsere Demokratie.“

Kein Vertrauen mehr zu Noske

Nach vier Tagen brach der Putsch zusammen. Doch die seltene Einheit der Linken – Gewerkschaften, SPD USPD und KPD – hielt nicht. Die Gewerkschaften lenkten ein und brachen den Generalstreik ab. Noske, der das Vertrauen der meisten Genossen verloren hatte, musste seinen Posten räumen, sehr zum Leidwesen Eberts. Mit Noske trat der republiktreue Chef der Heeresleitung zurück; zum Nachfolger wurde ausgerechnet General von Seeckt ernannt. Ende März trat das gesamte Kabinett Bauer zurück; neuer Reichskanzler wurde Hermann Müller.

Rote Ruhrarmee

Trotz aller Freude über den gescheiterten Putsch spürte Kathi, dass etwas Max bedrückt. Schließlich rückte er damit heraus. „Im Ruhrgebiet wird geschossen“, sagte er ernst, „sie schießen auf die Arbeiter, auf Zivilisten. Ich werde dorthin gehen, als Sanitäter.“ Im Ruhrgebiet, das seit 1919 nicht zur Ruhe gekommen war, wurde aus dem Generalstreik ein Flächenbrand. Eine 50.000 Mann starke „Rote Ruhrarmee“ sammelte sich und eroberte, unterstützt durch einen Bergarbeiterstreik, das ganze Ruhrgebiet.

Nachdem Kapp zur Aufgabe gezwungen war, wurden ausgerechnet Freicorps der Putschisten, unter ihnen die Brigade Ehrhardt mit Hakenkreuzen an den Helmen, ins Ruhrgebiet geschickt. Innenminister Severing von der SPD handelte unter Beteiligung hochrangiger Regierungspolitiker von SPD und Zentrum ein Abkommen aus, doch die Verhandlungslösung scheiterte an der Zerstrittenheit der Führung der Roten Ruhrarmee und dem eigenmächtigen Handeln des Militärbefehlshabers vor Ort.

Kathi war entsetzt. „Max!“ Es war erst ein Jahr her, dass im Auftrag der SPD-Regierung Freikorps die Aufstände blutig niedergeschlagen hatten. Kathi spürte, wie Angst ihr die Kehle zuschnürte, ihr Herz klopfte wie wild. „Ich muss, Kathi, ich muss“, sagte Max, „die Reichsregierung unter Ebert und Noske lässt die Arbeiter, deren Generalstreik sie gerettet hatte, die unsere Republik mit ihrem Leben verteidigt haben, von eben jenen Putschisten zusammenschießen. Ich gehe als Sanitäter, mir wird schon nichts passieren.“ Kathi umarmte ihn fest: „Pass auf Dich auf!“.

Schlimme Monate gingen ins Land. Es war der größte bewaffnete Aufstand in der deutschen Geschichte, den Freicorps im Auftrag der Reichsregierung niederschlugen. Tausende von kämpfenden Arbeitern, aber auch Frauen und Unbeteiligte wurden getötet.

Nach einigen bangen Wochen kam Max zurück, abgemagert, bleich und verstört. „Die haben alles zusammengeschossen“, sagte er, „auch Verletzte, Gefangene, ja sogar die Krankenschwestern. Ebert hat die Standgerichte schließlich verboten, doch sie haben weitergemacht. Das Das ist Terror, Kathi, Terror gegen die eigenen Leute.“

Die Weimarer Koalition verliert ihre Mehrheit

Die schlimmen Ereignisse hinterließen tiefe Spuren. Bei der Reichstagswahl im Juni 1920 brach die SPD ein, viele ihrer Anhänger stimmten nun für die USPD. Auch die linksliberale DDP verlor viele Stimmen, und in geringerem Maße auch das Zentrum. Die Weimarer Koalition verlor ihre Mehrheit. Gewinner der Wahl waren neben der USPD die nationalkonservative Deutsche Volkspartei (DVP) und die rechte Deutschnationale Volkspartei. Die nächsten Kabinette sollten nicht länger als einige Monate im Amt sein.

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