Jakobs Kolonialwarenladen

Kolonialwarenladen
Kolonialwarenladen

[Rheinprovinz, um 1906/1907]

Nun war aus den „Limbach-Stübchen“ auch ein Kolonialwarenladen geworden. Im Gastraum schenkte auch Jakob Kakao und Kaffee aus. Wie in den großen Wiener Kaffeehäusern durften auch in seinem Stübchen die Gäste die vorhandenen Zeitungen ausgiebig lesen und manchmal auch etwas schreiben. Manchmal machte man bei ihm sogar Schularbeiten.

Im Raum auf der linken Seite, wo ganz früher Oma Limbach ihre Hüte ausgestellt hatte, war nun sein Kolonialwarenladen. Es war ein herrlicher Laden, liebevoll eingerichtet. In den Regalen standen Jakobs Waren – Kakao aus Afrika, Kaffee aus Mittelamerika, Schokolade und Rohrzucker aus der Karibik, Tabak, und Südfrüchte. Es war kein besonders gewinnbringendes Geschäft, da er sehr oft freien Kakao an die Kinder der Nachbarschaft ausgab, aber er musste um sein Zuhause nicht fürchten, und Graf Csabany hatte seinem treuen Diener eine mehr als großzügige Summe als Startkapital gegeben.

Oft schweiften Jakobs Gedanken in ferne Länder. Togo, Kamerun, Südwest- und Ostafrika, Kaiser-Wilhelm-Land auf Neu Guinea, den Bismarck-Archipel und die Marshall-Inseln. Wie es wohl da sein mochte? War es überhaupt Recht, dass die Großmächte die Welt unter einander aufteilten? Viele Weiße hielten sich allen anderen für weit überlegen, was man wissenschaftlich zu belegen suchte. Das führte zu einem Sendungsbewusstsein, dem Rest der Welt die eigene Zivilisation zu bringen. Jakobs Interesse an der Natur ging mit einer tiefen Liebe zu ihr einher. Gläubig wie er war, konnte er nicht glauben, dass sein Herrgott bewusst höher- und minderwertige Geschöpfe in die Welt gesetzt hatte.

Dann hatte es schlimme Nachrichten aus Deutsch-Südwestafrika gegeben. 1904 hatten sich die Herero, wenig später auch die Nama, erhoben, deutsche Siedler ermordet und Siedlungen niedergebrannt. Die Truppe hatte dafür grausam Rache genommen, es war ein Vernichtungsfeldzug gewesen. Als im Reichstag zusätzliche Mittel für den Kampf gegen die Herero und Nama gefordert wurden, hatte vor allem das Zentrum die deutsche Kolonialpolitik scharf kritisiert; Zentrum und SPD hatten schließlich dagegen gestimmt. Daraufhin hatte Reichskanzler Bernhard von Bülow den Reichstag aufgelöst. Mit der Parole „gegen Zentrum und Sozialdemokratie“ hatte seine Koalition gesiegt, während die Sozialdemokraten schwere Verluste erlitten hatten.

Auch Jakob hatte das Zentrum gewählt. Er mochte den aufrechten Abgeordneten Matthias Erzberger, der scharf und teilweise gegen Parteifreunde die Kolonialskandale in Afrika anklagte. „Hottentotten-Wahlen“ hatte man die Wahl des Jahres 1907 genannt. Das klang sehr abfällig in seinen Ohren. Namhafte Firmen warben damit, dass ihre Kakaobohnen ausschließlich aus deutschen Kolonien kamen.

Wenn Jakob Ware kaufte, achtete er vor allem sehr darauf, dass seine Handelspartner ehrenhafte Kaufleute waren. Einen dieser fernen Orte hätte er gerne einmal gesehen – Tendaguru in Ostafrika, wo man die großen Tiere ausgraben wollte, von denen so viel die Rede war – Dinosaurier.

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