Jahre der Trennung

Briefe vom Rheinland in den Osten
Briefe vom Rheinland in den Osten

[Rheinprovinz, 1866]

In Deutschland war seit Königgrätz die Welt eine andere, so sehr war die Stimmung umgeschlagen: Die preußische Armee wurde bejubelt, auch am Rhein. Der König, der Kronprinz, Bismarck und die Generäle wurden zu Helden. Hatten bei den Feierlichkeiten zur 50-jährigen Zugehörigkeit der Rheinlande zu Preußen im Mai 1865 längst nichts alle Rheinländer Preußen hochleben lassen, so konnten die preußischen Autoritäten nun „einen sehr erfreulichen Umschwung“ aus der Rheinprovinz melden.

Über lange Zeit würde Sophie ihren Mann Graf Andras Csabany nur selten sehen, vielleicht zu Weihnachten, vielleicht im Sommer. Zwischendurch konnten sie sich nur schreiben. An ihren Abenden saß Sophie oft über einer Näharbeit, dann bekamen ein einfaches graues Kleid und eine einfache Haube eine kleine Spitze, eine kleine Stickblume – etwas, das mit wenig Aufwand, aber viel Liebe und Kreativität angefertigt wurde. „Du hast die Begabung Deiner Uroma Limbach geerbt“, sagte ihre Mutter Anni oft, „alles, was sie anfasste, wurde richtig schön.“ „Und Du die von Oma Henriette für Schokolade“, sagte sie lächelnd. Es gab Sophie Trost und Halt, dass sie in dieser langen Tradition ihrer ebenso starken wie pfiffigen Uroma stand.

Sommer in Lemberg

Im nächsten Jahr machte sich Sophie auf die weite Fahrt nach Lemberg, um einige Tage mit ihrem Mann zu verbringen. Lemberg gehörte zu den größten Garnisonen der österreichisch-ungarischen Armee im Osten der Monarchie. Lemberg war die galizische Landeshauptstadt, Sitz des Statthalters für Galizien und Lodomieren. Großbritannien, Frankreich, Deutschland, Russland und Dänemark unterhielten Konsulate hier. Auf der weiten Fahrt ans äußere östliche Ende der Donaumonarchie war ihr dessen Ausdehnung erst richtig bewusst geworden. Überglücklich hatte sie ihren Mann umarmt. „Doch, es ist schön hier“, sagte der, „und der Kaiser fördert es.“ Gottseidank hatte man inzwischen gemerkt, was für ein integrer Mann Graf Andras Csabany war, und er wurde nicht mehr ständig bespitzelt. „Obwohl ich immer noch das Gefühl haben, dass mir der eine oder andere nicht über den Weg traut.“

Während sie durch die Stadt gingen, hörten sie viele verschiedene Sprachen. „Wir sind in Galizien“, lächelte Andras, „in keinem anderen Teil der Monarchie haben wir so viele Völker wie hier: Polen, Ruthenen, Russen, Deutsche, Armenier, Juden, Moldauer, Ungarn, ‚fahrendes Volk‘ und andere. Am häufigsten hörst du Polnisch. An der Universität unterrichten sie auch in Polnisch, wir haben hier vier polnische, ein deutsches und ein ruthenisches Gymnasium.“ Sophie staunte. „Sie alle werden wir vielleicht einmal vertreten, wenn es wirklich klappt mit dem diplomatischen Dienst“, fuhr er fort, „aber als Rheinländerin bist Du ein ‚Vielvölkerkind‘, und wirst einen Vielvölkerstaat gut vertreten können.“

Die Sammelbüchse (1866/69)

Zuhause am Rhein arbeitete Sophie viel im Bonner Modehaus „Madame Charlotte“. Noch immer promenierten die Damen in ihren Krinolinenkleidern durch den Hofgarten. Der unumstrittene Stern am Modehimmel war Monsieur Worth in Paris, der auch viele der herrlichen Kleider der Kaiserin Elisabeth geschneidert hatte. Da wollte auch Königin Augusta nicht zurückstehen, doch sie musste Mittel und Wege an ihrem königlichen Gemahl und Bismarck vorbei finden. Noch immer hielten Damen aus dem Koblenzer Kreis Augustas dem Modegeschäft die Treue, und auf der Ladentheke stand immer eine Sammelbüchse für den von der Königin für Kriegsopfer gegründeten Vaterländischen Frauenverein.

Keine typische Diplomatenfrau

In diesen schweren Tagen machte sich Gräfin Katalyn Csabany um ihre Familie verdient. Unermüdlich kümmerte sie um das Familiengut in Ungarn, dann wieder um ihren Gatten in München, dann wieder um ihre Schwiegertochter Sophie am Rhein. Auch mit Lena und Emil vom Bergmannschen Weingut hielt sie engen Kontakt. Manchmal, wenn sie abends zusammen saßen und Sophie noch in eine Arbeit vertieft war, sagt sie lächelnd: „Eine typische Diplomatenfrau, wie man sie in vielen Damenkränzchen trifft, wird aus Dir wohl nie werden!“ Verblüfft ließ Sophie ihre Arbeit sinken und schaute die Gräfin an. Deren Lächeln wurde noch breiter. „Gottseidank nicht! Es gibt so viel zu tun für uns alle, und wir können nicht erstarrte Traditionen hochhalten von wegen was eine Dame tut und was nicht. Unsere Kaiserin Elisabeth ödet das auch an“, fügte sie verschmitzt hinzu. „Meinst Du, wir werden je ..“ fragte Sophie. Auch wenn formal Frieden mit Österreich geschlossen worden war, so trug Österreich doch schwer an der vernichtenden Niederlage. „Sicher“, meinte die Gräfin Katalyn, „mittelfristig werden Kaiser Franz Joseph und König Wilhelm wieder zueinander finden, und dann wird der Kaiser wieder gnädiger gestimmt sein. Bis sich alles wieder einrenkt, müssen wir Geduld haben.“

Kompensationen, Forderungen und Geheimdiplomatie

Doch schon drohte eine neue Krise, und russische Truppen standen nahe der der Grenze zu Österreich-Ungarn. „Das ist alles noch nicht ausgestanden. Bismarck wird nicht auf halbem Weg haltmachen“, fuhr die Gräfin fort, „sondern alles daran setzen, auch die süddeutschen Staaten dem Bund anzuschließen. Vor allem für König Ludwig II. von Bayern wäre in einem geeinten Deutschland mit König Wilhelm I. von Preußen und Bismarck an der Spitze nicht mehr wirklich Platz. Aber hat er eine Wahl? Den Krieg mit Preußen hat er nie gewollt. Vor allem die Franken haben sehr unter dem Krieg gelitten, dabei sind sie und die Menschen in der bayrischen Rheinpfalz „Muss-Bayern“, und könnten sich vielleicht abspalten, wenn er nicht klug handelt.“

Sophie nickte. „Ja, und denke an Frankreich“, sagte sie, „bislang war Deutschland in der Mitte Europas keine Bedrohung, so zersplittert wie es war. Preußen und Österreich waren miteinander beschäftigt. Aber nun, fast geeint und mit einem Machtmenschen wie Bismarck an der Spitze, sieht es ganz anders aus. Zumal Kaiser Napoleon III. sich ohnehin über die Tisch gezogen fühlt.“

Vor dem Krieg gegen Österreich hatte Bismarck dem französischen Kaiser, der auf das linke Rheinufer, schielte, „Kompensationen“ vage in Aussicht gestellt, damit Preußen den Rücken frei hatte. Nach dem schnellen Frieden mit Österreich und der Gründung des Norddeutschen Bundes wollte er aber davon nichts mehr wissen. Der Kaiser in Paris schäumte. „Ich fürchte, das ist noch nicht vorbei“, stimmt Gräfin Katalyn zu. „Kaiser Napoleon III. steht innenpolitisch stark in der Kritik. Dann wollte er nach außen die Großmacht geben, und hat in Mexiko interveniert. Unseren armen Erzherzog Max hat es das Leben gekostet.“

Das waren schlimme Nachrichten gewesen. Während in den USA der Bürgerkrieg tobte, hatte Napoleon III. französische Truppen nach Mexiko geschickt, um die legale Regierung Benito Juarez zu stürzen und eine Monarchie herzustellen. Die Kaiserkrone hat er Erzherzog Maximilian, dem jüngeren Bruder Franz Josephs, angeboten. Maximilian war mit seiner Gattin Charlotte von Belgien nach Mexiko gereist. Doch nach dem Ende des Bürgerkriegs in den USA wendete sich das Blatt, die Republikaner siegten, und Frankreich musste seine Truppen zurückziehen. Auf sich alleine gestellt, hatte Maximilian keine Chance – er unterlag und wurde standrechtlich erschossen. „Verdammt“, stieß die Gräfin zwischen den Zähnen hervor, „er hätte doch wissen müssen, dass im Ernstfall auf Napoleon kein Verlass ist. Das hat er doch schon in den Italienkriegen gesehen.“

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