In Wien stirbt Kaiser Franz Joseph

Leichenzug
Leichenzug

[Österreich-Ungarn, November 1916]

Am 21. November 1916 verstarb in Wien der 86-jährige Kaiser Franz Joseph. Am 30. November trug man in mit allem Glanz der verfallenden Donau-Monarchie zu Grab. Alle Kirchenglocken läuteten, Tausende standen am Straßenrand, als der Sarg von der Hofburg zur Einsegnung in den Stephansdom gebracht wurden. Vertreter des Hauses Habsburg, deutscher Fürstenhäuser und der verbündeten Mächte begleiteten den Kaiser auf seiner letzten Fahrt. Dann wurde er an der Seite seiner Ehefrau Elisabeth und seines Sohnes Rudolf in der Kaisergruft beigesetzt.

Auch Graf Andras Csabany und sein Sohn Joscha standen am Straßenrand und erwiesen ihrem Kaiser eine letzte Reverenz. Was würde ihm folgen? Ging mit dem alten Kaiser auch die Donau-Monarchie unter, sein Vielvölkerstaat, den viele längst für einen Anachronismus hielten?

Auch Graf Andras sah seine Welt in Trümmern gehen. Was er von den Kriegsgebieten sah und hörte, das Elend zerschossener Städte, ausgebrannter Dörfer, zertretener Felder und Fluren erschütterte ihn zutiefst. Nicht nur Kriegsgefangene, sondern auch „unzuverlässige“ Bürger Österreich-Ungarns wurden interniert oder gar hingerichtet. In Galizien, und in Bosnien und Serbien wurden viele Zivilisten von der k.u.k. Armee ohne Gerichtsverfahren hingerichtet.

Die politischen und militärischen Führer hatten nur einen kurzen Konflikt erwartet, dabei war Österreich-Ungarn noch weniger als Deutschland auf einen langen Krieg vorbereitet. Doch obwohl die Österreicher die am zweitschlechtesten ausgerüstete Armee hatten, waren ihre führenden Militärs siegesgewiss. Bitter durchfuhr es ihn. Als junger Soldat im österreichisch-preußischen Krieg hatte er sich über die schlechte Ausrüstung der österreichischen Truppen beklagt, aber kaum jemand hatte es hören wollen. Wie bitter hatten er und Sophie dafür bezahlt! Seit diesen Tagen hatte sich wenig geändert.

Nun hatte die k.u.k.-Armee verheerende Niederlagen hinnehmen müssen. Mit Hilfe der deutschen Verbündeten hatte man Russen zurückgedrängt, war sogar in die Offensive gegangen. Die Ostfront schien für die Mittelmächte sicher, bis eine verheerende Offensive der Russen im Juni 1916 das Blatt wieder wendete. Nur die völlige Erschöpfung auch der russischen Armee hatte deren weiteren Vormarsch verhindert.

Des alten Kaisers Großneffe und Nachfolger Karl I. führte den Trauerzug an. „Er wird nicht viel bewegen können“, meinte nun Joscha, „auch wenn er guten Willens ist. Unser Österreich-Ungarn bricht zusammen, er muss bald Frieden schließen, wenn unser Land überleben soll. Doch die Deutschen sind zu überlegen, wir stehen längst unter dem Einfluss des deutschen Generalstabs, und da bestimmen die Hardliner.“ Dann nahm er seinen Vater in den Arm und versuchte, optimistisch zu klingen. „Aber nun fährst Du erst einmal mit uns und verbringst Weihnachten auf unserem Gut, so gut das eben geht. Wir müssen einfach arbeiten, hoffen und beten. Wie damals Mama, Oma und Du, als Du in Galizien strafversetzt warst.“

Abschied von Andras Csabany

Einige Wochen später verbrachte Graf Csabany das Weihnachtsfest auf dem Familiengut der Csabanys in Ungarn. Nun saß der Graf am Fenster, eingehüllt in eine warme Decke. Draußen suchten die Leute Tannenzweige – ein wenig weihnachtlich sollte es trotz Krieg und Not auch drinnen aussehen. Hier war er als Junge gerne gewesen, dann die schwere Zeit nach der gescheiterten Revolution 1848, dann der Ungarisch-Österreichische Ausgleich von 1866, der seinen Eltern erlaubt hatte, noch einige glückliche Jahre auf dem Familiengut zu verleben. Nun lagen sie hier begraben. Mit Sophie war er oft und gerne hergekommen. Sophie .. der Tod seiner über alles geliebten Frau Sophie hatte ihn tief erschüttert. Es stand schlechter um ihn, als er seinen Kindern gegenüber zugegeben hatte.

Am Heiligen Abend rief er Lottie und ihre Familie an, fragte alle, wie es ihnen ging, wie Matthias‘ Verwundung heilte und ob er noch etwas für Jakobs Suppenküche tun konnte. Mit einem glücklichen Lächeln legte er schließlich den Hörer auf die Gabel.

Wenige Tage später wurde der alte Herr sehr schwach. Joscha saß an seinem Bett. Sein Vater schien gefasst und im Frieden. „Du musst nicht traurig sein“, sagte er zu Joscha, „es war wunderschön mit Euch allen, Ihr seid großartige Menschen geworden. Und steht nicht trauernd an meinem Grab, Eure Leute brauchen Euch jetzt, Euch beiden hier und die Lottie am Rhein. Ich werde nun Deine liebe Mama wiedersehen, und ich hab‘ ihr so viel zu erzählen ..“ Mit einem leisen Lächeln auf dem Gesicht verstarb der Graf.

Österreich-Ungarn wird nicht bleiben

Schon im nächsten Jahr sollten sich Graf Andras‘ düstere Ahnungen bestätigen. Im Reichsrat, dem Parlament der österreichischen Reichshälfte, zeichnete sich der Zerfall Österreich-Ungarn ab. Die Polen Galiziens wollten sich einem neu entstehenden polnischen Staat anschließen, nicht aber Ukrainer Galiziens. Die Tschechen wollten einen eigenen tschechoslowakischen Staat, das wiederum beunruhigte die Deutschsprachigen in Böhmen und Mähren. Die Slowenen und Kroaten wollten mit den Serben einen südslawischen Staat bilden. Slowaken, Rumänen und Kroaten wollten weg von Ungarn, das Nicht-Magyaren gegenüber sehr restriktiv gewesen war.

Wenigstens waren die USA noch nicht auf die Gegenseite eingeschwenkt. Ex-Präsident Theodore Roosevelt hatte 1910 Wien besucht und war vom alten Kaiser Franz Joseph beeindruckt gewesen; der amtierende Präsident Woodrow Wilson hatte nach dem Attentat von Sarajevo die Anteilnahme der USA zum Ausdruck gebracht. Bei aller Sympathie für die Entente und bei aller zunehmenden Antipathie gegen Berlin gab es keine anti-österreichische Stimmung in den USA.

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