Gräfin Sophie Csabany

Eisenbahn
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[Deutschland und Österreich, 1866]

Die Nachrichten verbreiteten sich schnell, über die Telegraphen in den Zeitungen. Es war eine verheerende Niederlage für Österreich. Tausende Tote und Vermisste waren zu beklagen. Benedek hatte es geschafft, große Teile seiner Armee auf das rechte Donauufer bei Bratislava zu retten.

Sophie hatte seit Wochen nichts mehr von Graf Andras Csabany gehört. Kein Brief, keine Nachricht, nur die Meldungen in den Zeitungen über den grandiosen preußischen Sieg. Sie hatte an den Grafen Csabany Senior und seine Frau geschrieben, doch keine Antwort bekommen. Vielleicht hatten sie ihren Brief ja gar nicht lesen wollen. Ob sie nach der verheerenden Niederlage überhaupt etwas mit ihr zu tun haben wollten? Unendlich lange gingen die Tage und Wochen quälend langsam einher. Ende Juli klopfte es an der Haustür. Ein Mann stand auf der Schwelle, der ihr vertraut vorkam – es war Jakob, der treue Diener der Csabanys in Frankfurt. Sie hatte ihn einmal bei einem Fest am Rheinufer in Koblenz getroffen. Damals hatte er ausgelassen gelacht und getanzt; nun war er abgemagert und blass. „Die Familie Csabany schickt mich“, begann er zögernd, „darf ich eintreten?“

Drinnen erzählte er. Graf Andras Csabany lebte, er war unverletzt – doch er saß in Haft. Zum Ende der längst verlorenen Schlacht hatte einen verletzten Kameraden gerettet. Als er später an dessen Krankenlager saß, war seine ganze Wut aus ihm herausgebrochen. Über den Krieg, den er nicht gewollt hatte, die schlechtere Ausrüstung und die schlechtere Führung der österreichischen Truppen. Immer mehr hatte er sich in Rage geredet, besorgte Kameraden hatten ihn gebeten zu schweigen, doch es war schon zu spät. „Das reicht!“, hatte ihn ein Offizier angeherrscht, „Sie wagen es, die Entscheidungen seiner Majestät des Kaisers anzuzweifeln?“ Minuten später hatte man ihn verhaftet.

Sophie hatte mit angehaltenem Atem gelauscht, nun rang sie nach Luft. „Gott sei Dank, er lebt. Kann ich zu ihm?“ fragte sie schnell. Nun lächelte Jakob. „Ich wusste, dass Sie zu unserem Grafen halten“, sagte er, und gab ihr einen Brief. Er war von Andras Csabany. „Mein Liebling“, schrieb er, „wenn Jakob gezögert hat, Dir meinen Brief zu geben, dann nur Deinetwegen. Ich kann mir ein Leben ohne Dich nicht mehr vorstellen, aber ich möchte auch nicht, dass Du Dich an jemanden gebunden fühlst, der in Ungnade gefallen ist. Wir würden uns für lange Zeit nur selten sehen, und wer weiß, ob ich je meinem Vater als Diplomat nachfolgen kann. Der Krieg war noch schlimmer als ich es befürchtet hatte. Nicht, dass ich mir einen längeren Krieg und noch mehr Tote gewünscht hätte. Aber zu sehen, wie schlecht vorbereitet und ausgerüstet unsere Männer in die Schlacht gezogen sind, brach mir schon das Herz. Niemand bringt uns die Kameraden zurück, die diese verdammten Zündnadelgewehre hingemäht haben. Als ich am Bett meines Kameraden saß, ist es aus mir herausgebrochen, und leider haben es die Falschen mitbekommen. Die Wahrheit wollen viele dort oben nicht wissen. Ich schreibe Dir eilig, weil ich nicht weiß, wie es weiter geht. Sie wollen mich nicht vor ein Militärtribunal bringen, aber dafür musste ich mich verpflichten, lange im Heer zu dienen. Erst einmal wird es weit weg gehen, an die russische Grenze. Man hat mir ein paar Tage Zeit eingeräumt, und wenn Du immer noch willst, dann können wir hier heiraten, und vielleicht wendet sich doch alles noch zum Guten.“

Mit Tränen in den Augen hatte Sophie den Brief gelesen, nun legte sie in nieder. „Ich habe den Grafen Andras erst Tage später wiedergesehen“, sagte Jakob, „einige wollten ihn vor ein Militärtribunal bringen, aber die meisten wussten, dass er Recht hat, und haben sich für ihn eingesetzt. Es wird kein Verfahren geben, aber für die nächsten sechs Jahre ist er zwangsverpflichtet.“

„Warum nur ..“ fragte Sophie erschüttert. „Schaun’s Fräulein Sophie“, erklärte Jakob, „für Kaiser Franz Joseph ist es eine verheerende Niederlage. Er hat die Niederlagen in Italien noch nicht überwunden, und nun hat er in Deutschland endgültig gegen Preußen verloren. Man wird Österreich aus dem Deutschen Bund hinausdrängen. Die Atmosphäre ist unendlich angespannt, man wird Benedek vor ein Militärtribunal stellen und ihm die Hauptschuld zuweisen. Dabei hat er oft genug vorher gewarnt.“ „Ich möchte zu ihm“, sagte Sophie fest, „würden Sie mich hinbringen?“ „Natürlich“.

Sophie Gräfin Csabany

Früh am nächsten Morgen waren sie aufgebrochen. Sophie nahm nur das Nötigste mit, als einzigen Schmuck den herrlichen Spitzenschleier, den ihr Madame Desdentelles beim Abschied geschenkt hatte. Anni und Jean war es schwer gefallen, ihre Tochter einfach so ziehen zu lassen und bei ihrer Hochzeit nicht dabei zu sein. Immer wieder hatten sie sich umarmt und versichert, dass es die große Feier mit allen noch geben würde. Doch jetzt war die Fahrt ins entfernte Bratislava viel zu teuer, als dass man das Geld über Nacht hätte aufbringen können. Außerdem herrschte nur Waffenruhe, noch war kein Frieden geschlossen. Csabanys hatten das Nötigste geteilt, damit Jakob fahren und Sophie holen konnte. Und doch spürten sie, dass Jakob ein herzensguter Mensch war, dem sie ihre Sophie anvertrauen konnten. So umarmten sie auch ihn herzlich. „Dann müssen wir uns gedulden, bis wir hier feiern können, und auch Dich möchten wir unbedingt wiedersehen“, hatten sie ihm versichert.

Es war eine lange und anstrengende Zugfahrt. Zunächst ging es nach Wien, wo Graf und Gräfin Csabany zusteigen wollten. Doch die Gräfin Katalyn kam allein, und bei der Begrüßung kämpfte die sonst so ausgeglichene Frau mit den Tränen. Auch die Eltern hatten nicht geschwiegen, als der Sohn in Gefahr geriet, ihr Mann hatte offiziell gegen die Verhaftung seines Sohnes protestiert. „Daraufhin hatte man ihm die Fahrt verboten“ sagte die Gräfin, „nur ich darf fahren. Für die nächsten Jahre wird mein Mann auf eine nachgeordnete Stellung an der Gesandtschaft in München im Königreich Bayern versetzt.“

Es war eine lange Fahrt mit der Eisenbahn nach Böhmen. In einer kleinen Feldkapelle konnte sie ihren Grafen Andras endlich wieder umarmen. Er war blass, abgemagert, und doch überglücklich, sie alle zu sehen. „Dass Du wirklich hier bist“, wiederholte er immer wieder. „Willst Du das wirklich alles auf Dich nehmen?“ Und ob Sophie wollte. Mit einem Strauß bunter Feldblumen, die Jakob und Kameraden des Grafen für sie gepflückt hatten, im Arm trat Sophie mit ihrem Andras vor den schlichten Altar. „Bis dass der Tod Euch scheidet“, sagte der Pastor noch. „Der muss noch sehr, sehr lange warten“, dachte Sophie. Nun, wo sie die Hand ihrer Liebe, ihres Mannes um die ihre fühlte, würde sie nichts mehr trennen.

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