„Goldene“ Zwanziger Jahre

Blick von Rolandseck auf den Rhein und das Siebengebirge
Blick von Rolandseck auf den Rhein und das Siebengebirge

[Rheinprovinz, 1924/25]

Die Weimarer Republik hatte das Krisenjahr 1923 überstanden. Durch den Dawes-Plan kam die deutsche Wirtschaft wieder in Schwung. Die „Goldenen Zwanziger Jahre“ begannen.

Sozialer Wohnungsbau

Vielerorts wurden nun Reihenhäuser und große Wohnsiedlungen mit begrüntem Umfeld und ausreichend Licht gebaut. Es waren Großprojekte des sozialen Wohnungsbaus, so wollten die Städte möglichst viele Menschen aus dem Elend der Mietskasernen und Hinterhöfe zu holen. Rationellere Bauweisen sollten helfen, schnell und finanzierbar die große Wohnungsnot zu lindern. Auch erste Hochhäuser entstanden.

Eine Blütezeit von Kunst und Kultur

Eine unglaublich innovative, kreative Zeit brach an und brachte eine Vielfalt an Stilrichtungen hervor. Industrie und Wissenschaft gelangen sensationelle Fortschritte; zahlreiche Nobelpreise gingen nach Deutschland. Kunst und Kultur erlebten eine ganz neue Freiheit und Blütezeit.

Nun war in der Expressionismus in der Malerei auf dem Rückzug, dafür gelang er im Film und im Theater voll zu seiner Blüte. Dafür standen Filme wie „Nosferatu“ und „Das Kabinett des Dr. Caligari“ oder auch „Dr. Mabuse“. Maler und Bildhauer wandten sich anderen Formen zu: Dadaismus, Surrealismus und vor allem Neue Sachlichkeit hießen die neuen Stilrichtungen. Kühl und nüchtern sollte die Wirklichkeit abgebildet werden. So entstanden Otto Dix‘ Triptychon „Großstadt“ und John Heartfields Arbeit „Väter und Söhne 1924“, sie zeigte Paul von Hindenburg vor Soldatenskeletten, an denen Kinder in Uniform vorbeimarschierten.

Kathi liebte die Kunst, insbesondere George Grosz‘ Arbeiten. Vielleicht war „lieben“ der falsche Ausdruck, denn die Wirklichkeit, die er so schonungslos und pointiert darstellte, konnte man nicht lieben. Schonungslos und überspitzt scharf zeichnete Grosz verletzte, verkrüppelte Veteranen und Menschen mit Prothesen, Prostituierte, Politiker, fette Kapitalisten und Profiteure, boshafte alte Generäle und dekadente Lebemänner. Da sah man Menschen, die sich mühsam irgendwie durchschlagen müssen, und solche, die ihren Reichtum zur Schau stellen. Da waren revolutionäre Arbeiter, die von Reichswehrtruppen erschlagen wurden. Mit künstlerischen Mitteln rechnete da jemand ab mit den herrschenden Schichten der bürgerlichen Gesellschaft, ihrer Selbstgerechtigkeit und Verlogenheit. Max hatte für sie ein Exemplar der Graphikmappe „Hunger“ von 1924 ergattert. Sieben bekannte und engagierte Künstler – Otto Dix, Eric Johansson, Käthe Kollwitz, Otto Nagel, Karl Völker, Heinrich Zille und eben Grosz, hatten ein Blatt beigetragen, der Erlös ging an die „Internationale Arbeiterhilfe“.

Eine Nacht mal durchtanzen

Nach all den sorgenvollen Jahren wollten Kathi und Max ein bisschen mehr an sich denken. Sie wollten weiter hart arbeiten, aber auch ein bisschen Normalität in ihr Leben einziehen lassen – Freizeit, Kino, ein chices „kleines Schwarzes“ und vielleicht eines der neuen elektrischen Haushaltsgeräte. Kathi liebte die neue Mode der „Roaring Twenties“. Eine Nacht hindurch wollten sie Charleston tanzen, sich am nächsten Tag im Auto den Fahrtwind um den Kopf wehen lassen, an einem schönen Ort Picknick machen und Pläne schmieden.

Da ging es ihnen wie vielen anderen Menschen auch. Man ging zum Baden, in die Fußballstadien oder anderen Großveranstaltungen – Rad- und Autorennen z.B. Im Radio konnte man Liveübertragungen von Länderspielen und Max Schmelings Boxkämpfe hören. Täglich gingen etwa zwei Millionen Menschen in die Kinos. Gut situierte Bürger besuchten die Opernhäuser und die Theater oder amüsierten sich in den zahlreichen Revuen, Tanzpalästen, Jazz-Lokalen und Bars der Großstädte. In Berlin tanzte eine schwarze Tänzerin, Josephine Baker aus Amerika, sogar nur mit einem Bananenröckchen bekleidet.

Siebengebirgs- und Rheintouren

Auf dem Weingut Bergmann lief es prima. Walther und Kathi teilten sich die Arbeit, so dass Lottie und Matthias etwas mehr Freizeit vergönnt war. Auch im Stübchen war immer Betrieb: Nach all den Jahren der argen Not war es schön, einmal richtige Stoffe zur Verfügung zu haben. Helene freute sich, auch einmal für ihre Kundinnen ein chices kleines Schwarzes anfertigen zu können. Aber sie war der Tradition des Hauses fest verhaftet, auch schöne Sachen für Menschen mit kleinem Budget anzubieten. Getreu ihrem Wahlspruch „Neureich flickenlos kann jeder ..“ Ab und zu kam ein Päckchen aus Brüssel, dann schickte die neu aufblühende Maison Desdentelles einige Spitzenkragen. Auch im Gastraum des Stübchens war immer Betrieb. Hier konnte man sich hinsetzen und essen und trinken, und sich etwas Leckeres kaufen. Es gab wieder richtigen Bohnenkaffee, Tee, Kakao, Wein und was die Gäste so verlangten. Dazu einfache, leckere Gerichte, und immer ein sehr günstiges Tagesgericht, was die Tradition der Suppenküche folgte.

Siebengebirgs- und Rheintouren

Nun wurde es doch noch etwas mit Kathis Siebengebirgs- und Rheintouren. Im Spätsommer 1924 kamen die ersten Gäste aus Köln und Umgebung. Kathi holte sie morgens am Bahnhof ab, und dann ging sie mit ihnen wandern. Mit der Zahnradbahn hinauf zum Drachenfels, oder mit dem Auto hinauf zur Margarethenhöhe und von da aus weiter. Abends hielt man noch eine Mahlzeit auf dem Weingut bereit, dann brachte Kathi ihre Gäste zurück zum Bahnhof. Manchmal blieben auch Gäste über Nacht im Gästezimmer.

Nicht für alle golden

Kathi erschreckte sich oft beim Anblick ihrer Erholung suchenden Gäste. Viele waren abgemagert, verhärmt, sahen viel älter aus als sie waren. Manche Mama war froh, wenn sie einfach mal länger schlafen und sich dann draußen an den von Lottie und Robert liebevoll gedeckten Frühstückstisch setzen konnte. Die „Goldenen Zwanziger“ waren längst nicht für alle golden. Während Kunst und Kultur eine unglaubliche Blütezeit genossen, lebten viele Arbeiterfamilien am Rande des Existenzminimums. Zudem hatte die Inflation viele Menschen der Mittelschicht um alle Reserven gebracht, das konnte für die ohnehin gespaltene Gesellschaft nicht gut sein.“Wir müssen uns gegenseitig Kraft geben und drauf vertrauen, dass es nun aufwärts geht“, sagte Max immer wieder. „Ich bin so stolz auf Euch!“

Abzug der Franzosen

Mitte November 1924 zogen die Franzosen aus Königswinter, Honnef und dem ganzen rechtsrheinischen Gebiet zwischen den Brückenköpfen ab. Auch Kathis Familie freute sich sehr darüber, aber hasserfüllte Gedanken würde sie ihnen nicht hinterherschicken. Lottie hatte oft für die fremden Soldaten gedolmetscht und wusste, dass auch sie sich danach sehnten, ihre Angehörigen und ihre Heimat wiederzusehen. Matthias hatte von den verheerenden Zerstörungen in Frankreich und Belgien erzählt. Und wenn Reichskanzler Marx und Präsident Herriot, die Außenminister Stresemann und Briand es schafften, eine Vertrauensbasis aufzubauen, dann wollten auch sie das versuchen.

Am Abend nahm seine Frau in den Arm. „Auf bessere Zeiten, mein Schatz“, sagte er, „ich wünsche mir nichts mehr, als dass Robert in einer friedlichen Welt groß wird. Kathi schaute ihn mit einem verschmitzten Lächeln an, dass Max stutzig machte. Diesen Blick kannte er. „Kathi?“ „Ich wollte es Dir erst sagen, wenn ich ganz sicher bin“, sagte sie, „es sieht ganz so aus, dass wir bald zu viert sind!“

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