Generalgouvernement Berg

Blüchers Rheinübergang
Blüchers Rheinübergang

[Generalgouvernement Berg, November 1813 – Oktober 1814]

Auch Hubert, Oma Limbachs Sohn, arbeitete in der Bergischen Verwaltung in Düsseldorf. Hier lebte er mit seiner Frau Henriette, die aus Brüssel stammte. Ihr Vater betrieb in Düsseldorf ein kleines Schokoladengeschäft, denn die Schokolade, das Lieblingsgetränk der ehemaligen Kaiserin Josephine, war allgemein beliebt und man wollte es auch in der Ferne nicht missen. Auch Hubert war schnell auf den Geschmack gekommen, und natürlich auch Anni, ihre kleine Tochter. Sie wuchs schon mit dem Geruch warmer Schokolade auf.

„Ach Joséphine“, dachte Hubert. Ihr verdankte man, dass wenigstens das Kloster Nonnenwerth erhalten geblieben war. Inzwischen hatte Kaiser Napoleon hatte seine große Liebe aufgegeben, um durch die Heirat mit Marie-Louise von Österreich einen Erben und Frieden zu bekommen. Auch später blieben Napoleon und Joséphine einander verbunden. Sie hatte den Kaiser dringend vor dem Russlandfeldzug gewarnt, vergeblich. Nun hatten unzählige Familien überall in Europa Tote und Vermisste zu beklagen, und noch immer herrschte Krieg.

Dabei hatte alles gut angefangen. Viele Menschen teilten die Ideen der Französischen Revolution von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, viele lebten in Leibeigenschaft, Herrschaft oder Zünfte bestimmten ihr privates und persönliches Leben, und mussten das prächtige Hofhalten ihrer Herrschaften durch hohe Abgaben finanzieren, auch wenn sie dann selbst nicht mehr ein noch aus wussten. Nicht jeder Erzbischof war wie Max Franz. Wer wüsste das denn besser als die Bergmanns, die Familie in Amerika hatten, im „Land der Freien“, wo die Menschen auf eigenem Grund und Boden ein selbstbestimmtes Leben führten und sogar ihren Präsidenten wählten. Nun brachte Napoleon die Errungenschaften der Französischen Revolution nach Berg, und er weckte Hoffnung: nun, da die feudalen Vorrechten dahin waren und der Code Napoléon die Gleichheit aller vor dem Gesetz gebot, sollte es gerechter zugehen. Die Leibeigenschaft wurde aufgehoben, Gewerbefreiheit eingeführt, auf dass sich viele Menschen bescheidenen Wohlstand aufbauen konnten.

Doch zugleich hatte Napoleon die Wehrpflicht verfügt, und in den nächsten Jahren hatten seine Kriege den Menschen immer größere Opfer abgefordert. Am Ende hatte sich das Bild vom Hoffnungsträger Napoleon verfinstert; für viele war er nur noch ein Despot, der koste es was es wolle ganz Europa beherrschten wollte und dafür unzähligen Menschen in den Tod schickte.

Nach dem Sieg über Napoleon in der Völkerschlacht bei Leipzig im Oktober 1813 hatte der tüchtige Freiherr von und zum Stein ein Zentralverwaltungsdepartement für die provisorische Verwaltung der ehemaligen Modellstaaten und französischen Gebiete aufgebaut. Truppen für den Krieg gegen Napoleon mussten aufgestellt, Bargeld, Material und Ausrüstung mussten besorgt werden. Das bergische Landsturmedikt vom 25. Dezember 1813 verfügte die allgemeine Wehrpflicht für alle Männer zwischen 16 und 60 Jahren.

Aus dem Großherzogtum Berg wurde im November 1813 das Generalgouvernement Berg mit Sitz in Düsseldorf. An der Spitze stand Staatsrat Justus Gruner, und er brauchte tüchtige Männer um sich. Im November 1813 wurden die französischen Départements und Arrondissements aufgelöst, die Kantone blieben bestehen. Die Präfekturen wurden in Kreisverwaltungen umgewandelt und aus Maires wurden Bürgermeister.

Hubert half gerne, denn es waren fähige Männer. Er hatte viel vom Freiherrn von und zum Stein und von Kanzler Hardenberg gehört, den beiden großen Reformern. Stein hoffte, dass Preußen und Österreich gemeinsam für ein vereintes Deutschland arbeiten würden, damit es groß und stark werde und seine Selbständigkeit und Nationalität wieder erlangen und behaupten konnte in seiner Lage zwischen Frankreich und Russland. Stein, der entschiedene Reformer, wollte noch mehr: selbstverantwortlich sollten die Menschen leben und als Staatsbürger ihren Staat mittragen. Dazu wollte er die Bauern aus der Bindung an die Gutsherrn lösen, Märkte und Gewerbefreiheit schaffen, die Städte sollten sich selbst verwalten. Für ihn war Bildung die Grundvoraussetzung für Fortschritt, der wiederum den Patriotismus beflügelt. Im Militär sollten Bürgersoldaten statt Söldnern sein.

Hubert wusste aber auch, dass Stein und Hardenberg nicht unumstritten waren – im Gegenteil, Preußens König Friedrich Wilhelm III. hatte sie erst in der Stunde der Not, nach der verheerenden Niederlage 1806 bei Jena und Auerstedt, eher gezwungenermaßen gelassen. Hubert hatte seine Zweifel, ob dies der Natur des Königs entsprach, der doch in einer ganz anderen Tradition groß geworden war.

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