Emigranten

In Belgien
In Belgien

[Brüssel, 1850er Jahre]

Seit kurzem lebten Hubert und Henriette, ihre Tochter Anni und die Enkel Hans und Sophie im Häuschen von Henriettes Familie in Brüssel. Es war etwas eng, doch sie waren herzlich aufgenommen worden und Henriettes Familie bemühte sich nach Kräften, ihnen den Aufenthalt so angenehm wie möglich zu machen. Auch hier duftete es nach warmer Schokolade. Sophie und Hans gingen in Belgien zur Schule. Der Unterricht fiel ihnen nicht schwer, da ihre Großmutter Henriette oft Französisch mit ihnen gesprochen hatte; auch Flämisch lernten sie schnell, denn es klang ähnlich wie der heimatliche rheinische Dialekt. An den Wochenenden und wenn sie frei hatten zeigte sie ihnen das Land. Flandern mit den alten Städten und Burgen, den Grachten und dem Hafen in Antwerpen.

Als Flüchtlinge in Brüssel und London

So liebevoll aufgenommen, ging es ihnen viel besser als den meisten anderen Emigranten. Kinkel lebte mit seiner Familie in London und sicherte als Professor für Literaturgeschichte den Lebensunterhalt der Familie. In London fristete auch Karl Marx sein Leben mehr recht als schlecht, und ohne seinen Freund Engels wäre er gar nicht über die Runden gekommen. Hubert fühlte mit dem Familienvater Marx, dessen Familie so elendig leben musste und drei Kinder verloren hatte. Auch der ehemalige österreichische Staatskanzler Metternich lebte im Londoner Exil, nachdem er sich auf abenteuerlichen Wegen nach England durchgeschlagen hatte. Nicht einmal ein warmes Nachtlager hatte der alte Herr auf der Flucht gehabt. „Das Unglück machte vor keinem halt“, dachte Hubert, „auch nicht vor dem Verfolger“.

Brüsseler Spitzen – Maison Desdentelles*

Seitdem sie da war, hatte Sophie die feinen Spitzenarbeiten bewundert. Tischdecken, Servietten und Taschentücher hatten einen feinen Spitzenrand. Die Damen des Hauses trugen feine Spitzenkragen zu einfachen Kleidern, oder gaben mit einem feinen Spitzenkragen einem alten Kleid neuen Glanz. Auch sie selbst hatte zum ihrem ersten Schultag in der Brüsseler Schule einen schönen Kragen bekommen. „Die machen wir hier in Brüssel“, hatte Oma Henriette ihr erklärt, und sie wenig später in ein renommiertes Modehaus mitgenommen, das seit Generationen Spitzenklöppelei betrieb, das „Maison Desdentelles“.

Schon beim ersten Besuch hatte das Haus Sophie verzaubert. All diese herrlichen Kleidungsstücke, Hüte, Spitzenschals und Taschentücher! Diese Art hatten sie zuhause nicht, nicht einmal im eleganten „Maison Charlotte“. Henriette kannte kannte die Inhaberin, Madame Desdentelles, von früher. Nach einer freundlichen Begrüßung zeigte sie ihnen auch die Werkstatt, klein, aber hell und freundlich, wo eine Gruppe Frauen klöppelten, nähten, stickten oder Hüte herstellten. Madame Desdentelles stellte ihnen die Damen vor und erklärte die verschiedenen Techniken. Sophie staunte nur noch.

Beim letzten Arbeitsplatz setzte Madame Desdentelles fast eine Verschwörermiene auf. „Diese Technik nennt man Häkeln“, begann sie, „schaut nur, so können auch Spitzenbordüren und kleine Gardinen entstehen. Sicher sind die geklöppelten feiner, aber auch teurer. Die gehäkelten sind auch für wenig begüterte Menschen erschwinglich. Henriette hat mir viel von Eurem „Stübchen“, Eurer Uroma Limbach und Eurer schlichten Linie erzählt. Das ist auch meine Philosophie, ich liebe unsere Spitzenarbeiten viel zu sehr, als dass ich sie nur in reichen Häusern sehen möchte. Manche kaufen sogar kostbare Spitzendeckchen, nur damit sie damit ihre Möbel vor Haarpomade schützen können! Nein, unsere Spitzen sollen für viele erschwinglich sein. Das hier wäre auch etwas für Euch.“ Alle strahlten. „Sophie kann gerne nach der Schule hier eine umfassende Ausbildung machen“, meinte Madame Desdentielles, „und das Häkeln könnt Ihr beide sofort hier lernen, wenn Ihr mögt.“ Sophie und ihre Mutter sagten nur zu gerne zu. Viele Möglichkeiten hatte eine junge Frau ihrer Zeit nicht, und hier konnte sie so viel lernen, dass sie es später zuhause allen zeigen konnte.

Die politische Polizei

Hubert bemühte sich nach Kräften, nicht verbittert zu werden. Schon bald zeigte sich, dass er zuhause nicht mehr sicher gewesen wäre. Die Obrigkeit hatte vor Gericht einige Schlappen erlitten, zuletzt war ein Prozess gegen vermeintliche Kommunisten in Köln trotz gefälschter Beweise nicht in ihrem Sinne gelaufen. Nicht zuletzt deshalb, weil im Rheinland mit seinem „Rheinischen Recht“ Geschworenengerichte Recht sprachen, deren Verhandlungen öffentlich waren. Nun wurden politische Verfahren in Preußen den Geschworenengerichten möglichst entzogen und dem Berliner Kammergericht zugewiesen; hier galt kein „Code Civil“. Die Politische Polizei überwachte, bespitzelte, sperrte ein – oft genug aus schierer Willkür und mit gefälschten Unterlagen. Noch immer war man wütend über die geglückte Flucht von Schurz und Kinkel und wollte den Ansehensverlust wettmachen – und wenn es mit gefälschten Dokumenten geschah.

Überhaupt war von der vielbeschworenen Verbundenheit Friedrich Wilhelms IV. zu den Rheinlanden nichts mehr zu spüren. Als Frankreich unter Napoleon III. Kaiserreich wurde, sprach er von „Rheinischer Treulosigkeit“ und vom drohenden Abfall des Rheinlandes von Preußen. Auch seine Hofkamarilla erhob schwere Vorwürfe: Die Revolution sei eine „Aktion der Rheinlande“ gegen den preußischen Staat gewesen, hatte der königliche Berater Leopold von Gerlach verlauten lassen. Der Rechtsgelehrte Friedrich Julius Stahl verstieg sich zu der Behauptung, dass man am Rhein „das Band zu der Französischen Revolution“ zerschneiden müsste. Als der liberale Oberpräsident der Rheinprovinz, der ehemalige Ministerpräsident Rudolf von Auerswald im Kabinett Auerwald-Hansemann, gegen die Reaktionspolitik sprach, wurde er entlassen und durch den stockkonservativen Landrat Hans-Hugo von Kleist-Retzow aus Pommern ersetzt.

Briefe von Lorenz aus Amerika

Freude kam auf, wenn der Postbote einen Brief auf dem fernen Amerika brachte. Lorenz Bergmann, der nach dem missglückten Sturm auf das Zeughaus in Siegburg 1849 geflohen war, lebte nun bei seinen Großonkeln Niklas und Heinrich in den USA. Er schrieb regelmäßig an Hubert in Brüssel, der die Briefe dann innerhalb der Familie weitergab. Das war sicherer so, denn die politische Polizei hatte auch unter den Postbeamten ihre Zuträger. Lorenz hatte sich drüben in Amerika gut eingelebt. „Sogar verliebt hat er sich“, erzählte Hubert immer wieder, „in die Annelie, Heinrichs Tochter. Die beiden werden heiraten und dann den Familienbetrieb, den Landgasthof „Merry Dragon“ übernehmen. Nur schade, dass wir nicht dabei sein können.“

„Vielleicht ein ganz klein bisschen schon“, dachte Anni, die inzwischen begeistert häkelte. Längst war sie sicherer und mutiger geworden, und entwickelte eigene Muster für ihre Spitzenbordüren. Annelie, so hätte auch ein Mädchen hier in Brüssel heißen können. Was lag näher, als ihr neues Spitzenmuster „Annelie-Spitze“ zu nennen? Und so ging bald ein erstes Platzdeckchen mit der neuen „Annelie-Spitze“ über den Atlantik.

Falscher Verdacht

Dann kamen schlimmen Nachricht von zuhause. Niemand konnte Bergmanns und Limbachs etwas vorwerfen, doch sie waren als Demokraten bekannt, und nun war der steckbrieflich gesuchte Lorenz außer Landes. Immer öfter klopfte es an ihre Tür, und Männer der Politischen Polizei durchsuchten das „Stübchen“ nach verbotenen Zeitschriften oder Büchern. Als auch dies nicht funktioniert, fand man einen Denunziant, der für eine Geldsumme auf einige Tassen Kaffee ins „Stübchen“ ging, die dort ausliegenden Zeitungen las und dann verbotene kommunistischen Papiere zwischen die anderen Zeitungen schob und dort „vergaß“. Doch man hatte die Rechnung ohne Emil Bergmann gemacht. In diesen Tagen war er oft im „Limbach-Stübchen“, machte seine Schularbeiten dort und half Helene Bergmann so gut er konnte. Als er merkte, was losging, passte er ganz besonders auf. Ihm war der Mann gleich verdächtig vorgekommen. Während er sich intensiv mit seinen Aufgaben zu beschäftigen schien und laut seine Schokolade schlürfte, passte er umso mehr auf. Und da .. da hatte der Mann in einem unbeobachtet geglaubten Moment schnell etwas zwischen die Zeitungen geschoben. Sobald er raus war, nahm er die Zeitungen und suchte sie eilig durch. In der Tat – da lagen alte Texte und Artikel von Karl Marx aus der „Neuen Rheinischen Zeitung“; die längst verboten war. Schnell nahm er die Blätter und war sie in der Küche ins Feuer. Mit Bedauern, aber es war zu riskant. Wenig später klopfte es an der Tür.

Auch wenn seine Familie so gut es ging versuchte, den alten Herrn zu schonen, so war es doch unmöglich, alle Nachrichten von ihm fernzuhalten. Besser, er erfuhr alles von ihnen. So kam Jean zu Besuch und berichtete. „Der kleine Emil ist eine große Stütze“, sagte er mit warmer Stimme, „er hat ein Auge auf alles. Und wenn er mal nicht kann, kommt einer von seinen Schulkameraden ins Stübchen und passt auf. Alles die Jungs, die Du gefördert hast, Schwiegerpapa, sie haben Dich tief ins Herzen geschlossen und jetzt ist es für sie Ehrensache, dem ‚Stübchen‘ zu helfen.“ Hubert war gerührt und glücklich. So fuhr Jean mit gemischten Gefühlen weg. Er hatte die Freude auf Huberts Gesicht gesehen, doch auch die Hinfälligkeit des alten Herrn.

Abschied von Hubert Limbach

Wenig später bekam Hubert Fieber, und trotz liebevollster Betreuung verstarb er wenige Tage später, mit einem letzten festen Händedruck für seine Frau Henriette und einem schiefen Lächeln für die Kinder und Enkelkinder. In den Tagen nach seinem Tod gaben sie einander Halt. Nun lag Hubert, der Junge vom Rhein, auf einem Brüsseler Friedhof begraben. Gerade hatte Henriette frische Blumen gebracht, an ihrer Seite die beiden Enkel. „Euer Opa Hubert hat immer dafür gekämpft, dass seine Schützlinge etwas lernen können“, sagte sie, „das wollen wir weiter tun. Er wäre sehr traurig, wenn wir jetzt aufgäben. Morgen geht Ihr wieder zur Schule.“

Das ist ein kleines Wortspiel. „Dentelles“ ist das französische Wort für „Spitzen“.

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