Eine neue Großmacht

Menzel, Wilhelm I. auf dem Weg an die Front
Menzel, Wilhelm I. auf dem Weg an die Front

[Deutsches Reich, 1870er Jahre]

Mit der Gründung des Deutschen Reiches war der Traum vieler Menschen in Erfüllung gegangen. Auch im Siebengebirge wehte die schwarz-weiß-rote Flagge des Kaiserreiches.

Das Reich

Das neue Reich war ein Bundesstaat mit fünfundzwanzig Einzelstaaten; 22 Monarchien und drei freien Reichsstädten, dazu das „Reichsland“ Elsass-Lothringen. Im Siegestaumel hatten viele im Reich, Monarch wie Öffentlichkeit, die Annexion Elsass-Lothringens gefordert. Nur wenige hatten sich dagegen gewandt: Sozialisten wie Wilhelm Liebknecht und August Bebel, mit denen ein ordentlicher Bürger aber nicht sprach, und Johann Jacoby von der Fortschrittspartei, der dafür sogar verhaftet wurde. Bismarck hatte kühl kalkulierend zugestimmt – Frankreich würde immer feindlich gesinnt bleiben, da war es besser, diesen Feind gleich entscheidend zu schwächen.

Die Reichsverfassung von 1871 gab dem Kaiser und seinem Kanzler eine herausragende Stellung. Der Reichstag wurde in allgemeiner, gleicher, direkter und geheimer Wahl aller Männer über 25 Jahren gewählt. Der Bundesrat setzte sich aus Vertretern der Länderregierungen unter dem Vorsitz des Reichskanzlers zusammen. Die Länder behielten ihre eigenen Verfassungen und Parlamente und wahrten ihre Hoheit auf den Gebieten Recht, Kultus und Verwaltung.

Gründerzeit

Die wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands bekam durch die Einigung einen gewaltigen Schub: Nach den Jahrhunderten der Kleinstaaterei wurden jetzt reichsweit einheitliche Maße, Gewichte und die Goldmark als Währung eingeführt. Ein einheitliches Bürgerliches, Handels- und Strafrecht sowie ein gleicher Instanzenweg vom Amtsgericht bis zum Reichsgericht schufen Rechtssicherheit. Durch die französischen Reparationsleistungen kam ein „Milliardensegen“ ins Land. Die Wirtschaft boomte, neue Unternehmen schossen aus dem Boden, in den Großstädten und Industriegebieten entstanden neue Fabriken. Das Eisenbahnnetz wurde weiter erweitert, so fuhr 1871 eine Eisenbahn von Köln nach Niederlahnstein. Aus dem bislang agrarisch geprägten Land mit seinen vielen Städtchen und Dörfern wurde mit Volldampf ein Industrieland. Die Bevölkerung wuchs rapide, und immer mehr Menschen zogen in die Städte, viele als Arbeiter in die neuen Fabriken.

Wer das Geld hatte, kaufte Aktien und ließ sich eine prächtige Villa bauen. Um die Repräsentationsbedürfnisse des in der Gründerzeit reich gewordenen Bürgertums zu befriedigen, griff man in der Architektur auf frühere Stilrichtungen zurück, und mixte sie manchmal. Nicht nur in der Architektur, auch die Möbel sollten möglichst repräsentativ wirken mit dem „Erfolg“, das auch ein einfaches Schränkchen eine Fassade bekam wie ein Rathaus.

Österreich-Ungarn

Auch in Österreich-Ungarn ging es aufwärts, wirtschaftlich profitierte die Donaumonarchie von dem gemeinsamen Währungs-, Wirtschafts- und Zollgebiet, und diese neugewonnene Stärke nach den verlorenen Kriegen in Italien und gegen Preußen (1866) sollte auf der groß inszenierten Wiener Weltausstellung vom 1. Mai bis zum 2. November 1873 präsentiert werden. Auch näherte man sich dem Reich wieder an, Wilhelm I. war Bad Ischl gewesen, Franz Joseph im September 1972 in Berlin. Auf der Weltausstellung wollten 8000 deutschen Unternehmen ausstellen.

So sehr sich der lebenserfahrene Graf Csabany senior auch freute, dass es nach alle den Niederlagen wieder aufwärts ging, so machte er sich doch auch Sorgen. Mit vielen Anlegern schienen die Gäule durchzugehen, oft wich eine realistisch-optimistische Herangehensweise zunehmend der Spekulation, unseriösen Geschäftsmethoden war Tür und Tor geöffnet. In den Monaten vor der Weltausstellung stiegen die Aktienkurse an der Wiener Börse in astronomische Höhen, genauso wie die Immobilienpreise in Wien und anderen Städten der Habsburger Monarchie.

Außenpolitik

Mit der Reichsgründung hatten sich die Machtverhältnisse in Europa verändert. Deutschland war nun eine Großmacht mitten in Europa, das preußische Heer hatte seine Kampfkraft bewiesen. Frankreich war auf Jahre hinaus ein Feind; die anderen Mächte waren beunruhigt. Würde sich Deutschland mit dem Erreichten, dem Status einer europäischen Großmacht, zufrieden geben, oder wollte es mehr?

Reichskanzler Bismarck sah die Lage realistisch. Nun, da er sein Reich geschmiedet hatte, betonte er immer wieder „Deutschland sei saturiert“, auf weitere Eroberungen sei es nicht aus. Sein Albtraum war ein Bündnis zwischen Frankreich und Russland, weil es im schlimmsten Fall einen Zweifrontenkrieg bedeuten würde. Er suchte die Freundschaft mit Österreich, ohne mit Russland zu brechen. Im September 1872 trafen sich die Monarchen Wilhelm I. von Preußen, Franz Joseph I. von Österreich und Zar Alexander II. von Russland in Berlin; gut ein Jahr darauf im Oktober 1873 schlossen sie ihn Wien das Drei-Kaiser-Abkommen. Bismarck dachte schon weiter – allzu eng durfte sich das Deutsche Reich nicht an Österreich binden, denn der Balkan war ein Krisenherd, und zudem verfolgten Russland und Österreich hier unterschiedliche Interessen.

Krisen auf dem Balkan

Noch immer gehörten weite Teile des Balkans zum Osmanischen Reich; doch die christlichen slawischen Völker begehrten dagegen auf. Sie konnten dabei auf Russland zählen, denn dort drängten die Panslawisten den Zaren, die „unerlösten slawischen Brüder“ im Osmanischen Reich in ihrem Kampf um Unabhängigkeit zu unterstützen. Hinzu kam ein strategisches Interesse: Russland wollte freien Zugang zum Mittelmeer über das Schwarze Meer und den Bosporus. Aber auch in Österreich-Ungarn lebten viele Slawen, und ein allzu großer Einfluss Russland auf dem Balkan war nicht hinnehmbar für Österreich als Balkanmacht und auch nicht für England, das den Seeweg nach Indien kontrollieren und eine Vormacht Russlands in Asien unterbinden wollte.

Im Juli 1875 brachen in der Herzegowina, in Bosnien und in Thrakien Aufstände der christlichen Bevölkerung aus, Montenegro und Serbien schlossen sich an, im April 1876 auch Bulgarien. Aber die türkischen Truppen behielten wider Erwarten die Oberhand und nahmen grausame Rache an den Aufständischen. Dadurch wurden die europäischen Großmächte auf den Plan gerufen, allen voran Russland. Unterstützt von Serbien, Montenegro, Rumänien und bulgarischen Freiwilligen zog Zar Alexander II. in den Krieg gegen das Osmanische Reich und schlug es so vernichtend, dass er es fast aus Europa hinausgedrängt hatte. Vor den Toren Konstantinopels konnte er dem Sultan die Bedingungen diktieren: Verlust fast aller Gebiete in Europa, dafür sollte ein großes, bis an die Ägais reichendes Fürstentum Bulgarien entstehen. Für Österreich und England war das entschieden zu viel Machtzuwachs für Russland auf dem Balkan.

Berliner Kongress

Reichskanzler Bismarck bot seine Vermittlung an, um einen Ausweitung des Konflikts zu verhindern. Auf dem Berliner Kongress 1878 fand er als „ehrlicher Makler“ einen Ausgleich: Bulgarien entstand als selbständiger Staat, auch Russland bekam Landgewinne – doch das Osmanische Reich verschwand nicht von der Landkarte Europas. Serbien und Montenegro sowie Rumänien erhielten ihre Unabhängigkeit. Österreich-Ungarn bekam das Recht zugesprochen, Bosnien und Herzegowina zu besetzen und verwalten. Wirklich zufrieden waren die wenigsten Kongressteilnehmer, Russland fühlte sich gar von Bismarck betrogen, und die Interessen der Balkanvölker hatten kaum eine Rolle gespielt.

Politisches Kalkül hatte über die Interessen der Balkanvölker gesiegt, doch die Bosnier nahmen die Besetzung nicht einfach hin; im Kampf mit islamischen Freischärlern erlitten die österreichisch-ungarische Arme schwere Verluste erlitten, seither kam es immer wieder zu Aufständen, der Balkan wurde zum permanenten Krisenherd.

Bündnisse

Nach dem Berliner Kongress waren die deutsch-russischen Beziehungen gestört, die Freundschaft der Monarchen, die sich noch 1872 in Berlin zusammengefunden hatten, brach auseinander, das Drei-Kaiser-Abkommen wurde aufgekündigt. Nun suchte Bismarck die Annährung an Österreich-Ungarn, 1879 wurde der Zweibund geschlossen: sollte eine der beiden Mächte von Russland angegriffen werden, würde die andere mit ihrer gesamten Militärmacht helfen. Dennoch wollte Bismarck nicht ganz mit Russland brechen. 1881 brachte er ein Drei-Kaiser-Bündnis zustanden. Auch als es wenige Jahre später zerbrach, wollte Bismarck auf keinen Fall die Verbindung mit Russland abreißen lassen, sein Albtraum war nach wie vor ein Bündnis zwischen Frankreich und Russland gegen Deutschland. Es gelang ihm der Abschluss eines Rückversicherungsvertrags, in dem sich die beiden Mächte wohlwollende Neutralität zusicherten, falls Deutschland von Frankreich oder Russland durch Österreich-Ungarn angegriffen würde. 1882 schloss sich Italien Deutschland und Österreich-Ungarn an, der Dreibund entstand.

Kolonien

Verglichen mit den anderen europäischen Großmächten, deren Kolonialbesitz ihre Länder um ein Vielfaches übertrafen, hatte Deutschland unter Bismarck nur bescheidenen Kolonialbesitz erworben: in Togo, Kamerun, Südwest- und Ostafrika, Kaiser-Wilhelm-Land auf Neu Guinea, den Bismarck-Archipel und die Marshall-Inseln. Bismarck hatte stets außenpolitisches Gleichgewicht angestrebt; Deutschlands Sicherheit war Ziel seines komplizierten Bündnissystems gewesen, daher hatte er betont, Deutschland sei saturiert, auf weitere Eroberungen sei es nicht aus. Auch nicht auf Kolonien.

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