Die verhinderte Hochzeit

Charmbersburg, USA, 1864
Chambersburg, USA, 1864

[Rheinprovinz, 1865]
An einem herrlichen Sommertag am Rhein schien alles so lieblich und romantisch. Sophie war unendlich verliebt in Csabany. Würde nicht drüben in den USA, wo ihre Freunde und Verwandten lebten, ein schrecklicher Bürgerkrieg zwischen dem Norden und dem Süden toben, wäre sie der glücklichste Mensch auf der Welt. So aber litt sie mit ihren Verwandten und hoffte innig, dass bald Frieden geschlossen würde.

Dann kam ein Brief von Lorenz mit schlimmen Nachrichten: Heinrich Bergmann war tot, ermordet. Sein Weingut war verwüstet. Die ganze Familie war tief betroffen, und sofort begannen sie zum sammeln, damit Lena und ihr Mann nach Kriegsende hinüber fahren und beim Wiederaufbau des Weinguts helfen konnten. Auch Sophie und Csabany waren voll mit dabei. Doch auch in Deutschland war es nicht ruhig. Als Dänemark 1864 Schleswig annektieren wollte, zogen Preußen und Österreich gemeinsam in den Krieg und besiegten die Dänen bei den Düppeler Schanzen. Dänemark musste Schleswig-Holstein und Lauenburg als gemeinsamen Besitz an Österreich und Preußen abtreten.

1865 war der Krieg in die USA endlich vorbei, und Lena und Emil brachen in die USA auf. Sophie und Csabany brachten sie zum Bahnhof in Bonn, umarmten sie und wünschten ihnen alles erdenklich Gute. „Wenn Ihr wieder da seid, heiraten wir und feiern ein großes Fest“, versprochen sie. Sophie bewunderte ihre Freundin, und doch war ihr ein wenig beklommen, als sie ihr nachwinkte. Auch Csabany war bedrückt. „Was werden sie wohl drüben zu sehen kriegen“, dachte er, „und was mag uns noch bevorstehen?“ Spontan drückte er Sophie fester an sich.

Auch wenn niemand von Krieg redete und weder der König von Preußen noch der von Österreich ihn wollten – genauen Beobachtern war klar, dass sich die Situation zuspitzte. In Preußen war inzwischen ein Hardliner an der Macht, Otto von Bismarck. Csabany hatte gleich die politische Meisterschaft dieses Mannes erkannt und seine entschiedene Grundhaltung, dass der Vielvölkerstaat Österreich dem überwiegend deutschen Preußen die Vorrangstellung in Deutschland abtreten sollte. Schon ein Satz aus seiner programmtischer Rede 1862 vor dem preußischen Abgeordnetenhaus hatte aufhorchen lassen: „Nicht auf Preußens Liberalismus sieht Deutschland, sondern auf Preußens Macht – nicht durch Reden oder Mehrheitsbeschlüsse werden die großen Fragen der Zeit entschieden, sondern durch Eisen und Blut“.

Nun verhandelte Bismarck als preußischer Ministerpräsident mit dem französischen Kaiser Napoleon III., und es war offensichtlich, dass es dabei auch gegen Österreich ging. Auch die Berichte des österreichischen Gesandten in Berlin, Graf Károlyi, wiesen immer wieder darauf hin, dass Bismarck es auf einen Krieg gegen Österreich abgesehen hatte. Aber Csabany konnte sich nicht vorstellen, dass König Wilhelm dem zustimmen würde – nicht der König, der als kleiner Junge mit seiner Familie im bitterkalten Winter vor Napoleon I. nach Ostpreußen geflohen war.

Kaum jemand in Deutschland wollte diesen Krieg. Viele Petitionen gegen den Krieg wurden eingereicht, die Landräte und Zeitungen berichteten von der fast einhelligen Ablehnung in den Rheinlanden. Am 7. Mai verübte ein junger Mann ein Attentat auf Bismarck, um der Kriegstreiberei ein Ende zu setzen.

Dann ging alles ganz schnell. Mit dem jungen Staat Italien hatte Bismarck im April 1866 ein Bündnis geschlossen, das eine Kriegserklärung an Österreich innerhalb von drei Monaten einschloss. Ein Disput über die Verwaltung der Herzogtümer Schleswig und Holstein wurde vom Zaun gebrochen, und Bismarck war nun zum Krieg gegen Österreich und seinen Kaiser Franz Joseph I. entschlossen, obwohl sein König den drohenden „Bruderkrieg“ nicht wollte. Nun ergab eine Handlung die nächste: Am 9. Juni 1866 marschierten preußische Truppen in Holstein ein, das unter österreichischer Verwaltung stand. Österreich beantragte in der Bundesversammlung die Mobilmachung des Bundesheers zu einer Bundesexekution gegen Preußen. Am 14. Juni 1866 kam es zur alles entscheidenden Sitzung der Bundesversammlung in Frankfurt. Die Mehrheit folgte dem Antrag Österreichs – Preußen aber betrachtete es als Kriegserklärung.

Sophie war verzweifelt. Ihre Heimat gehörte zum Königreich Preußen, das gegen das Land ihres Verlobten Krieg führen würde. Bald nach der Kriegserklärung Preußens hatte Familie Csabany in aller Eile Frankfurt verlassen. Graf Andras war gleich nach dem Beschluss und der Abreise des preußischen Gesandten klar gewesen, dass es Krieg geben würde. Noch in derselben Nacht war er zu Sophie geeilt. „Ich weiß, mein Liebling“, sagte er, „Du hasst diesen Krieg genauso wie ich ihn hasse. Eure Königin hasst ihn wie unsere Kaiserin. Und doch hat Bismarck ihn durchgedrückt.“ „Es tut mir weh, dass dieser Krieg viele Menschen, die Verwandte und Freunde sind, nun auf verschiedene Seiten zwingt“, sagte bedrückt, „ich bete, dass es bald vorbei ist, und dass wir danach wieder zusammenkommen. Doch ich kann unsere Männer in der Not nicht alleine ziehen lassen, mein Leben lang wäre ich ein Mann, der vor seiner Verantwortung geflohen ist, und ich würde mich auf ewig ehrlos fühlen.“ Sophie kannte ihn zu gut, um zu widersprechen. Sie umarmten sich innig, dann eilte Csabany zurück nach Frankfurt; früh am nächsten Tag würde er mit seiner Familie abreisen.

Am 19. Juni erklärte Preußen Österreich den Krieg. Noch im Juni 1866 marschierten preußische Truppen in Sachsen, Hannover und Hessen ein; Hannover wurde annektiert, die Welfen entthront, ihr Privatvermögen zu Bismarcks Reptilienfond. Auch die mit Österreich verbündeten Mittelstaaten wurden schnell besiegt.

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