Die Separatisten schlagen los

Die grün-weiß-rote Separatistenflagge
Die grün-weiß-rote Separatistenflagge

[Rheinprovinz, Oktober 1923]

Die junge Weimarer Republik durchlitt ihr schwerstes Jahr. In den besetzten Gebieten waren viele Menschen demoralisiert und fühlten sich von der Regierung im fernen Berlin im Stich gelassen.

Düsseldorfer Blutsonntag

Die Separatisten um Matthes sahen ihre Stunde gekommen. Schon am 30. September 1923 hatten sie versucht, in Düsseldorf die Macht zu übernehmen. An diesem Sonntag waren Tausende Separatisten durch Düsseldorf gezogen. Doch kein Düsseldorfer war auf der Straße, alle Vorhänge waren zugezogen, alle Türen verschlossen. Die Mehrheit wollte keine Rheinische Republik unter dem Protektorat Frankreichs. Dann waren Schüsse gefallen, die Lage war eskaliert – und französisches Militär war den Separatisten zu Hilfe gekommen. Mindestens 10 Personen waren getötet, 150 verletzt worden. Wenig später hatten französische Militärgerichte Düsseldorfer Polizisten zu langen Haftstrafen verurteilt.

Lottie war alarmiert. „Das wird den Separatisten Auftrieb geben“, dachte sie, „jetzt können sie davon ausgehen, dass die französische Besatzungsmacht sie stützt. Gegen uns.“ Dann rief sie ihre Familie zusammen. Seit Jahren waren sie nicht mehr zur Ruhe gekommen und nach allem was man gehört hatte, musste man die wenige Vorräte in Sicherheit bringen. Es gab viele Bereiche des Lebens, in die Recht und Gesetz nicht hinreichten, wo Willkür und Gewalt herrschten und die Menschen so gut es ging selbst für sich und die Ihren sorgten. „Wein haben wir genug“, sagte sie, „lasst‘ ihn uns so hinstellen, hier auf dem Gut und im „Stübchen“ dass sie ihn finden, vielleicht lassen sie dann von anderem ab.“

Die Separatisten schlagen los

Dann kamen beunruhigende Nachrichten: Am 21. Oktober hatten Separatisten in Aachen geputscht; auch in Koblenz versuchten sie, die Macht zu übernehmen. Nun ging es Schlag auf Schlag. Am 24. Oktober besetzten Separatisten um Joseph Natter Bonn.

Am 25. Oktober 1923 rückte eine Gruppe überwiegend ortsfremder Separatisten in Königswinter ein, besetzte das Rathaus mit Waffengewalt und drangsalierte die Bürger – und das alles unter dem Schutz der französischen Soldaten. Auf dem Marktplatz hatte es eine Schießerei gegeben. Nun wehte die grün-weiß-rote Fahne vom Rathaus.

Am nächsten Tag dann die Verkündigung aus Koblenz: Am 25. Oktober 1923 hatten Separatisten das Koblenzer Schloss besetzt, am 26. Oktober 1923 wurde eine „Vorläufige Regierung der Rheinischen Republik“ mit Franz Josef Matthes an der Spitze gebildet. „Unter selbstverständlicher Achtung der bestehenden Autorität der Besatzungsbehörde .. wolle sie alle notwendigen Maßnahmen treffen“, las Matthias aus der Zeitung vor, „und dieser Tirard hat sie auch noch anerkannt! Als Resultat einer politischen Revolution am 26. Oktober 1923. Ha!“ „Ohne den Schutz der französischen Soldaten wären sie kläglich gescheitert“, meinte Lottie, „diese Regierung hat doch überhaupt keinen Rückhalt bei den Menschen! Wie will sie regieren?“

Requirierungen und Plünderungen

Die „Vorläufige Regierung der Rheinischen Republik“ stellte eigene „Rheinland-Schutztruppen“ auf, denen sich die unterschiedlichsten Personen aus den unterschiedlichsten Gründen anschlossen. Nun gab die Regierung neu gedrucktes Papiergeld aus und ordnete „Requirierungen“ im ganzen Land an. Damit setzte eine massive Welle von Plünderungen durch die „Rheinland-Schutztruppen“ ein.

Auch Kathi litt in diesen Tagen. Tagsüber hielt sie ihr „Stübchen“ aufrecht, und sah immer wieder Separatisten Dinge „requirieren“. Manche traten sehr dreist auf, verlangten in hochfahrender Weise nach allem, was sie brauchen konnten. Wieder andere schienen ihr schlichtweg kriminell. Es kostete sie viel Kraft, ruhig zu bleiben. Doch diese Separatisten waren bewaffnet, und hinter ihnen stand die französische Besatzungsmacht. Andere schienen ihr fast verlegen. Vielleicht waren diese abgerissenen Gestalten Ausgewiesene, arbeitslos und ohne jegliches Einkommen, und ohne Zuhause. Der Krieg hatte viele Menschen entwurzelt, und Jahre der Not und Ausweglosigkeit ließen manchen nach jedem Strohhalm greifen, der ein wenig Lohn und Brot versprach. „Mehr als ein Strohhalm wird es nicht sein“, dachte Kathi. Die wenigsten Menschen hier wollen zu Frankreich, auch wenn wir gerade nicht viel Vertrauen in Preußen haben. Und diese Regierung von Tirards Gnaden kommt nicht als Retter, sondern als Plünderer daher.“

Kampf im Siebengebirge

Am 10. November besetzten Separatisten das Rathaus in Linz, am 12. November Bad Honnef. Die Separatisten fuhren wiederholt in die umliegenden Dörfer, um Lebensmittel zu requirieren, oder, aus Sicht der Menschen dort, zu stehlen. „Sicherheitswehren“ wurden gebildet. Drohte Gefahr, wurden sie durch Werkssirenen und Alarmglocken mobilisiert.

Am Abend des 14. November saßen auch die Heimwehren aus Aegidienberg und Umgebung in einer Aegidienberger Gaststätte zusammen und bereiteten sich auf drohende Plünderungen vor. Bergbauingenieur Hermann Schneider, ein erfahrener Frontoffizier, übernahm die Führung. Obwohl das Waffentragen verboten war, sammelte man was immer man finden konnte: Karabiner und Handfeuerwaffen aus dem Krieg ebenso wie Äxten, Knüppeln und Heugabeln. Lebensmittel wurden gespendet. Gegen die Zusage der Bauern, sie mit Lebensmitteln zu versorgen, schlossen sich auch Arbeiter der Heimwehr an.

Am Nachmittag des 15. November fuhren zwei mit Separatisten besetzte Fahrzeuge in den Aegidienberger Ortsteil Himberg ein. Dort standen dreißig bewaffnete Steinbrucharbeiter Wache. Peter Staffel, ein junger Schmied aus Hühnerberg, trat zu dem ersten Wagen und wollten die Separatisten zum Abzug bewegen. Er wurde sofort erschossen. Die Steinbrucharbeiter eröffneten das Feuer, die Separatisten flohen ins Schmelztal, Richtung Honnef. Auf dem Weg stießen sie auf die gut verschanzten Truppen Hermann Schneiders, die ihre Fahrzeuge erbeuteten und sie endgültig in die Flucht schlugen. Bei dem Gasthof Jagdhaus im Schmelztal sammelten sich die Separatisten und forderten Verstärkung an.

Am nächsten Tag, es war der 16. November, zogen eine starke Separatistentruppen Richtung Aegidienberg. Ein Truppenteil unter der Führung eines Herrn Rang fand bei Hövel eine Lücke in der Verteidigungslinie. Fünf Einwohner wurden als Geiseln genommen und, an Pfähle gefesselt, in die Schusslinie gegen die anrückenden Verteidiger gestellt. Eine der Geiseln, Theodor Weinz, kam dabei um. Inzwischen waren Kämpfer der Sicherheitswehr aus allen Gegenden herbeigeeilt und machten nun Jagd auf die „heillos Flüchtenden“. Mindestens vierzehn Separatisten wurden getötet, die meisten starben durch Axthiebe. Später wurden sie auf dem Aegidienberger Friedhof in einem Massengrab ohne Namensnennung bestattet.

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*