Deutsch-Französischer-Krieg

[Deutschland und Frankreich, 1870/71]

1870 war es soweit. Bismarck ließ eine diplomatische Krise eskalieren. Die Spanier hatten ihre Krone Leopold von Hohenzollern-Sigmaringen angeboten, und der hatte zunächst zugestimmt. Als König Wilhelm die politische Tragweite klar wurde, zog Leopold seine Kandidatur eilig zurück.

Die „Emser Depesche“

Doch das reichte der französischen Regierung nicht – König Wilhelm sollte sich auch noch verpflichten, auch künftig keiner Kandidatur des Prinzen mehr zuzustimmen. Der französische Botschafter bedrängte König Wilhelm I. während eines Kuraufenthalts in Bad Ems. So konnte man mit Seiner Majestät nicht umgehen – dennoch wahrte Wilhelm I. die Form und wies den Botschafter höflich, aber bestimmt zurück. Die Angelegenheit schien erledigt und König Wilhelm informierte Bismarck in einem Telegramm vom 13. Juli 1870. Bismarck, ein Meister im Umgang mit der Presse, gab dem Telegramm aus Bad Ems allein durch Streichungen eine deutlich schärfere Fassung, die einer Abkanzlung Frankreichs gleichkam. In dieser Form gab er die „Emser Depesche“ an die Presse weiter. Beide Seiten waren empört.

Jetzt sollten die Waffen entscheiden. Am 19. Juli erklärte Frankreich den Krieg. Überall in Deutschland war das Nationalgefühl stärker als alles andere, Männer aus allen Teilen Deutschland meldeten sich freiwillig. Als Wilhelm I., Bismarck und Moltke im August 1870 auf dem Weg an die Front in Köln ankamen, wurden sie begeistert empfangen. Die geheimen Schutz- und Trutzbündnisse mit den süddeutschen Staaten griffen; auch viele Bayern wollten nicht zurückstehen. Die Eisenbahn brachte die Soldaten an die Front; mit dem Lied von der „Wacht am Rhein“ zogen viele in die Schlacht.

Auch Emil Bergmann muss in den Krieg

Sophies Freundin Lena war untröstlich. Ihr Mann Emil war eingezogen worden. Und während überall im Reich ein überschäumender Patriotismus andere Gefühle wegfegte, hatte sie noch die Bilder von Amerika vor Augen. „Wir haben es immer wieder gesehen“, sagte sie stockend, „so viele Familien haben Männer, Väter, Söhne und Brüder verloren, ganze Ortschaften sind zerstört, Äcker und Felder, soviel Tod und Zerstörung, die den Süden auf Jahre zurückstoßen. Und dann der ganze Hass!“

Sophie stand ihr so gut es ging zur Seite, gemeinsam stemmten sie die viele Arbeit auf dem Weingut und gaben einander Halt. Wie so oft saßen sie auch an diesem Abend zusammen. Sophie über einer Handarbeit, Lena über ihren Abrechnungen. „Jetzt verstehe ich, was Annelie gemeint hat“, begann Lena, während des Bürgerkriegs in den USA, der auch ihre Familie trennte, hatten sie in ihrem Landgasthof ein Lazarett eingerichtet, und die Männer kämpften in einer Spezialeinheit, die Kriegsgewinnlern das Handwerk legen wollte. Annelie war froh, dass sie bis spät abends arbeitete und Nachts vor Erschöpfung einschlief, sonst hätten die Sorgen ihre jede Kraft genommen.“ Auch Sophie hing ihren Gedanken nach. Sie alle hatten gesammelt, damit Lena und Emil nach dem Krieg in die USA reisen konnten, um ihrer amerikanischen Familie beizustehen und deren Weingut in Virginia zu retten. Auch ihr Mann, Graf Andras Csabany hatte mitgemacht. „Ich würde Annelie so gerne einmal kennenlernen“, sagte sie leise, „denkst Du, dass es irgendwann einmal möglich sein wird?“ „Bestimmt“, sagte Lena, „wir haben schon so viel durchgestanden, wir müssen daran glauben.“

Sedan

Anfang August drangen preußische Truppen, unterstützt von Bayern und anderen deutschen Staaten unter dem Kommando Helmuth von Moltkes in Frankreich ein, und bald war die Hauptarmee der Franzosen in Metz eingeschlossen. Ein französisches Entsatzheer wurde bei Sedan eingeschlossen und geschlagen; fast die ganze Armee und Kaiser Napoleon III. selbst gerieten in Gefangenschaft.

Reichsgründung in Versailles

Nach dem Sieg bei Sedan warb Bismarck bei den deutschen Fürsten für ein vereintes Kaiserreich. Nun, im patriotischen Überschwang, gaben auch die zögernden Fürsten nach. Bismarck brachte sogar den lange widerstrebenden Bayernkönig Ludwig II. als ranghöchsten Fürsten nach dem Preußenkönig dazu, König Wilhelm die Kaiserwürde anzutragen. Erst danach erschien eine Abordnung des Norddeutschen Reichstages – ein fundamentaler Unterschied zu 1848/49. Am 18. Januar 1871 wurde König Wilhelm I. im Spiegelsaal des Schlosses von Versailles in Gegenwart von Fürsten, Heerführern und Soldaten zum deutschen Kaiser Wilhelm I. ausgerufen.

Das neue Reich war ein Bundesstaat mit fünfundzwanzig Einzelstaaten; 22 Monarchien und drei freien Reichsstädten, dazu das „Reichsland“ Elsass-Lothringen. Die Reichsverfassung von 1871 gab dem Kaiser und seinem Kanzler eine herausragende Stellung. Der Reichstag wurde in allgemeiner, gleicher, direkter und geheimer Wahl aller Männer über 25 Jahren gewählt. Der Bundesrat setzte sich aus Vertretern der Länderregierungen unter dem Vorsitz des Reichskanzlers zusammen. Die Länder behielten ihre eigenen Verfassungen und Parlamente und wahrten ihre Hoheit auf den Gebieten Recht, Kultus und Verwaltung.

Dabei wurde in Frankreich noch immer gekämpft. Nach der Niederlage Napoléons III. wurde die Republik ausgerufen, ein Volkskrieg gegen die feindlichen Truppen begann; erst am 28. Januar 1871 kapitulierte Paris. Im Mai 1871 wurde in Frankfurt Frieden geschlossen, doch es waren sehr harte Bedingungen: Frankreich musste fünf Milliarden Francs Kriegsentschädigung zahlen, und vor allem Elsass und Lothringen abgeben.

Lena Bergmann war erleichtert, als sie endlich einen Brief von Emil bekam. Es ging ihm gut, bis auf ein paar Kratzer war er unverletzt, doch die schrecklichen Bilder der sterbenden und verwundeten Soldaten und der verwüsteten Orte gingen verfolgten ihn bis in den kurzen, unruhigen Schlaf. Noch einige bange Wochen vergingen, dann konnte Lena ihren Emil endlich wieder in die Arme schließen.

Ein wichtiger Brief an Lorenz in Amerika

Kurz darauf schrieb sie zusammen mit Sophie einen Brief an Lorenz in Amerika. „Endlich ist es vorbei, und gebe Gott, dass wir bald in Frieden leben können. Nun, wo Preußen alles erreicht hat was Bismarck wollte, werden sie bestimmt gnädiger sein, und Du kannst endlich wieder herkommen. Sophie möchte Dich unbedingt wiedersehen. Sie ist so tapfer all die Jahre, in denen sie ihren Mann kaum sieht. Bald wird Graf Csabanys Dienstzeit im fernen Galizien zu Ende sein, und wir haben die Hoffnung, dass er nicht woanders hin versetzt wird, sondern an der Seite seines Vaters in den diplomatischen Dienst treten kann.“ Nun nahm Sophie die Feder in die Hand und schrieb weiter: „Ich hoffe so sehr, dass die Kriege jetzt endlich vorbei sind, und dass wir wieder in Frieden leben und zusammen sein können. Wie Du weißt, ist Österreich-Ungarn in diesem Krieg gegen Frankreich neutral geblieben, so gilt er auch hier nicht als Feind. Wir wollen eine Familie gründen. Du musst ihn unbedingt kennenlernen.“

Drüben in Amerika hatte Lorenz bange auf Nachrichten von seiner Familie in Deutschland gewartet. Briefe über den Atlantik dauerten in jenen Jahren, und mit jedem Tag war seine Sorge gewachsen. Endlich hielt er Lenas Brief in den Händen. Wie gerne würde er sie alle wiedersehen, und mit Sophie einen Hochzeitswalzer tanzen, all das schrieb er in seiner Antwort und fragte, ob er noch etwas zu befürchten hätte von den preußischen Behörden. In ihrem nächsten Brief konnte seine deutsche Familie ihn beruhigen, und dieser Brief enthielt ein ganz besonderes PS von Lena. „Jetzt solltest Du aber wirklich eine Schiffspassage buchen. Emil und ich bekommen ein Kind!“

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