Der lange Schatten des Krieges

Weingut Bergmann nach dem Krieg
Weingut Bergmann nach dem Krieg

[Deutschland, Anfang 1919]

Millionen Soldaten waren gefallen, Hundertausende Menschen verhungert, und die junge Republik kämpfte gegen erdrückende Lasten. Es gab viel Hunger, Wohnungsnot und Verelendung.

Versorgung im „Stübchen“

„So mein Schatz, ein bisschen Petersilie und ein paar Gläser Hagebuttenmarmelade habe ich noch für Euch!“ Mit Schwung stellte Lottie ihre Kiste auf der Theke des „Stübchens“ ab. „Die Petersilie hat Eisen, und die Hagebutte Vitamin C.“ Kathi staunte .. woher ihre Mutter Lottie nur die Kraft nahm! Lottie Bergmann, geborene Komtess Charlotte Csabany, stolze Herrin einer der renommiertesten Weingüter der Region. Doch in den letzten Jahren hatte sie in der Erde gebuddelt, gepflanzt, geerntet und die härteste Arbeit gemacht, um ihre Leute einigermaßen über die Runden zu bringen. Das sah man ihr an. Sie war abgemagert, ihre Hände zeugten von schwerer Arbeit, graue Strähnen durchzogen ihr Haar. Doch nichts konnte ihrer natürlichen Anmut und Würde etwas anhaben.

Während des Krieges hatte die Blockade die Einfuhr ausländischer Weine verhindert, so dass die Nachfrage nach deutschem Wein bald größer war als das Angebot. Zudem waren die Jahrgänge 1915 und 1917 herausragend. Sie hatten gut verkauft, aber nie wie andere Betriebe Wucherpreise verlangt, und mit den Gewinnen die Suppenküche finanziert. In ihrem „Stübchen“ wollten Bergmanns einfach helfen, die schlimmste Not zu lindern. Täglich starben hunderte Menschen an Unterernährung, Tuberkulose oder anderen Krankheiten. Besonders die Kinder litten. Noch immer standen viele Menschen stundenlang Schlange vor Lebensmittelläden und an den Armenküchen. Oft genug führte der Kampf ums nackte Überleben in die Kriminalität.

Invaliden

Viele Familien hatten jemanden verloren. Immer mehr invalide Männer kamen nun in die Heimat zurück. Auf den Straßen und Wegen sah man Männer ohne Arme oder ohne Beine, die sich mithilfe eines Holzwägelchens mühsam fortbewegten, und Männer, denen Gesichtspartien fehlten. Prothesen gab es erst nach und nach. Traumatisierte Menschen, die einen „Nervenschock“ erlitten hatten, etwa durch die nahe Detonation einer Granate, und teils am ganzen Leib unkontrolliert zitterten. Die wenigsten bekamen eine angemessene Therapie. Was der Krieg in den Seelen der Soldaten angerichtet hatten, mochte sich Kathi kaum ausmalen. Da hatte ihr Vater Matthias fast noch Glück gehabt.

Eine kleine Revolution mit der Nähnadel

Bevor Kathi weiter sinnieren konnte, ging die Tür wieder auf, nun kam ihr Vater Matthias hinein, voll bepackt mit allen möglichen Stoffen. „Das Hotel auf dem Petersberg hat sie aussortiert“, sagte er, „vielleicht kann die Helene etwas damit anfangen.“ Helene, eine ältere Dame, war eine der Näherinnen, die während der Kriegsjahre im Stübchen Unterschlupf gefunden hatten, und wenigstens ein bisschen Geld hinzuverdienen konnten. Schon kam sie aus dem Nebenzimmer und schaute sich die Sachen an. Da waren kaputte Bettlaken, Tischdecken, die man nicht mehr sauber bekam, kleine Teppiche, die durch Rauchlöcher nicht mehr brauchbar waren. „Viel ist es wohl nicht“, meinte Matthias bedauernd. „Ach wo“, sagte Helene, und auf einmal ging eine ungeheure Energie von ihr aus. „Wir nehmen die guten Teile und setzen sie neu zusammen. Wer sagt denn, dass Flickenkleidchen nicht auch schön werden können? Und aus diesen Teppichen hier .. hmm .. sie sind etwas dünn, aber daraus machen wir Mützen und Kappen. Ich weiß, gnädige Frau, es sind nicht die Kreationen Ihrer Mama selig, aber sie müssten im Winter die Ohren warm halten.“

Alle um sie herum staunten nur noch. Das war schon eine kleine Revolution mit der Nähnadel, die die kleine rundliche Dame mit dem wilhelminisch klingenden Namen und dem wilhelminisch anmutenden Haarknoten da vorschlug. „Aber wie mit normalen Nadeln da durch kommen, hm ..“ „Da kann unser Walter bestimmt helfen“, sagte Lottie freudig, „der ist technisch sehr begabt. Und sagen Sie doch nicht gnädige Frau zu mir.“

Gib‘ die Hoffnung nicht auf

Dann wandte sich Lottie ihrer Tochter zu. Sie wusste, Kathi und Max wollten heiraten. Doch wie wollte man unbeschwert feiern, wenn überall nur Not und Elend war? „Gib‘ die Hoffnung nicht auf“, sagte sie, „Max hat Arbeit bei der Eisenbahn, das ist schon einmal viel wert. Ihr seid jung, Ihr liebt Euch, Ihr werdet das schaffen! Nun, da die Susan wieder voll mit an Bord ist, machst Du Deinen Abschluss als Winzerin. Du kannst ja eh längst alles. Dann habt Ihr beide etwas in der Tasche. Wer weiß, was hier noch werden wird.“ Kathi lächelte. Ja, die nächsten Jahre würden noch sehr hart für sie alle werden. Aber sie gaben einander Kraft.

Wiedersehen mit Joscha

Im März, nach dem Treffen des österreichischen Außenministers mit seinem deutschen Kollegen in Berlin, sahen sie endlich auch Joscha wieder. Er wirkte müde und abgekämpft, aber auch froh, seine Familie und seine Freunde am Rhein wiederzusehen. Auch Marie war überglücklich. Sie mochte Joscha schon seit langem, und ihr Briefwechsel während der Kriegsjahre hatte sie sehr vertraut miteinander gemacht. Nun gingen sie am Rheinufer entlang und genossen die kurze Zeit zusammen, bevor Joscha zurück nach Ungarn ging.

„Wir sind besiegt, unsere Donau-Monarchie gibt es nicht mehr, wer weiß was die Sieger über uns bestimmen“, sagte Joscha traurig, „niemand wird uns mit offenen Armen und roten Teppichen empfangen. Willst Du wirklich Dein Leben mit einem nicht mehr ganz jungen Diplomaten verbringen, der noch nicht einmal weiß, wo er künftig hingehört?“ Marie zeigte auf die Stelle, wo jahrelang die ‚Aimée‘ gelegen hatte, und Tränen stiegen ihr in die Augen. „Schau, unsere ‚Aimée‘ fuhr für Deutschland und Frankreich auf dem Rhein“, sagte sie dann, „auf ihre Weise war auch sie eine Diplomatin. Jetzt gibt es sie nicht mehr. Wir müssen mithelfen, dass unsere Länder wieder im Frieden miteinander leben. Papa, Hans und Deine Eltern wären sonst sehr enttäuscht von uns. Und ja, ich möchte mein Leben mit Dir verbringen! Du wirst jetzt bestimmt sagen, dass es zu gefährlich ist, all das weiß ich, doch ich möchte mit Dir nach Ungarn gehen.“

„Mama wollte Papa auf dieser letzten gefährlichen Fahrt mit der ‚Aimée‘ begleiten, nur wegen mir hat sie es nicht getan, Papa hatte sie so sehr darum gebeten. Sie wird es sehr gut verstehen, dass ich nun bei Dir sein möchte. Und Mama ist nicht alleine, sie hat die allerbesten Freunde und Jakob, der sie fast wie eine Tochter liebt, und wir sind ja nicht aus der Welt.“

Gräfin Marie Csabany

Einige Tage später brachen Marie und Joscha, Susan und Lottie und Matthias nach Ungarn auf. Joscha und Marie würden im engsten Familienkreis auf dem Landgut der Csabanys heiraten. Lottie und Matthias hatten darauf bestanden, Susan zu begleiten. „Bei aller Freude mit den beiden wird die Rückfahrt ohne Marie vielleicht etwas traurig für Dich sein“ hatte Lottie gesagt, „so wie es damals für meine Mama war, als Papa in Galizien strafversetzt war und sie ihn nur selten sah. Damals sind Deine Eltern mit ihr gefahren, und nun fahren wir mit Dir.“

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