Der autoritäre Reichspräsident

Reichspräsidentenwahl 1932
Reichspräsidentenwahl 1932

[Deutschland, 1931/32]

Reichspräsident Hindenburg, der „Held von Tannenberg“ aus dem Krieg, war bei seinem Volk ungeheuer populär. Er war in den Medien präsent, Straßen und Plätze, ja sogar der nach Sylt gebaut Damm wurden nach ihm benannt. In dieser existenzbedrohenden Situation vertrauten viele auf den „alten Herrn“ an der Spitze des Staates, dass er wieder für Ordnung zu sorgen und die richtigen Leute an die Macht bringen würden.

Mehr nach Rechts

Seine Popularität bestärkte Hindenburg darin, wie damals als Generalfeldmarschall nun als Staatsoberhaupt zu kommandieren. Entsprechend autoritär interpretierte er die Rechte seines Amtes, nun setzte er allein nach seinem Ermessen Regierungen ein. Ein Leben lang fühlte er sich Gott, dem Kaiser und der Armee verpflichtet, nicht den Parteien.

Eine Kabinettskrise führte Anfang Oktober 1931 zu einer Umbildung des ersten Kabinetts Brüning. Die Kamarilla um den Reichspräsidenten drängte auf eine deutlich rechtere Politik und eine Kabinettsumbildung – auch Hindenburg selbst wollte die Minister loswerden, die ihm zu katholisch oder zu links waren. Am 7./9. Oktober 1931 wurden mehrere Minister ausgetauscht, unter ihnen Innenminister Joseph Wirth, der bislang zwischen Kabinett und SPD-Fraktion vermittelt hatte.

Kathi und Max waren tief betrübt. Auch sie konnten den ohnehin volksfernen Reichskanzler nicht richtig einordnen. War seine Regierung der letzte Versuch, wenigstens die Republik zu retten, oder wollte er sie über das Präsidialsystem zur Monarchie zurückführen? Oder war der ehemalige Fraktionsvorsitzende, ehrlich bemüht um einen Kompromiss zur Rettung der letzten vom Parlament gestützten Großen Koalition unter Hermann Müller, nun ins Lager der Parlamentsfeinde gewechselt? Das würde man nicht wissen. Fest stand, dass sein zweites Kabinett definitiv „mehr nach rechts“ war, ganz im Sinne der ostpreußischen Standesgenossen Hindenburgs. In diesen Kreisen wollte man keine Aussöhnung, sondern Revanche, keine Republik, sondern eine autoritäre Staatsform. „Wäre das Kabinett ein Schiff, könnte man von einem Seelenverkäufer sprechen“, dachte sie, „hat Brüning denen seine politische Seele verkauft?“

Kontakte zur NSDAP

Hindenburg aber wünschte sich eine noch stärkere Wende nach rechts und wollte sondieren, inwieweit die NSDAP in die Regierungsverantwortung eingebunden werden konnte. Am Nachmittag des 10. Oktober 1931 empfing er Hitler in Berlin. Der Empfang war frostig, denn der 84jährige Hindenburg fühlte sich von den „Deutschland erwache“ Slogans der Nazis gekränkt. Er war noch immer der Sieger von Tannenberg, der Befreier von Ostpreußen, geistig topfit, ein Generalfeldmarschall, der kommandieren und wenn nötig mit der Faust auf den Tisch hauen konnte. Die Nazis hielt er für unerzogen und ungehobelt. Und doch sah er, dass da eine junge, dynamische nationale Bewegung war, die wie er die nationale Einheit des deutschen Volkes und eine nationale Widergeburt wollte. Diszipliniert und unter seiner Regie konnten die Nationalsozialisten durchaus hilfreich sein kann. Den Emporkömmling Hitler, den „böhmischen Gefreiten“ würde er schon in Schach halten können.

Reichskanzler Brüning aber stand bald ziemlich alleine zwischen den Fronten.

Harzburger Front (11.10.1931)

Schon einen Tag später, am 11. Oktober 1931 in Bad Harzburg, machte die Rechte mobil. Auf Initiative von Alfred Hugenberg versammelten sich hier seine DVNP mit dem Stahlhelm und befreundeten Organisationen, Hitlers NSDAP und prominenten rechtskonservative Personen wie dem Kaisersohn Eitel Friedrich, Ex-General Hans von Seeckt und Ex-Reichsbankpräsidenten Hjalmar Schacht. Stärke und Geschlossenheit wollten sie demonstrieren, die Großkundgebung der „Harzburger Front“ sollte das Signal zum Angriff geben – auf Reichskanzler Brüning und die ganze ihnen verhasste Weimarer Republik.

Doch es war keine geschlossene Front. Vor allem Adolf Hitler und Joseph Goebbels ging auffällig auf Distanz zu den übrigen Teilnehmern und zeigten wenig Kooperationsbereitschaft. Ihr ganzes Auftreten machte klar, dass sich Hitler nie anderen unterordnen würde – im Gegenteil, er unterstrich seine Geringschätzung und seinen unbedingten Führungsanspruch. Eine Woche später in Braunschweig ließ er 100.000 Nationalsozialisten aufmarschieren.

Eiserne Front

Als Gegenmaßnahme gründeten die SPD, der Allgemeine Deutsche Gewerkschaftsbund und das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold am 16. Dezember 1931 die Eiserne Front, mit Otto Wels von der SPD an der Spitze. Sie wollten nicht länger in der Defensive bleiben und sagten der radikalen Rechten dem Kampf an. Vielleicht hatten die Radikalen doch noch nicht gewonnen! Die Stimmen der SPD verhinderten am 16. November 1931 das Misstrauensvotum der Harzburger Front im Reichstag gegen Brüning, dem sich die DVP und auch die KPD angeschlossen hatten.

Der politische Kampf spielte sich mehr und mehr auf der Straße ab; immer mehr dominierten die Kampfverbände, SA und SS sowie Stahlheim auf der extremen Rechten, Roter Frontkämpferbund auf der extremen Linken. Die SA war längst eine schlagkräftige und straff gegliederte Organisation mit über 200.000 Mitgliedern und terrorisierte die Straße. Immer wieder kam es zu Straßenkämpfen, Überfällen bis zum Todschlag politischer Gegner.

Reichspräsidentenwahl 1932

In dieser angespannten Situation lief die erste Amtszeit des Reichspräsidenten ab. Im ersten Wahlgang konnte sich kein Kandidat durchsetzen; im zweiten Wahlgang stellten die Rechten Hitler auf. Da nur Hindenburg ihn schlagen konnte, stellten sich SPD, Zentrum und andere demokratische Parteien hinter ihn.

Am Morgen des 10. April 1932 warteten Max und Kathi mit vielen anderen Menschen vor dem Wahllokal. Ihrer beider Miene war bedrückt. „Dass wir jetzt Hindenburg wählen …“ sagte Kathi traurig. Für Wilhelm Marx hatten sie vor sieben Jahren gerne gekämpft, nun waren die Republikaner chancenlos, man konnte nur noch Hitler verhindern.

Noch einmal siegte Hindenburg am 10. April 1932, auch dank Brünings aufopferndem Einsatz. Doch dass er seine Wiederwahl der SPD und den Katholiken verdankte, während „seine Leute“ von der Rechten für Hitler gestimmt hatte, nahm er seinem Kanzler ausgesprochen übel.

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