Das Rheinland wird besetzt

Rheinufer Königswinter
Rheinufer Königswinter

[Rheinprovinz, Dezember 1918]

Für die meisten Deutschen war die Niederlage völlig überraschend gekommen; und nun standen auch noch fremde Besatzungstruppen im Land. Noch immer herrschte Kriegsrecht, galten die Bestimmungen des Waffenstillstandes von Compiègne. Die Menschen litten Hunger, und auf einen maßvollen Frieden konnte man bestenfalls hoffen.

Ungewissheit und Trauer

Ungewissheit über die Zukunft prägte die Stimmung im Rheinland. Lottie stand am Rheinufer und schaute hinüber. Dort, auf der anderen Rheinseite, war nun Ausland oder zumindest besetztes Gebiet. Die Pontonbrücken über den Rhein waren schon wieder abgebaut.

Sie dachte ihren Onkel Hans und Susans Mann Etienne, beide waren lange tot. Beim Versuch, ihren geliebten Rheindampfer „Aimée“ dem Roten Kreuz zur Verfügung zu stellen, waren sie ums Leben gekommen. Lottie hatte nie erfahren, was aus dem Dampfer geworden war. Sie dachte auch an die vielen Winzer drüben auf der linken Rheinseite. Alle linksrheinischen Weinbaugebiete von der Rheinpfalz über die Nahe und Mosel-Saar-Ruwer einschließlich des Rheingau liegen auf unabsehbare Zeit in der französischen Besatzungszone; Elsass-Lothringen war wieder französisches Staatsgebiet.

Besatzung durch britische und kanadische Soldaten

Nach dem Abzug der in Bonn stationierten deutschen Truppen waren an die 10.000 britische und kanadische Soldaten in Bonn eingerückt. Am 6. Dezember trafen die ersten englischen Verbände in Köln ein. Im gesamten britischen Besetzungsgebiet galt seit dem 15. Dezember die britische Zeit, war es also eine Stunde früher als im übrigen Deutschland. Die Presse- und Versammlungsfreiheit wurden beschränkt, nächtliche Ausgangssperren verhängt und der Karneval wurde verboten. Viele Familien mussten Unterkünfte für englische Soldaten bereitstellen.

Die Grenze des Kölner Brückenkopfs ging mitten durch den Siegkreis hindurch. Oberkassel, Römlinghoven, Vinxel, Stieldorf, Rauschendorf und Oberpleis gehörten dazu, bei anderen Orten war man sich nicht sicher. Königswinter sollte wie Honnef und Linz zur neutralen Zone gehören, doch am 12. Dezember waren britische und kanadische Truppen auch hier einmarschiert. Sie hatten in verschiedenen Hotels Quartier bezogen, auch das Hotel auf dem Petersberg musste Betten stellen.

Man hatte bei der Waffenstillstandskommission in Trier am 18. Dezember Einspruch eingelegt, dem wurde stattgegeben. Noch vor Weihnachten würden die Kanadier abziehen.

Annektion durch Frankreich?

Die Nachbarschaft mit Frankreich war belastet, das wusste man schon seit den Tagen, als ihr Großvater Jean und ihr Onkel Hans als Kapitäne auf dem Rhein gefahren waren. Beide hatten den mächtigen alten Strom geliebt, der doch die Menschen an seinen Ufern verbinden sollte. Die Rheinkrise, das Gerede von der „Erbfeindschaft“, später die harten Bedingungen nach dem Sieg im Deutsch-Französischen Krieg .. all das hatte sie sehr traurig gemacht. Nun schlug das Pendel zurück. Schon sprach man im Umfeld des Ministerpräsidenten Poincaré vom Anschluss des Rheinlandes an Frankreich.

Kölnische Volkszeitung

Für viele Rheinländer war das eine reale Gefahr. Schon am 10. November 1918, noch einen Tag vor dem Waffenstillstand und einen Tag nach der Ausrufung der Republik in Berlin, hatte die „Kölnische Volkszeitung“, ein Organ der katholischen Zentrumspartei, eine Kampagne für eine Rheinische Republik im Rahmen des Reichs. Am 4. Dezember 1918 gab es aus dem Umfeld der Kölnischen Volkszeitung einen Versuch, eine Rheinische Republik auszurufen, der aber kaum auf Resonanz stieß. Auch Lottie glaubte nicht, dass ein neutraler, rheinischer Pufferstaat allein alle Probleme lösen konnte. Dem kleinen Belgien hatte seine Neutralität nichts geholfen.

Auf lange Sicht könnte ein starker rheinischer Staat innerhalb des Deutschen Reiches, der aus der geografischen wie kulturellen Nähe zu Westeuropa eine Art Bindeglied zwischen Frankreich und Belgien und den östlicheren Reichsgebieten helfen. Aber dazu bedurfte es einer grenzüberschreitenden Zusammenarbeit, und die sah Lottie noch in weiter Ferne nach all dem Schrecklichen, was in Frankreich und Belgien geschehen war. Vieles davon hatte sie erst nach und nach erfahren. Wie auch immer der neue deutsche Staat beschaffen sein würde – man musste einfach mit Frankreich zu einem Ausgleich kommen, der ein friedliches Miteinander beider Länder ermöglichte.

„Was für ein trauriger Advent“, dachte Lottie. Der Krieg war vorbei, aber nicht für die Menschen hier am Rhein, und ehrlicherweise auch nicht für die Besatzungssoldaten von weit her.

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