Belle Epoque

Toulouse-Lautrec
Toulouse-Lautrec,

[Rheinprovinz, um 1900]

Mit den Nachbarn war Frieden, wirtschaftlich ging es aufwärts. Auch am Rhein ließ es sich gut leben, und im Siebengebirge war der Tourismus war zu einem wichtigen Wirtschaftszweig geworden. Auf dem Drachenfels gab es neben der Drachenburg und der Zahnradbahn ein Hotel, ein Fotografiezelt, eine Souvenirbude und eine Poststelle. In Königswinter am Rhein flanierten elegante Damen und Herren die Rheinpromenade entlang; warteten auf den Köln-Düsseldorfer Dampfer oder gönnten sich eine Erfrischung in einem der Restaurants. Vornehme Gäste von außerhalb residierten in einem der Hotels mit Blick auf dem Rhein. Belle Époque nannte man diese ungefähr 30 Jahre um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert, hauptsächlich in Europa.

Moderne Kunst

Auf den Boulevards der Metropolen, in den Cafés und Cabarets, den Ateliers und Galerien, den Konzertsälen und Salons konnte man eine erstaunliche, hochdynamische kulturelle Entwicklung beobachten.

Auch Sophie liebte die moderne Kunst. Sie hatte sich schon für die Impressionisten um Monet, Manet und Renoir begeistert, sich sogar von ihren Bildern inspirieren lassen. Sie liebte das Leichte, Luftige in ihren Bildern, der ganze Prunk des Wilhelminischen Zeitalters in Deutschland war ihr zu viel. Die neuen Strömungen in der Malerei, die Impressionisten, Expressionisten, Kubisten, Fauvisten, Futuristen, Sophie kam kaum mehr mit – sie alle versuchten auf ihre Weise, die sich rasant ändernde Welt und ihre eigene Wahrnehmung mit neuen Mitteln in ihrer eigenen Interpretation wiederzugeben. In dieser faszinierenden Zeit, in der sich vieles mit unglaublicher Geschwindigkeit änderte, konnte doch die Kunst nicht dieselbe bleiben!

„Dem Kaiser dürfte man damit nicht kommen“ dachte sie. Wilhelm II. lehnte die moderne Kunst seiner Zeit rundweg ab. Das galt für die Impressionisten, eher abfällig „Freilichtmaler“ genannt, wie auch für die Literatur seiner Zeit. Nach der Uraufführung von Gerhard Hauptmanns Drama „Die Weber“ im Deutschen Theater kündigte der Kaiser seine Loge; und viele seiner Untertanen stimmten ihm zu. Der Kaiser liebte die Historienmalerei, vor allem wenn sie die Hohenzollern verherrlichte.

Eine neue Generation

Nach vielen glücklichen Jahren an der Gesandtschaft Österreich-Ungarns in Brüssel ging Graf Andras Csabanys diplomatischer Dienst zu Ende. Nun würde sein Sohn Jozsef, genannt Joscha, ihm nachfolgen. Sophie blieb Schirmherrin ihres Ausbildungs- und Austauschprogramm für Hutmacherinnen und Modistinnen. In München und Brüssel hatten ehemalige Schülerinnen die Leitung der Lehrbetriebe übernommen; sie selbst war bei möglichst vielen Premieren dabei. Csabanys waren eine angesehene Familie, ihr Name öffnete vielen Türen.

Solange sie gesund blieben, wollten Sophie und ihr Mann viel reisen. Weniger Vergnügungsreisen, auch wenn die Weltausstellungen in rascher Folge und ab 1896 die Olympischen Spiele der Neuzeit dazu anregten – als vielmehr der Familie wegen. Sophie stammte vom Rhein, hier auf dem Bergmannschen Weingut lebte auch ihre Tochter Lottie mit ihrem Mann Matthias. Graf Csabanys Familie war in Wien und in Ungarn zuhause, Joscha arbeitete an der Gesandtschaft in Brüssel und in München, ihrer ersten Station als Diplomaten, hatten sie viele Freunde. Vor allem aber waren sie seit kurzem Großeltern. Lottie und Matthias hatten eine kleine Tochter bekommen, Kathi, so benannt nach ihrer Großmutter väterlicherseits Katalyn.

Nun saßen Sophie, ihre Tochter Lottie und Bergmanns auf bequemen Korbstühlen draußen auf dem Weingut und prosteten sich zu. Auch Bergmanns waren inzwischen Großeltern; Susan und Etienne hatten eine kleine Tochter, Marie. Heute war ihr Geburtstag, gerade hatte sie die Kerzen auf ihrem Geburtstagskuchen mit Hilfe ihres Vaters Etienne ausgepustet, und machte sich nun daran, ihre Geschenke auszupacken. Lena schmunzelte. „Während der Saison sehe ich sie kaum“, sagte sie, „da sind sie die meiste Zeit auf der ‚Aimée‘ unterwegs. Das Geschäft läuft richtig gut, sie sind überall willkommen, und was am wichtigsten ist – sie sind glücklich.“

Auf Sophies Schoss saß ihre Enkeltochter Kathi und gluckste vergnügt. „Das ist schon der 1900er Riesling“, meinte Lottie stolz, „er ist gut geworden, nicht?“ Sophie lächelte. „Ja, er ist himmlisch“, antworte sie. Und dachte, dass ihre Tochter ihre Bestimmung gefunden hatte. „Dann werden wir Joscha in Brüssel einige Kisten davon schicken“ meinte Lottie zufrieden. Dann fügte sie mit einem verschmitzten Lächeln hinzu: „Da ist noch etwas .. Du wirst bald noch einmal Oma!“

Sophie war überglücklich. Ja, für sie war es eine „schöne Zeit“, nach all dem, was sie erlebt hatten. Als Kind hatte der Vater ihr Heines verbotene Verse vorgetragen, da war die Oma, mit der sie Butterbrote schmierte, der Opa, der lange Jahres treuer Staatsdiener war und am Ende hatte fließen müssen und im Exil gestorben war. Und dann Andras Csabany, die Liebe ihres Lebens, von dem sie viele Jahre lang getrennt war. Nein, Sophie verschloss die Augen nicht – ihre Lebensfreude entsprang auch tiefer Dankbarkeit gegenüber ihrem guten Geschick in der zweiten Lebenshälfte.

Nicht für alle eine schöne Zeit

Doch Sophie war zu sehr dasselbe Kind geblieben, um nicht zu sehen, dass die „schöne Epoche“ nicht für alle schön war. Da war das Elend in den Mietskasernen der Industrieproletarier in den großen Städten, in Preußen galt noch immer das Drei-Klassen-Wahlrecht. Da waren der zunehmende Militarismus in Deutschland, das Kastenwesen und die Doppelmoral vieler Menschen. Nicht nur Kaiser und Kronprinzen hatten ihre Affären. Der nach außen hin vorbildliche Familienvater, der in einem repräsentativen Haus an einem prachtvollen Boulevard residierte und auch die Knöpfe am Matrosenanzug des Sohnes polieren ließ, machte auf der Rückkehr von langen Abenden im Amt vielleicht noch einen Abstecher in eine Kaschemme oder gar ein Kartell. Und dann glaubte man, auf andere herabschauen zu können, die nicht ganz so hochwohlgeboren waren.

Auch mit einigen Auswüchsen der Mode konnte sie sich nicht anfreunden. Die Damen trugen nun lange, glockige Röcke und hochgeschlossene Oberteile mit an den Schultern gepufften Ärmeln. Dazu kamen große Hüte auf, richtige „Wagenräder“, die man auf die phantasiereichste und kunstvollste Art mit Stoffkreationen, Blüten, Spitze oder Federn schmückte. Nicht alles war kunstvoll, fand Sophie, bei vielen Hüten galt wohl „Hauptsache teuer“, Stil hatten sie nicht. Es schien, als ob man im Wilhelminischen Deutschland den Wohlstand der Trägerinnen oder besser den des Herrn Gemahls auf dem Kopf herumtragen wollte. Wie gerne hatte sie da den Familien der Steinarbeiter geholfen!

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