Aufschwung – auf Pump

Köln, am Rheinufer
Köln, am Rheinufer

[Deutschland, 1926/28]

Wirtschaftlich ging es aufwärts in der Weimarer Republik. Nach all den schlimmen Jahren hätte man fast die Welt aus den Angeln heben mögen. Clärenore Stinnes fuhr mit ihrem Auto um die Welt, Charles Lindbergh flog non stop von New York nach Paris. Max Schmeling wurde Europameister und feierte auch drüben in New York Erfolge.

Auch Kathis Familie war aus dem gröbsten heraus und konnte auch mal Freizeit genießen. Der kleine Robert Schmieder war ganz fasziniert von Flugzeugen und Zeppelinen, er bestürmte seinen Großonkel Joscha in den USA, ihm Bilder zu schicken. Der Eifer des Kleinen brachte seine Großmutter Lottie immer wieder zum Schmunzeln. Da waren die richtigen beisammen. Damals als Bub, während ihrer Kindheit in Bayern, hatte auch Joscha mit König Ludwigs II. vom Fliegen geträumt, und schon damals wollte er einmal mit dem Flugzeug nach Amerika fliegen. Vielleicht würde dieser Traum jetzt für ihn wahr, ganz bestimmt für Robert. An manchen Tagen gab sich auch Lottie ans Träumen. Nun, wo es ein bisschen aufwärts ging, wäre sie so gerne noch einmal nach Amerika gefahren, um auf dem Weingut zu helfen. Vielleicht war es ja bald vorbei mit der Prohibition, und dann würde jede Hand zum Wiederaufbau benötigt.

Tiefe Gräben in der Gesellschaft

Max hatte gehofft, dass mit dem Aufschwung, mit der neuen Freude am Leben in den „Goldenen Zwanzigern“ auch die tiefen Gräben in der Gesellschaft verschwinden würden oder wenigstens überbrückt werden konnten. Aber die konservativen Parteien hielten alte, obrigkeitsstaatliche Traditionen hoch. Die Arbeiterbewegung auf der einen und Interessenverbänden der Industrie auf der anderen standen sich unversöhnlich gegenüber. Da war wenig Raum, sich im Interesse der Republik zusammenzuraufen, und viele wollten es auch nicht.

Viele Parteipolitiker stellten die Interesse der Partei über den Erfolg einer Regierungskoalition. Im Kaiserreich hatten sie im Reichstag debattiert und Mehrheiten beschafft, doch nie Regierungsverantwortung getragen. Der Reichskanzler war vom Kaiser ernannt und ihm allein verantwortlich gewesen. Regierungsverantwortung schloss die Bereitschaft zum Kompromiss und den Mut zu unpopulären Entscheidungen ein. Hatte ein Regierungspolitiker diese Eigenschaften, lief er Gefahr, von der eigenen Fraktion oder Parteispitze demontiert zu werden. So verband man Demokratie vor allem auch mit Parteienhader, der vernünftiges Regieren und Voranbringen schwer bis unmöglich machte.

Heimliche Wiederaufrüstung

Noch lange nach der Befreiungsfeier in Köln im Januar 1926 gingen die Bilder vom Reichspräsidenten und dem „Stahlhelm“ Max nicht aus dem Kopf. Längst nicht alle Menschen waren zur Verständigung bereit; Außenminister Stresemann und sein französischer Amtskollege Briand wurden in ihren Ländern zum Teil heftig angegriffen. Stresemann wurde in der rechten Presse Verräter verunglimpft, auch im gemäßigten Lager wurde das Entgegenkommen der Franzosen und Briten kaum gewürdigt. Und die Generalität wollte keine Verständigung, sondern ihre militärische Macht zurück, und sie wollte Revanche. Heimlich wurde aufgerüstet.

Im Dezember 1926 enthüllte der ehemalige Reichskanzler Philipp Scheidemann (SPD) im Reichstag die geheime Zusammenarbeit der Reichswehr mit der Sowjetunion – nach dem Versailler Vertrag war das verboten. Ein von der SPD initiiertes Misstrauensvotum stürzte Reichkanzler Wilhelm Marx und seine Regierung. Damit war mit der SPD das Porzellan erst einmal zerschlagen. Im vierten Kabinett Marx war die DNVP dabei.

Sozialgesetzgebung, Arbeitslosenversicherung und Acht-Stunden-Tag

Reichskanzler Wilhelm Marx konnte sein Kabinett nur mit Mühe zusammenhalten. Am rechten Rand hätte ein großer Teil der DNVP lieber Fundamentalopposition betrieben als in eine Koalition Regierungsverantwortung zu übernehmen, im Zentrum waren die linken Republikaner um Joseph Wirth entsetzt, dass man überhaupt mit der DNVP koalierte. Dennoch wurden bedeutende Gesetze verabschiedet, so das Gesetz über die Arbeitslosenvermittlung und Arbeitslosenversicherung vom 1. Oktober 1927.

Auch für die Menschen wurde viel getan: Wöchnerinnen- und Mutterschutz wurde Pflichtleistung der Krankenkassen, besonderer Arbeits- und Kündigungsschutz für werdende und stillende Mütter wurde Gesetz, es gab Erholungsurlaub mit Lohnfortzahlung, Vertretung durch Betriebsräte, neue Wohnungen und Erziehungshilfen. 1928 erreichte der Reallohn der unteren Einkommensschichten den Stand von 1914.

Um den Achtstundentag gab es ein ständiges Ringen, in dem sich die Fronten zunehmend verhärteten. Er war eine zentrale Errungenschaft der Revolution vom 1918 (Stinnes-Legien-Abkommen). Zum Ende des Krisenjahrs 1923 war es aus der Not heraus notwendig geworden, längere Arbeitszeiten zu ermöglichen, um Wirtschaft und Industrie wieder in Gang zu bringen. Das Arbeitszeitnotgesetz vom Mai 1927 schrieb dann zwar den Acht-Stunden-Tag fest, erlaubte aber längere Tätigkeiten bei einem entsprechenden Überstundenausgleich.

Große Koalition

Die Reichstagswahl 1928 brachte der SPD einen klaren Sieg; nun regierte eine große Koalition unter dem Sozialdemokraten Hermann Müller mit einer breiten Mehrheit im Reichstag. Das stimmte optimistisch, doch genauere Beobachter sahen mögliche Bruchlinien.

Die SPD-Minister standen zwischen ihrer Reichstagsfraktion und den Koalitionspartnern, die DVP orientierte sich immer mehr an der Wirtschaft, wurde zu einer Interessenpartei, in der sich ihr Vorsitzender Außenminister Stresemann schließlich nicht mehr wiederfand. Das Zentrum war zerstritten und ging immer mehr nach rechts, im Dezember 1928 wurde der erzkonservative Prälat Kaas Nachfolger von Wilhelm Marx. Die ehemals liberale DDP war im Niedergang begriffen und suchte schließlich ihr Heil in einem Rechtsruck. Und dem Reichspräsidenten Hindenburg waren Hermann Müller und seine Sozialdemokraten kaum genehm.

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